Zeit füreinander nehmen

Brücke
Foto: Bek-Baier

Manche Menschen pflegen das Briefeschreiben. Ich meine richtige Briefe, nicht die kurzen Grußpostkarten aus dem Urlaub (obwohl die ja auch nett sind) oder die inzwischen schon fast berüchtigten 140-Zeichen-Nachrichten, Twitter oder sms oder dergleichen. Ich denke an lange Briefe, die etwas erzählen oder einen Dialog weiterführen, private Briefe, die eigentlich niemanden etwas angehen außer der Person oder den Personen, an die sie gerichtet sind.

Der erste Thessalonicherbrief ist so ein "privater" Brief. Endlich einmal hatte Paulus eine Gemeinde, über die er sich so richtig freuen konnte.

Wir danken Gott allezeit für euch alle, wenn wir in Gedanken bei euch sind in unseren Gebeten.

Nach Korinth hätte er kaum so geschrieben. Dort galt es, Konflikte zu bearbeiten. Hier aber konnte er sein Herz öffnen und richtig enthusiastisch werden:

Denn unsere Verkündigung des Evangeliums bei euch geschah nicht allein im Wort, sondern auch in der Kraft, im heiligen Geist und mit großer Wirkung; ihr wisst ja, wie wir bei euch aufgetreten sind zu eurem Besten.

Kein Selbstlob lese ich hier, sondern reines Glücksgefühl; und das teilt Paulus mit seinen Freunden in Thessalonich. Hier ist er unter Glaubensgenossen. Unter Freunden.

Woher kommt die Freundschaft, die sich so herzlich und direkt ausdrückt? Sie kommt aus dem geteilten Glauben:

Da ihr in großer Bedrängnis das Wort angenommen habt mit einer Freude, die aus dem heiligen Geist kommt.

Der gemeinsame Glaube ist es, der gesät wurde und Wurzeln geschlagen hat.

Ich kann mich an ein Gespräch erinnern, das ich während meiner Dienstjahre in Papua-Neuguinea mit einer neuseeländischen Pfingstlerin führte. Meine eigene Frömmigkeit ist von Haus aus weit entfernt von pfingstlerischen Glaubensformen. Noch dazu war das Gespräch auf Englisch, für mich eine Fremdsprache. Sie erzählte von einem Konflikt, in den sie geraten war. Das war ein langes Gespräch, in dem sie mich um Rat bat. Ich gab den, so gut ich konnte.

Am Ende sagte sie: "Du hast einen starken Glauben." Hätte ich von mir selbst nie so gesagt. Und daheim hätte ich es vielleicht von einer Pfingstlerin auch nicht so annehmen können. Aber das war ein Wort unter Freunden - denn das waren wir vielleicht vorher schon gewesen, auf jeden Fall aber durch dieses Gespräch geworden.

Gelernt habe ich daraus: Es lohnt, dass wir uns - auch in Glaubensfragen - Zeit nehmen füreinander, zum Zuhören und zum sorgfältig Antworten. Wir müssen uns vielleicht gegenseitig mehr zutrauen. Gerade in Zeiten der allzu schnellen und allzu kurzen Kommunikation ist das vielleicht etwas, das wir dringend pflegen müssen. Und dann kann es uns gehen wie dem Paulus, der an Freunde schreibt, weil er erfahren durfte: das sind Menschen, in denen der gleiche Glaube und die gleiche Grundüberzeugung lebt wie in mir auch. Ein echtes Geschenk!

            Dekan Uland Spahlinger, Dinkelsbühl

Gebet und Lied  657, 1+6::

1. Damit aus Fremden Freunde werden, kommst du als Mensch in unsre Zeit: Du gehst den Weg durch Leid und Armut, damit die Botschaft uns erreicht.
6. Damit aus Fremden Freunde werden, gibst du uns deinen Heilgen Geist, der, trotz der vielen Völker Grenzen, den Weg zur Einigkeit uns weist. Amen.

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