Der Herrscher wollte Heiland sein

Paton
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Der römische Kaiser Augustus ließ sich dafür feiern, dass er seiner Welt Frieden brachte

"Euch ist heute der Heiland geboren", verkündigte der Engel den Hirten auf dem Feld von Bethlehem. Im Lukasevangelium heißt es dann noch, dass diese Botschaft allen Menschen gelten soll. In der großen weiten Welt des Römischen Reiches wurde das allerdings nicht wahrgenommen. Es galt die Überzeugung, dass der Heiland schon längst erschienen war. Im Jahr 27 vor Christus hatte der römische Senat dem zum Alleinherrscher aufgestiegenen Octavian den Ehrentitel "Augustus" verliehen. Das bedeutet "der Anbetung würdig" und ließ sich religiös und politisch verstehen.

Der Hofdichter Vergil sang das Lob seines kaiserlichen Herrn: "Dies ist er, der längst den Vätern Verheißene, Cäsar Augustus, Sohn Gottes und Bringer der goldenen Endzeit." Doch nicht nur der Poet nahm den Mund voll. Der Landtag der römischen Provinz Asia fasste einen Beschluss, in dem es unter anderem hieß: "Richtig urteilt, wer in diesem Geburtstag (des Kaisers) den Anfang des Lebens und aller Lebenskräfte für sich erkennt. Nun ist endlich die Zeit vorüber, wo man bereuen musste geboren zu sein. Die Vorsehung, die über allem waltet, hat diesen Mann zum Heil der Menschen mit solchen Gaben erfüllt, dass sie ihn uns und den kommenden Geschlechtern als Heiland gesandt hat."

Die Überzeugung dankbarer Bürger wurde gelegentlich in Stein gemeißelt. Bei Ausgrabungen im klein­asiatischen Priene kam eine solche Inschrift wieder ans Tageslicht. Ob Octavian Augustus die Lobeshymnen ernst nahm, lässt sich im Nachhinein schwer sagen. In Rom gab er sich bescheiden und ließ nur den kaiserlichen Genius, den Schutzgott seines Hauses, verehren. Als Heilbringer aber durfte er sich durchaus fühlen. Immerhin beendete er eine Epoche von Bürgerkriegen. Dass er dabei nicht zimperlich vorging, verstand sich von selbst.

Sein früherer Mitstreiter Marcus Antonius, der sich im Osten eine Herrschaft aufgebaut und die ägyptische Königin Kleopatra geheiratet hatte, wurde 31 vor Christus in der Seeschlacht bei Actium besiegt. Das Ehepaar gab sich selbst den Tod und Octavian war am Ziel angelangt. Er hielt die Macht über den gesamten Raum rings um das Mittelmeer in Händen und konnte im Inneren und nach außen eine Friedenspolitik betreiben. Das Heer wurde bis auf 25 Legionen verringert, die an den Grenzen Wacht gegen wilde Völkerschaften hielten. Eine große Flotte übte die Seepolizei aus und kein Pirat konnte den Handel mehr gefährden.

Augustus verstand es, in Rom den Ersten unter Gleichen zu spielen und doch alle Fäden zu ziehen. Für die Menschen in Kleinasien, Syrien und Ägypten aber galt er als gottähnlicher Herrscher. Sie waren eine solche Sicht gewöhnt. Auch die brutals­ten Könige hatten sich dort als himmlische Retter feiern lassen. Ihre Erlasse gingen als "Evangelium" he­raus, und das heißt bekanntlich "frohe Botschaft". Gerade weil die Wirklichkeit meist ganz anders aussah, hoffte man auf eine neue Zeit, einen echten Heiland und ein ehrlich gemeintes Evangelium.

Jetzt schien in Augustus diese Hoffnung erfüllt zu sein. Je länger seine Regierung dauerte, desto mehr setzten sich Recht und Ordnung durch. Das Leben wurde sicherer und der Wohlstand wuchs. Die Worte des Landtagsbeschlusses. "Dieser Mann ist uns als ­Heiland gesandt" waren mehr als eine Schmeichelei. Die Menschen glaubten allen Ernstes und dankbar daran. Es dauerte nicht lange, bis es in jeder Provinz mindestens einen Tempel gab, der dem Augustus und der römischen Stadtgöttin geweiht war.

Selbstverständlich konnte der regierende Heiland nicht immer als Volksbeglücker auftreten. Die Reform des Reiches und der Unterhalt von Heer und Flotte erforderten große Mittel und die Bürger der Hauptstadt erwarteten "Brot und Spiele".

Augustus beschloss deshalb ein großes Programm für eine effektive Steuereinhebung. Diese "Census"-Angelegenheit zog sich über Jahrzehnte hin. Alle steuerpflichtigen Personen und Grundstücke mussten möglichst genau aufgezeichnet und veranlagt werden. Der Evangelist Lukas bringt den Census in Verbindung mit der Reise von Josef und Maria nach Bethlehem.

Manche Forscher wollen ihm das nicht abnehmen, denn in Palästina regierte zu dieser Zeit ein ziemlich selbständiger Bundesgenosse des Augustus, der berühmte und berüchtigte König Herodes. Er hatte es geschafft, sich mit römischer Hilfe zum Herrn des Landes aufzuschwingen. Die Hauptstadt Jerusalem muss­te er allerdings unter viel Blutvergießen erobern. Herodes betrieb mit militärischem und organisatorischem Geschick, aber auch mit viel Rücksichtslosigkeit, den Ausbau seines Staates. Augustus wusste, dass er an ihm einen zuverlässigen Bundesgenossen hatte.

Mit seinen jüdischen Untertanen allerdings kam Herodes nicht zurecht. Man hielt ihn für einen halben Heiden, obwohl er mit ungeheurem Aufwand den Tempel neu bauen ließ. Der Römerfreund galt vielen als Feind des Gottesvolkes. Auf den Hass der Frommen antwortete er dann oft mit brutaler Gewalt. Gegen Ende seiner Regierung - es war die Zeit der Geburt von Jesus - wurde er immer misstrauischer. So ließ er seine Frau Marianne und drei seiner Söhne hinrichten.

Von einem solchen Mann konnte das jüdische Volk kein Heil erwarten. Ebenso wenig erwartete man es von dem Weltherrscher im fernen Rom. Viele hofften auf den Messias, einen von Gott gesandten und gesalbten Retter. Der würde "die Gewaltigen vom Thron stürzen, die Niedrigen erhöhen, die Hungernden mit Gütern füllen und Reiche leer wegschicken." So lautet im Lukasevangelium der Lobgesang der Maria, und so beteten wohl viele Fromme im Land. Ob sie verstehen konnten, dass Gottes Rettungstat im Kleinen beginnen und anders gestaltet sein würde als die Erwartungen?

Jesu Geburt war ein von der großen Welt unbemerktes Ereignis. Die Landeshauptstadt Jerusalem erfuhr davon ebenso wenig wie die Welthauptstadt Rom. Das Evangelium des göttlichen Boten "Euch ist heute der Heiland geboren" vernahm zunächst nur eine kleine und noch dazu verachtete Gruppe von Menschen. Trotzdem sollte der Heiland aus Bethlehem über den Kaiserheiland in Rom siegen. Als Lukas sein Evangelium schrieb, war dessen Glanz verblasst. Jesus hatte seine Botschaft von einem Gottesreich der Liebe und des Friedens am Kreuz besiegelt. Die Gewissheit seiner Auferweckung und Erhöhung zur Rechten des Vaters prägte seine Nachfolgerinnen und Nachfolger und ließ sie das Evangelium im ganzen römischen Reich verkünden. Die neue und bis heute gültige Zeitrechnung sollte dann auch mit der Geburt Jesu beginnen.

Christoph Schmerl

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