Verkündigung in einer Zeit des Umbruchs

Verkündigungsbilder

Alte Pinakothek München zeigt 120 Meisterwerke aus der Florentiner Renaissance-Malerei

Sie malten unbeirrt in satten Farben und mit feinen Pinselstrichen - als würden keine Wolken am Horizont stehen. Dies auch bei der Verkündigung des Erzengels Gabriel an Maria von Francesco Rosselli aus dem Stundenbuch der Lucrezia de Medici um 1485 (linkes Bild). Hier weitet sich der Blick aus dem riesigen Fenster zu einem strahlenden Himmel und sanften Hügeln mit einem Türmchen - von einer Kirche?

Bis Ende Januar zeigt die Alte Pinakothek in München 120 Gemälde aus der Blütezeit florentinischer Malkunst vom 14. bis ins 16. Jahrhundert. Schon der Wittelsbacher Ludwig I. hatte in der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts Meisterwerke dort sammeln lassen. Religiösen Bildern galt sein besonderes Interesse. So gibt es auch in der aktuellen Ausstellung "Florenz und seine Maler" zahlreiche adventliche Szenen der Verkündigung an Maria zu sehen - bevor die Geburt Christi oder seine Passion Raum gewinnt. Das Stundenbuch gelangte jedoch schon im 6. Jahrhundert nach München.

Um 1490 hielt sich die Florentiner Renaissance-Malerei schon seit Jahrzehnten auf ihrem Höhepunkt. Die Metropole beanspruchte, unter dem besonderen Schutz der Mutter Jesu zu stehen. In der Florentiner Servitenkirche befand sich bereits seit Jahrhunderten ein Bild der Verkündigungsszene. Es sollte entweder von der Hand eines Engels oder des Evangelisten Lukas stammen.

Blühende Erwartung?

Auf der Miniatur Francesco Rossellis präsentiert der kniende Engel Maria einen blühenden Zweig - der Stamm Jesse? Eine blühende Zukunft? Halt: Allein schon der Name "Florenz" leitet sich von der Bedeutung "der Blühende" her. Wehrt Maria ab oder segnen ihre Hände?

Eindeutiger waren die Erwartungen des Dominikaners und Bußpredigers Girolamo Savonarola (1452- 1498) an die Zukunft: Seine mitreißenden Predigten bekamen nach privaten Offenbarungen ein zunehmend endzeitliches Gepräge. Er forderte eine Kirchenreform. 1487 musste er Florenz verlassen. Zu sehr hatten seine flammenden Reden gegen die Dekadenz Begeisterung geweckt.

Florenz beherrschte Lorenzo de Medici (1449-1492), "der Prächtige": Er hatte zwar kein offizielles Amt inne, doch an seinem Geld und seinem Einfluss kam niemand vorbei. Großzügig förderte er die Künste. Unser kleines, aber prachtvolles Stundenbuch entstand als ein Hochzeitsgeschenk an seine Tochter Lucrezia. Der Buchdeckel etwa wird von prachtvollen Ästen des immergrünen Lorbeers geschmückt. Deren italienischer Name "lauro" ist als eine deutliche Anspielung auf Lorenzos Namen zu verstehen. Das Stundenbuch spielte offenbar gerne damit.

Die Realität war düsterer: Unaufhaltsam rückten um 1490 die Osmanen auf den Balkan nach Norden vor. Sie verwickelten auch die italienischen Städte in Abwehrkämpfe. Der Habsburger Maximilian erheiratete sich Burgund, das bei den Medici hoch verschuldet war. Der französische König kämpfte dagegen. In einer Frage waren sich beide einig: Die Rückzahlung der Schulden an die Medici kam nicht infrage. Gleichzeitig expandierten die Franzosen Richtung Italien. 1490 wünschte Lorenzo de Medici ausdrücklich die Rückkehr Savonarolas nach Florenz. Da war der Bankier schon schmerzhaft von Athrose gezeichnet.

Gleichzeitig malte Lorenzo di Credi seine Verkündigung Marias (rechts oben). Es erscheint in der Alten Pinakothek als Werk in der reifen mittleren Schaffenszeit Credis um 1490. Die Gebäude dort weisen für die Aussteller in der Alten Pinakothek auf ein Landhaus hin, in oder an dem es eine Kapelle bereichert. Zwischen Maria und Engel weitet sich der Blick auf eine Loggia nach draußen. Der Raum zwischen ihnen glänzt durch Leere: Ein Weg führt hier zu einem Gewässer. Der Weg des Lebens ihrer Schwangerschaft, während Jesus in dem prächtigen Tempel oder Palast ihres Leibes Wohnung nahm? Denn dies  ist das Zentrum des Bildes. Die Landschaft erscheint arkadisch, sehr geordnet. Aber die Farben sind getragener. Doch was zeigen ihre Hände: Abwehr, Frage oder lehrt sie?

Scheiterhaufen statt Kunst

Eher am Rande zeigt die Pinakothek die weiteren Entwicklungen in Florenz. Sie überstürzten sich nun: 1492 starb erst 43-jährig Lorenzo
de Medici. Schon an seinem Sterbebett hatte Savonarola verlangt, dass die Medicis fortan auf die Macht verzichten sollten. Sein ältester Sohn Piero hieß im Volksmund nur der "Unglückliche". Das war wohl noch höflich gesagt: Er versagte mehrmals politisch. 1494 setzte er sich aus Florenz ab. Nun radikalisierten sich die Predigten Savonarolas weiter: Er unterstützte den französischen König Karl VIII., den er als neuen endzeitlichen Herrscher sah.

1497 zogen Rotten von Jugendlichen durch Florenz und beschlagnahmten wertvolle Gemälde, prunkvolle Möbel, Spielkarten, kostbare Handschriften und Kleidungsstücke. Auf einem riesigen Scheiterhaufen ließ Savonarola alles verbrennen. Der Maler Sandro Botticelli warf angeblich einige seiner Bilder sogar selbst in die Flammen. Viele bedeutende Künstler verließen Florenz.

Bald schon exkommunizierte der Papst den frühen Reformator. Der französische König kehrte unbeeindruckt nach Paris zurück. Auf demselben Platz, auf dem Savonarola zuvor das "Fegefeuer der Eitelkeiten" hatte veranstalten lassen, wurde er selbst verbrannt. Frauen versuchten, Knochenreste als Reliquien zu ergattern. Erst Pieros Sohn Lorenzo kehrte 1512 nach Florenz zurück. - Er wurde zum Vorbild des "Fürsten" Machiavellis.

Ausblicke der Hoffnung scheinen verbaut. Jenseits der schnöden realen Machtverhältnisse bleiben trotzdem die Bilder vom blühenden Zweig und weiten Weg. Auf welche adventliche Erwartung richten wir unsere Hoffnung?

Ausstellung "Florenz und seine Maler" bis 27. Januar 2019 in der Alten Pinakothek München. Dienstags und mittwochs von 10 bis 21 Uhr, donnerstags bis sonntags von 10 bis 18 Uhr. Mehr online unter www.pinakothek.de/florenz, Eintrittspreis 12 Euro, unter 18 Jahre frei. Ausstellungskatalog zu 34,90 Euro.

 

                       Susanne Borée/PR

Außerdem lesen Sie unter anderen in unserer gedruckten Ausgabe vom 16. Dezember 2018:

- Hoffnung auf aktiveren Umweltschutz auch im kirchlichen Rahmen

- Wenn Patchwork-Familien Weihnachten feiern, steppt oft der Bär

- Urlaub zum Arbeiten: Die Vierecks halfen beim Bau einer äthiopischen Schule mit

=> Interesse an diesen Artikeln der gedruckten Ausgabe?

Diese, die wöchentlichen Rätsel und vieles mehr können Sie bei unserem kostenlosen Probeabo entdecken

=> Gleich online bestellen

 

 

www.kirchenpresse.de - Evangelische Wochenzeitung im Internet