Hoffen auf ''einen glücklichen Stern''

Karl Huß.
Karl Huß. Foto: Borée

Lebenslinien in Gottes Hand: Der Henker und die Fürsten - auf Spurensuche im Egerland

''Ich folge dem Schicksal und lebe zufrieden, / Es sei mir nun Freud oder Leid beschieden. / Dem Feld ist bald Regen, bald Sonnenschein gut. / Dies sag ich mir täglich und mache mir Mut.'' Plötzlich lachen mich diese Zeilen an. Ich bin unterwegs in der Burg Seeberg, tschechisch Ostroh. Es liegt nur etwa ein gutes Dutzend Kilometer nordwestlich von Eger direkt an der Grenze nach Deutschland. Karl Huß (1761-1836) dichtete sie. Das Gedicht fällt in deutscher Sprache in mein Auge. Ein Hinweis aus dem Stadtmuseum Eger brachte mich auf die Spur des Schlosses auf dem ''Kulturweg der Vögte''. Dafür haben sich sächsische, bayerische und böhmische Kulturdenkmäler zusammengeschlossen.

Endlich, im Alter von 67 Jahren sei ihm ''am Himmel ein glücklicher Stern erschienen''. So schrieb es Huß in seiner Autobiographie. Den Namen habe ich vorher nie gehört! Er war Scharfrichter, Heilkundiger - und Dichter. So informieren mich Schautafeln im Schloss fast ausführlicher auf Deutsch als auf Tschechisch. Sie weisen mir weiter den Weg: Johann Wolfgang von Goethe, so steht es da, ließ sich oft mit Karl Huß oder vor der Henkerswohnung sehen. Er besuchte ihn bei seinen Reisen nach Karlsbad zwischen 1806 und 1823 sechs Mal. 126 Tage soll der Dichterfürst auf der Durchreise in Eger verbracht haben.

In seiner Jugend hätte Karl Huß so gern eine höhere Bildung erhalten. Natürlich war es für einen Henkerssohn unmöglich. Mit 15 Jahren soll er selbst seine erste Hinrichtung durchgeführt haben. Drei Jahre später ging er auf Wanderschaft. Schließlich erreichte er Eger in Westböhmen. Dort war sein Onkel Henker, aber offenbar schon altersschwach. Karl sprang für ihn ein - alle waren offenbar mit seinen Arbeitsproben zufrieden. So berief ihn der Rat der Stadt kurzerhand zum Nachfolger des Onkels. Doch 1788 wurde Huß arbeitslos. Selbst sein sicherer Job fiel dem Strukturwandel zum Opfer. Denn man war modern - und setzte die Todesstrafe mit dem Richtschwert oder am Galgen aus. Keine Angst, das war nicht von Dauer. Bald schon konnte Huß sein Amt weiterführen.

Immer wieder bildete sich Huß vielseitig selbst weiter fort. Er machte sich auch als Heilkundiger einen Namen - schließlich kannte er sich als Henker durchaus mit Körpern aus. Er sammelte vor allem Pflanzen, Mineralien und Münzen.  

Karl Huß schrieb Gedichte und eine Autobiographie. Sie reicht von 1797 bis ins Jahr 1828. Außerdem erforschte er intensiv Stadtgeschichte und Volkskunde. Seine ''Chronik der Stadt Eger'' veröffentlichte er handgeschrieben und illustriert. Überliefert ist von dem Scharfrichter daneben die Abhandlung ''Vom Aberglauben''. Der Leiter des Stadtarchivs in Franzensbad veröffentlichte sie 1910 in Beiträgen zur Volkskunde.

Schließlich lernte Huß Sophia, eine Tochter des Bäckermeisters Eberl kennen. Sie war allerdings 20 Jahre älter als er. Das Unmögliche geschah: Sie heirateten. Nach ihrem Tod 1824 vereinsamte Huß. Aus ­Sorge, was mit seinen Sammlun-
gen nach seinem Tod geschehen könnte, bot er sie erfolglos der Stadt Eger zum Kauf an.

Nun endlich wurde ein wirklicher, ein mächtiger Fürst auf den Henker aufmerksam: Klemens Wenzel Lothar von Metternich (1773-1859), nach 1815 einer der führenden Staatsmänner des Habsburger Reiches. Er restaurierte die Dynastie auch mit einem ausgeklügelten System von Spitzeln.

Sein Interesse an dem Henker war aber privater Natur: Auch er fand seine Sammlungen beachtlich. Der Fürst übernahm die Sammlungen aus dem Scharfrichterhaus in Eger. Huß sollte sie selbst für Metternich ordnen und erhielt dafür eine lebenslange Rente von 300 Gulden, freies Wohnen und Heizung sowie die Stelle des Verwalters der fürstlichen Sammlungen auf Schloss Königswart östlich von Eger. Für Metternich war es ein Schnäppchen: Er fand den Preis äußerst billig. Damit der Vertrag überhaupt zustande kam, war Huß zuvor in den Bürgerstand Egers erhoben worden.

Im Mai 1828 brachte Huß seine Sammlungen ins Schloss Königswart. Doch dann, im November 1828, entdeckte er plötzlich: 2.000 wertvolle Münzen fehlten. Huß geriet selbst in Verdacht. Er musste einen Monat später schwören, sie nicht selbst entwendet zu haben.

Erst im Juni 1829 kam der Räuber nach Königswart zurück, um die versteckten Münzen abzuholen. Er wollte sie in Prag weiter verkaufen. Dabei wurde er entdeckt. Ein Großteil der Münzen fand sich noch wieder. Huß konnte sie identifizieren. Teile der Sammlung sind bis heute im dortigen Königswarter Museum erhalten geblieben. Die bedeutendsten Stücke hat heute das Nationalmuseum in Prag übernommen.

Gedankenverloren wandere ich durch den Burghof von Ostroh, deren Anfänge auf das Ende des 12. Jahrhunderts zurückgehen. Welch eine Person des Übergangs ist der Henker Karl Huß! Nur äußerst mühsam gelang es ihm seine Interessen zu verwirklichen. Die Burg blickt selbst auf eine wechselvolle Geschichte zurück. Im Dreißigjährigen Krieg musste der damalige Besitzer sie 1628 im Zuge der Rekatholisierung aufgeben und verkaufen. In der kommunistischen Zeit zwischen 1949 und 1989 verfiel die Burg. Inzwischen wurde sie renoviert. Nun beherbergt sie umfangreiche Ausstellungen. Die Geschichte des Scharfrichters Karl Huß ist nur ein kleiner Teil davon ... 

                       Susanne Borée

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