Wie sich Neues formen kann

Christiane Kunz
Christiane Kunz koordiniert das Kinderhospiz "Sternenzelt". Foto: Borée

Lebenslinien in Gottes Hand: Christiane Kunz koordiniert das Kinderhospiz ''Sternenzelt''

''Dann ist nichts mehr, wie es war. Wir bekommen uns altes Leben nicht zurück.'' Christiane Kunz weiß, wovon sie spricht. Sie ist nicht nur Koordinatorin des Vereins "Kinderhospiz Sternenzelt e. V." in Marktheidenfeld in Mainfranken. Es besteht seit zehn Jahren und feiert das Jubiläum. Nein, Kunz kann gleichzeitig auf eigene Erfahrungen zurückgreifen, bei denen ihr der Tod ganz nahe kam: Es war an einem Sonntagnachmittag im Februar 2007. Plötzlich klingelten die Notfallseelsorger bei ihr: Der 20-jährige Sohn war in einer Straßenkurve nicht weit entfernt tödlich verunglückt. Was ihr Leben in Sekundenbruchteilen veränderte, dauert bei anderen Familien manchmal Jahre: Der Abschied von dem eigenen Kind.

Am 14. Oktober ist der Deutsche Hospiztag. Da das "Sternenzelt" nun auch zehnjähriges Bestehen feiert, soll auch seine Arbeit vorgestellt werden, obwohl es noch einen eigenen Kinderhospiztag am 10. Februar gibt. Doch vieles ist vergleichbar - und dann auch wieder ganz unterschiedlich.

Wir haben doch gerade erst zu Mittag gegessen! So konnte Christiane Kunz im Februar 2007 nur denken. Und dass in einer Kurve, in der sie schon selbst gescheitert war - kam aber zum Glück mit dem Schrecken davon. Sie versuchte weiter zu funktionieren, auch nachdem ihr Sohn begraben war. Aber immer wieder stand plötzlich die Frage vor ihr: Wie kann ich das jetzt tun, da mein Kind doch tot ist?

Christiane Kunz stellte sich dem: Anstatt weiter ihrem Beruf als Krankenschwester nachzugehen, machte die Mittvierzigerin nun eine erneute Ausbildung am Institut für Trauerarbeit in Hamburg. In ihrer Abschluss-arbeit stellte sie dar, wie sie selbst den Verlust verarbeitet hat. Und sie sammelte Märchen, Träume und Bilder, die ihr über diese Phasen hinweghalfen.

Seit dreieinhalb Jahren ist sie nun als Koordinatorin im ambulanten Kinderhospiz Marktheidenfeld tätig. "Dass du das kannst!" Das Staunen darüber begegnet ihr immer wieder. Aber Christiane Kunz hat die Gewissheit: Es gibt etwas, das über den Tod hinausgeht. Und sie ist sich sicher, ihren Sohn wieder zu sehen. "Ich kann es nicht anderen abnehmen", die vielleicht in einem langen Weg Abschied von ihrem Kind nehmen müssen, "aber ich kann Wege aufzeigen", die vielleicht für andere gangbar sind.

Dabei ist der Verein "Sternenzelt" weltanschaulich unabhängig. "Wir missionieren nicht." Weder in Bezug auf die letzten Dinge als auch bei den vorletzten. Das gehe ganz und gar nicht, so Kunz entschieden, dass vielleicht Kinderhospizhelfer die Familien von alternativen Heilmethoden überzeugen wollen. Die Hoffnung darauf steigt, gerade wenn die Schulmedizin an ihre Grenzen kommt.

Die ehrenamtlichen Familienbegleiter sollen ihrer Bezeichnung gerecht werden: Den Familien mit einem schwerstbehinderten Sohn oder einer Tochter mit einer lebensbegrenzenden Erkrankung zur Seite stehen und nicht selbst einen Weg weisen. Intensiv arbeitet der Verein mit Pflegediensten und dem Palliativteam der Malteser in der Region Höchberg zusammen. "Das ist ein Riesengewinn. Es hat schon manchen Krankenhausaufenthalt erübrigt."

Die ehrenamtlichen Helfer begleiten nach einer intensiven Ausbildung die Familie des schwer erkrankten Kindes. Manchmal lesen sie ihm einfach vor. Oder sie begleiten ein Geschwisterkind zum Fußballspiel. Oder sind einfach dann da, wenn die Eltern eine Auszeit brauchen oder in Ruhe einkaufen wollen. Der Rahmen von zwei bis drei Stunden wöchentlicher Begleitung sollte nicht gesprengt werden. Ist eine intensivere Begleitung notwendig, wird ein zweiter Helfer mit eingesetzt.
Im Unterschied zu den Hospizbegleitern für Erwachsene kann diese Begleitung manchmal Jahre dauern. Aktuell begleitet der Verein elf Familien mit betroffenen Kindern. Kunz will auch betroffenen Familien die Angst nehmen: "Das Kind stirbt nicht gleich, nur weil sie hierher ins Hospiz kommen." Sie fügt hinzu: "Wir begleiten auch über den Tod hinaus." Etwa bei den Beerdigungen. Wird der Sarg bemalt? Gibt es einen Fingerabdruck des Kindes, den die Angehörigen dann als Anhänger tragen können?

Überhaupt müssen sie zunächst eine umfangreiche Ausbildung von 120 Stunden absolvieren. Dazu schickt Christiane Kunz die zukünftigen Helfer für mehrere lange Wochenenden zur Ausbildung für Kinderhospizhelfer. Gerade gehen wieder vier Freiwillige aus der Region dorthin. Die Koordinatorin arbeitet aber auch daran, ab kommendem Herbst eine eigene Ausbildung in der Region aufzubauen.

Ferner organisiert Kunz, welche Helfer in welche Familien gehen. "Die Chemie muss stimmen", wie natürlich auch bei einer solchen Begleitung älterer sterbender Menschen. Sie führt die monatlichen Treffen der Helfer durch, organisiert Supervision und Fortbildungstage. Es gibt in den Schulferien eigene Tagestreffen für die Geschwisterkinder. Und Christiane Kunz organisiert Sommerfeste für die Familien und Helfer.

Daneben geht die Koordinatorin zusammen mit einem Ehrenamtlichen in den Religionsunterricht, um Schüler über das Kinderhospiz zu informieren. Ferner existiert noch eine Helfergruppe, deren Mitglieder selbst nicht in betroffene Familien gehen, die aber den Verein anderweitig unterstützt. Sie haben etwa mitgeholfen, das Haus des "Sternenzeltes" zu renovieren, das eine ehemalige Ziegelei die letzten Jahre dem "Sternenzelt" kostenfrei zur Verfügung gestellt hat. Der neue Eigentümer hat es dem Verein nun geschenkt. Ansonsten ist die Arbeit des Vereins neben einigen Zuschüssen von Krankenkassen auf Spenden angewiesen. Nachdem sie ein halbes Jahr mit einer Verwaltungskraft allein war, hat Kunz jetzt endlich wieder eine Kollegin bekommen.

Nun, zum zehnjährigen Bestehen des "Sternenzeltes", gibt es noch bis zum 18. Oktober eine Ausstellung "TrauerFarbSpiel" mit der Künstlerin Cordula Dreisbusch. Sie leitet die Selbsthilfegruppe Trauernder Eltern in Aschaffenburg, in der Kunz auch aktiv war. Viele Mitglieder drückten ihre Trauer künstlerisch aus. Die Ausstellung findet in der Sparkasse Mainfranken in Marktheidenfeld während der Öffnungszeiten statt. Und in der örtlichen Kirche St. Josef gibt es am Samstag, 13. Oktober, um 19 Uhr ein Benefizkonzert für das "Sternenzelt"

"Das alte Leben kommt nicht mehr zurück", erklärt Christiane Kunz zum Schluss noch einmal entschieden, "aber es formt sich etwas Neues". In ihrer eigenen Trauerphase habe ihr das Bild des Mobiles geholfen: Wenn ein Element abgeschnitten wird, gerät alles aus dem Gleichgewicht. Aber es kann sich vielleicht wieder neu einpendeln. Während ihrer Zeit am Trauerinstitut Hamburg hat Christiane Kunz auch ein Märchen von Inge Wuthe neu aufgeschrieben von der traurigen Traurigkeit, die niemand an sich heranlassen will. Nur eine kleine Frau hört ihr zu - die Hoffnung.

Mehr unter https://www.kinderhospiz-sternenzelt.de

                       Susanne Borée

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