Gebete gegen Gebrechen und Vergessen

Claudia Berwind.
Claudia Berwind. Foto: Borée

700 Jahre im Dienst für den Nächsten - Kirchenmuseum blickt auf Anfänge zurück

Konrad Förster - ein Name ist überliefert über 700 Jahre hinweg. Er hat das Windsheimer Spital gestiftet. Die Bestätigungsurkunde vom 24. November  bezeichnet ihn als "selig“. Da war er wohl schon verstorben. In dem Jahrzehnt zuvor tritt er als ehrbarer Windsheimer Bürger immer mal wieder als Zeuge auf. "Es spricht viel dafür, dass er auch Mitglied des Stadtrates war“, ergänzt Claudia Berwind. Sie hat die Jubiläumsausstellung "700 Jahre Hospitalstiftung Windsheim"im Museum "Kirche in Franken"verwirklicht. Konrad Förster muss reich gewesen sein. Schließlich stiftete er nicht nur das Spital, sondern auch einen Hof in Erkenbrechts­hofen wenige Kilometer nördlich von Windsheim. Die Erträge von dort sollten den Alten und Kranken im Spital zugute kommen.

Mehr ist von Förster nicht bekannt, kein Geburtsdatum, nichts. Ist es nicht mehr, was man über einen Zeitraum von 700 Jahren erwarten könnte? Um ihn überhaupt greifbar machen zu können, hat Claudia Berwind einen Grabstein einer ähnlichen Persönlichkeit dargestellt: Johannes von Steren, der Bruder des Bürgermeisters Ecko, stiftete das Bürgerspital in Würzburg kurz davor, 1316. Ratsherr Konrad Förster dachte offenbar an sein Seelenheil - und machte zumindest seinen Namen auch irdisch ein wenig unsterblich. Seine Hospitalstiftung besteht als Seniorenheim bis heute.

Vor 700 Jahren war es geradezu modern, ein Spital zu stiften. Anfang des 14. Jahrhunderts entstanden in Mittelfranken viele solcher Orte: meist für 15 bis 40 Sieche - also Alte und Kranke - ausgerichtet. Sie alle übertraf die Gründung des Nürnberger Heilig-Geist-Spitals von 1339, das 200 Bedürftige aufnehmen konnte. Windsheim liegt im Mittelfeld mit wohl damals 20 bis 24 Plätzen. Klöster und Hospitalorden konnten den wachsenden Bedarf nicht mehr decken. Denn die Städte wuchsen.

Einen privaten Raum gab es in solchen Spitälern praktisch nicht. Kranke, aber auch alte Menschen konnten sich dort versorgen lassen. Die Siechen lebten in einem großen Krankensaal. Höchstens Herrenpfründner, die sich in besonderem Maße in das Spital eingekauft hatten, bekamen einen eigenen Raum. Später konnte es gar ein kleines Häuschen auf dem Spitalgelände sein. Sie brachten Bediente mit. So erklärt es Claudia Berwind.

Die anderen mussten zumindest ihre Bettstatt, die Bettwäsche und ihre persönlichen Gebrauchsgegenstände dabei haben. Dies durfte den Inhalt einer Truhe nicht überschreiten. Nur die ganz Armen bekamen den Grundbedarf in einfachster Ausführung gestellt. Schließlich wollte die Stadt sie von der Straße haben.

Solch ein spätmittelalterlicher Bettplatz ist während der Ausstellung in der Spitalkirche nachgebaut (Bild). Aus Zeichnungen weiß man, so Berwind, dass eine Schmalseite des Bettes hoch gezogen und mit einem kleinen hölzernen Baldachin eingenischt war. Überhaupt saßen die Menschen damals mehr im Bett als dass sie lagen. So konnten die Menschen sich an der Wand anlehnen und mit Tüchern vielleicht ein wenig Privatsphäre bekommen. Die Siechen gaben ihre persönliche Selbstständigkeit mehr noch als heute auf: Sie mussten sich auf die Spitalordnung verpflichten und vor allem friedlich sein. Ansonsten konnte der Spitalmeister als Verwalter ihnen weniger Essen und Trinken geben oder sie gänzlich des Spitals verweisen.

Aber warum wollten sie sich unter solchen Bedingungen überhaupt ins Spital einkaufen? So fragt eine Besucherin. Sofern sie nicht ganz arm waren, hätten sie sich doch von ihren Kindern versorgen lassen können. Nun, ganz so einfach war es nicht. Es gab keine "gute alte Zeit“, in der solch eine Zuwendung selbstverständlich gewesen wäre. Sobald sie ins Altenteil gingen, mussten sie oft für sich sorgen oder zumindest mit ihren erwachsenen Kindern detaillierte Vereinbarungen treffen.  

Sobald sie sich dort eingerichtet und ihre Ausstattung mitgebracht hatten, wurde ihre Versorgung dann durch Zustiftungen sichergestellt. Das geht bis in kleine Bereiche: So ist eine Zustiftung dokumentiert, die jedem Siechen vor dem Bade einen Wein und danach ein Ei zusprach. Eine andere Stiftung gab den Sterbenden eine Semmel aus.

Das Windsheimer Spitalarchiv fiel einem späteren verheerenden Brand zum Opfer. Nur durch Kopien, die woanders aufbewahrt wurden, lässt sich die akribische Verwaltung erahnen: Es gab wohl Tausende von Urkunden, Rechnungsbüchern und Akten. Schließlich war der Spitalpfleger dem Rat für seine Wirtschaftsführung verantwortlich.

Daneben galt das Spital als geistlicher Raum. Es stand zumindest in seinen spirituellen Bedürfnissen unter kirchlicher Oberaufsicht. In der Regel verließen die Siechen wie heute auch das Heim meist Richtung Friedhof. Er schloss sich direkt nördlich an das Spital an und war schon bald überbelegt. Langfristig erwirtschaftete das Spital einen solchen Überfluss, so dass es sich genau hundert Jahre nach der Gründung eine eigene Kapelle leisten konnte - den Vorgänger der heutigen Spitalkirche. Dies Jubiläum wird ebenfalls gefeiert.

Die Wache bei den Sterbenden war wichtig - auch, um den rechtzeitigen Empfang der Sakramente sicher zu stellen. Alleinstehende Frauen oder fromme Witwen engagierten sich ehrenamtlich, um die Siechen zu betreuen. Daneben leitete die Frau des Spitalmeisters Siechenmägde oder Knechte an, um das Spital effizient zu führen. Bader und Barbiere versorgten die Kranken medizinisch. Vor Feuchtigkeit und Kälte waren sie so gut es ging geschützt. Einfache hygienische Maßnahmen verbesserten die Bedingungen ihres Lebens.
Am meisten vertrauten die Bürger auf die heilende Wirkung des Gebets. Stundenlang hatten die Siechen zu beten, sofern es ihr Zustand zuließ - für sich und vor allem für die Stifter. So wollten Konrad Förster und seine Nachfolger im Jenseits nicht vergessen sein. Das war ihnen wichtiger als eine Erinnerung an ihre Lebensdaten.  

Die Ausstellung in der Bad Windsheimer Spitalkirche, Rothenburger Straße ist bis 25. November - einen Tag nach der Gründungsbestätigung vor 700 Jahren - täglich von 10 bis 18 Uhr, ab 28. Oktober von 11 bis 16 Uhr geöffnet. Ferienprogramm und Führungen auch im August. Mehr Infos: www.freilandmuseum.de oder Telefon 09841/401858 (Museumskasse).

                       Susanne Borée

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