Souverän im digitalen Zeitalter ­- geht das?

Reiner Anselm, Ethikbeauftragter Thomas Zeilinger, Oberkirchenrat Detlev Bierbaum, Informatiker Felix Freiling und Ethiker Peter Dabrock.	Foto: Borée
Reiner Anselm, Ethikbeauftragter Thomas Zeilinger, Oberkirchenrat Detlev Bierbaum, Informatiker Felix Freiling und Ethiker Peter Dabrock. Foto: Borée

Netzwerk Ethik in der Landeskirche dachte über digitale Herausforderungen nach

Eine "tolle Sache" ist es, die Komfortschließanlage im Auto: So führte es Oberkirchenrat Detlev Bierbaum in seiner Begrüßung zur Jahrestagung "Souveränität im digitalen Zeitalter" des Netzwerkes Ethik aus. Gut 40 Interessierte waren gekommen, um über übergreifende ethische Fragestellungen der Digitalisierung nachzudenken. Doch was, wenn etwa beim automatischen Schlüssel  die Batterie leer ist oder sonst eine Störung vorliegt? Dann entdeckt der Besitzer, dass nicht er die Technik beherrscht, sondern ihr ausgeliefert ist.

Natürlich schätze er die technischen Möglichkeiten, schränkte Bierbaum gleich ein. "Aber wie können wir Menschen souverän bleiben gegenüber einer Technik, die wir nur wenig verstehen? Sind wir ihr nicht ausgeliefert wie in einem selbstfahrenden Auto, ohne sein Ziel zu kennen?"

Sind Maschinen böse?

Eindrücklich zeigte der Informatiker Felix Freiling, welche Nutzungsspuren eine einfache Google-Anfrage im Netz hinterlässt, ohne dass wir es merken. Bei bestimmten Einstellungen kann der Bildschirm grafisch zeigen, welche Wolken von Daten verschiedener Anbieter miteinander kommunizieren. Rufe ich die Wettervorhersage auf, ergänzt "das Netz" automatisch meinen Standort. Dies diene nicht dazu, um mir das Leben einfacher zu machen, sondern Daten zu sammeln und die Werbung effizienter zu gestalten.

Der Informatikprofessor aus Erlangen-Nürnberg, der sich vorrangig mit Sicherheitsfragen im Netz beschäftigt, stellte nun technische Schutzmöglichkeiten wie den Tor-Browser, aber auch alternative Suchmaschinen wie Duckduckgo oder Startpage vor. Doch wenn man daran gewöhnt ist, personalisierte Suchmaschinen zu benutzen, sind diese gefühlt schlechter. Er rief dazu auf, sich "datensparsam zu verhalten. Viele Webseiten und Apps benutzen Tricks, um Menschen möglichst lange auf ihren Seiten zu halten. Später, in der Abschlussdiskussion, präzisierte Freiling, dass diese Möglichkeiten nicht ausreichend sind, sondern durch eine gesellschaftliche Diskussion ergänzt werden müsse.

Grundsätzlicher ging sein Kolle-ge Peter Dabrock, Theologe und Vorsitzender des Deutschen Ethikrats, an die Frage heran. Es ging ihm um die Grundlagen des menschlichen Zusammenseins im digitalen Zeitalter. Er sei kein Anhänger der Datensparsamkeit, gab er gleich zu. Aber man solle Herausforderungen und Chancen des digitalen Wandels scharf wahrnehmen: Selbstfahrende Fahrzeuge können die Zahl der Verkehrstoten deutlich senken. Auch digitale Diagnosen und Operationen sind oft präziser als bei dem erfahrensten Arzt. So haben wir "Verantwortung für Tun und Unterlassen", wenn wir etwa heilsame Auswirkungen der neuen Technik nicht nutzen.

Allerdings versuchen auch selbstlernende Maschinen und "Big Data", menschliches Verhalten oder Entscheidungen vorherzusagen. Doch ihre Vorhersagen beruhen auf der Analyse allgemeiner Wahrscheinlichkeiten, aber nicht auf Wahrnehmung der individuellen Person. So käme es schnell zu einer selbsterfüllenden Prophezeiung, wenn aufgrund einer Vorhersage eine Person dazu gebracht wird, sich entsprechend zu verhalten. Dies sei besonders bei negativen Bewertungen wirksam. Solche Bewertungssysteme würden bereits in China erprobt: Wer bestimmt, was gut und böse, gesellschaftlich erwünscht oder nicht? So fragte Dabrock.

Neben einer schleichenden Selbstentmündigung sieht er die Gefahr, dass gerade die Mittelschicht durch die digitale Revolution geschwächt würde: Vor allem die klassischen Verwaltungs- und Büroarbeitsplätze und sogar das Tun von Juristen und Medizinern sieht er durch die Digitalisierung gefährdet. Die "absolute Zahl der Arbeitsplätze wird sinken".

Gerade aber diese Mittelschicht sei demokratietragend. Sie halte am ehesten noch einen Gemeinwohlgedanken hoch, der das eigene Milieu übersteige. Gleichzeitig werden nüchterne oder übergreifende Positionen zu gesellschaftlich wichtigen Fragen aus meinem Blickfeld verschoben. Denn das Internet präsentiert mir vor allem das, was zu meinem bisherigen Klickverhalten zu passen scheint.

Informationen aus meinem Nahbereich, vor allem aber Emotionen, die bei mir erwartbar sind, oder normalisierte Deutungsangebote erreichen mich am ehesten.

Übergreifender Blick

Eine möglichst weite Bildung nach humanistischen Grundsätzen und eine entsprechende Weite des Denkens hält Dabrock hier für heilsam. Gleichzeitig sprach er sich für Datentreuhänder aus. Ihre Dienstleistung kostet natürlich. Aber dafür kann ich sie als Experten beauftragen, nur meine Daten an Konzerne und Institutionen weiterzugeben, an die ich es will. Und weiter: Die Theologie halte die Erinnerung an eine "Plattform" wach, "die nicht auf Ökonomie setzt, sondern die universale Botschaft des Heils" in meinen Blick bringt: Es kann Verletzlichkeit wahrnehmen oder die  Inklusion von Randgruppen stärken.

Professor Thomas Zeilinger, Beauftragter für Technologie und Ethik der Bayerischen Landeskirche richtete den Blick dann wieder auf konkretere Fragen. Digitale Kompetenz im kirchlichen Raum sollte jenseits von purer Verweigerung oder plattem Jubel über erhoffte Möglichkeiten stehen. Die Bedeutung der Umwälzung werde zwar von der Kirche gesehen, sie reagiere aber oft spät darauf oder es erscheine als Anhang ihres Tuns.

Der Kirche begegnen nach seinen Beobachtungen hohe Erwartungen auch von Seiten digitaler Experten: Sie solle übergreifende ethische Zusammenhänge diskutieren. In der Schule oder durch ihr diakonisches Engagement verfüge sie über große gesellschaftliche Räume dafür. "Allerdings ist die Kirche nur unzureichend in der Lage, diesen Bedarf zu befriedigen" - und oft zu stark mit sich selbst beschäftigt. Sie renne angesagten Trends hinterher.

Kirche kann nicht nur ihre Strukturen ins Digitale verlängern, sondern dort ein Netzwerk gesellschaftlichen Zusammenhalts in der Vereinzelung bieten - oder ein Labor einer gerechten und sozialen Bildungsgesellschaft: "Ein wichtiger Schritt zur kirchlichen Souveränität im digitalen Raum ist die Datensouveränität ihrer Mitglieder. Zu erreichen ist dies über eine sichere Portallösung, die Selbstbestimmung und Datentransparenz benutzerfreundlich gewährleistet."

Schon in seiner Einführung hatte Detlev Bierbaum biblische Begriffe wie Gott, Liebe, Barmherzigkeit, Freiheit, Macht, Weisheit, Gnade, Demut gegen den Wunsch eingeführt, in der digitalen Welt alles beherrschen zu können. Der Mensch solle nicht Grenzen erweitern, sondern immer wieder nach dem anderen fragen, um Verantwortung zu übernehmen. Versöhnlich hatte er seine Einführung geschlossen: Sein Auto und der Schlüssel erkannten sich wieder und "damit erkennt mein Auto dann auch mich. Ich finde es gut, dass Gott mich immer kennt, auch wenn ich einmal eine Zeitlang die Beziehung zu ihm verlieren sollte" oder meine Akkus mal leer sind.     

                       Susanne Borée

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