Neues Zusammenwirken gegen Zwist

Kaveh Qasmi Kermanshahi
Kaveh Qasmi Kermanshahi. Foto: Privat

Iranischer Jurist mit Fluchthintergrund ist nun als Konflikttrainer tätig

Gemeinsam auf einem Weg zu weniger Zwist: Konflikttrainer nehmen schwierige Situationen wahr, die dazu führen können. Der systemische Ansatz zur konstruktiven Konfliktbearbeitung A.T.C.C. ("Approche et transformation constructives des conflits") geht davon aus, dass ein Zugang zu der Ursache des Konfliktes gefunden werden muss. So kann ein passender Weg gefunden werden, damit die Betroffenen dann selbst für sich sorgen können. Das Fränkische Bildungswerk für Friedensarbeit e. V. (FBF) in Nürnberg engagiert sich bei solchen Ausbildungen. Und zu den neuen "A.T.C.C.-Trainern" gehört auch ein iranischer Jurist mit Fluchthintergrund, Kaveh Qasmi Kermanshahi.

Der 34-Jährige stammt aus dem iranischen Kurdistan. 2011 flüchtete er, weil er aufgrund seiner Menschenrechtsarbeit verfolgt wurde. 2010 musste er bereits für vier Monate ins Gefängnis, eine weitere Haftstrafe drohte. In Kurdistan engagierte er sich als Sprecher für ein Menschenrechtsnetzwerk. Er trat für die Rechte von Minderheiten, Frauen und politischen Gefangenen sowie gegen die Todesstrafe ein. 2011 wurde er als einer der Preisträger Human Rights Watch ausgewählt.

Nach einem Jahr im irakischen Kurdistan wurde er von der UN-Flüchtlingsorganisation UNHCR als Flüchtling anerkannt und kam 2012 nach Deutschland. Hier engagierte er sich weiter, er schrieb Artikel oder hielt Vorträge zu den Menschenrechtsverletzungen im Iran, seit 2016 arbeitete er in einer Unterkunft für minderjährige Flüchtlinge als Betreuer. Kaveh Kermanshahi arbeitet beim Jugendamt als Betreuer in der Familienhilfe mit Menschen mit Fluchthintergrund. Im März begann er mit einem Studium "Soziale Arbeit als Menschenrechtsprofession" in Berlin.

Nun startet beim Fränkischen Bildungswerk für Friedensarbeit ein neuer, zweijähriger Ausbildungskurs. Die Ausbildung von Kaveh Kermanshahi konnte über die Aktionsgemeinschaft Dienst für den Frieden (AGDF) finanziert werden. Die Fragen stellte Susanne Borée:

Welche neuen Perspektiven und Verarbeitungstechniken haben Sie genau durch die Teilnahme an der Ausbildung zum Konfliktbearbeiter gewonnen?

Zu meinen neuen Perspektiven gehört das Wahrnehmen und Akzeptieren von Konflikten. Besonders wichtig bezüglich kultureller Konflikte war für mich die Einsicht, dass jeder Mensch neben einer religiösen, nationalen oder ethnischen Kultur auch eine persönliche Kultur entwickelt, die nicht ignoriert oder missachtet werden sollte.

Dafür konnte ich durch die Ausbildung mit ihrem transkulturellen Schwerpunkt ein besseres Verständnis und eine bessere Wahrnehmung für kulturelle Unterschiede entwickeln und habe verschiedene Methoden kennengelernt, die Konfliktparteien mit ihren unterschiedlichen Meinungen in den Prozess der Konfliktbewältigung einzubinden. Speziell das Auffinden und Herausarbeiten von Gemeinsamkeiten und Unterschieden hat sich für mich hier als sinnvolle Methode erwiesen.

Welche positiven Effekte auf persönlicher wie beruflicher Ebene, die Ihnen die Ausbildung gebracht hat, können Sie genau nennen?

Für mich persönlich positiv ist, dass auch meine Selbstwahrnehmung und meine Konfliktwahrnehmung im privaten Umfeld trainiert wurde. Der erfolgreiche Abschluss der Ausbildung selbst hat mir zunächst einmal viele neue berufliche Möglichkeiten eröffnet. Ich fühle mich nun gut auf die Durchführung von Seminaren vorbereitet. Hier ist insbesondere die Fähigkeit  hervorzuheben, Konflikte während solcher Veranstaltungen zu erkennen und zu steuern. Auch lernte ich während der Ausbildung, in solchen Situationen strukturell bedingte Macht­unterschiede, etwa aufgrund von Privilegien, wahrzunehmen und hier möglichst ausgleichend zu ­wirken.

Unsere beiden Trainer, ihre Methoden, der Aufbau einer Beziehung zu den Teilnehmern und Teilnehmerinnen und ihre Ratschläge auch außerhalb der regulären Ausbildungszeit haben mich sehr beeindruckt. Eine solche Art des Lernens kannte ich zuvor nicht. Ich habe es als sehr positiv wahrgenommen.

Welche Unterschiede und Gemeinsamkeiten fielen Ihnen beim  Austausch mit den anderen Teilnehmern der Gruppe auf?

Ich war in unserer Gruppe die einzige Person, die nicht in Deutschland geboren wurde, Deutsch nicht muttersprachlich spricht und Fluchterfahrung hat. Wegen des unterschiedlichen Sprachniveaus, fiel es mir deshalb schwerer die Inhalte der Ausbildung aufzunehmen. Ich brauchte mehr Zeit für unsere Übungen. Auf informeller Ebene fielen mir besonders die kulturellen Unterschiede auf, beispielsweise während unserer gemeinsamen Mahlzeiten. Im Laufe der Ausbildung entdeckte ich aber auch Gemeinsamkeiten mit einigen Teilnehmern. Wir hatten etwa gleiche Ansichten bezüglich der Nützlichkeit von Trainingsmethoden oder hinsichtlich politischer und sozialer Konflikte im In- und Ausland.

Auf welche Weise verhalfen diese Ihnen dazu, Ihre Erfahrungen im Iran und während der Flucht aufzubereiten?

Die Ausbildung hat mir einen Raum gegeben, darüber offen zu sprechen. Hierzu gehörten die von mir erlebte Diskriminierung, die zu meiner Inhaftierung und schließlich zu meiner Flucht führten. Ebenso wurden Erfahrungen mit Rassismus und negative Erfahrungen als Geflüchteter in Deutschland thematisiert. Besonders wichtig für mich war außerdem die biografische Arbeit als Teil der Ausbildung. Hier konnte ich innerlich zum ersten Mal für mich selbst ein vollständiges Bild meiner Fluchterfahrung bekommen.

Wie können Sie Ihre neuen Erfahrungen bei Ihrer Tätigkeit als Betreuer in der Familienhilfe und mit Jugendlichen gebrauchen?

Hier helfen mir natürlich die bereits oben erwähnten Arbeitsmethoden, etwa das Erkennen und Anerkennen von Konflikten aufgrund kultureller Unterschiede oder verschiedener Machtpositionen. Die in der Ausbildung vermittelte Sensibilität für Konflikte und das Erkennen von strukturellen, persönlichen oder kulturellen Ursachen helfen mir außerdem täglich in fast allen Bereichen meiner Arbeit. Auch kann ich durch die Ausbildung eine manchmal problematische Sichtweise von Mitarbeitern in den Jugendämtern besser wahrnehmen. Diese versuchen oftmals Konflikte, etwa wegen Macht, fälschlicherweise auf kulturelle Unterschiede abzuwälzen, ohne allgemeinere Ursachen in Betracht zu ziehen.

Weitere Informationen zum Fränkischen Bildungswerk für Friedensarbeit e. V., Tel. 0911/288-500, E-Mail schachner(at)fbf-nuernberg.de.   

 

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