''In meiner Seele lasse ich die Liebe brennen''

Brücke
Foto: Bek-Baier

Endlich aber seid allesamt gleich gesinnt, mitleidig, brüderlich, barmherzig, demütig. Vergeltet nicht Scheltwort mit Scheltwort, sondern segnet vielmehr, weil ihr dazu berufen seid, auf dass ihr Segen erbt. Denn „wer das Leben lieben und gute Tage sehen will, der hüte seine Zunge, dass sie nichts Böses rede, und seine Lippen, dass sie nicht betrügen. Er suche Frieden und jage ihm nach.  Und wer ist’s, der euch schaden könnte, wenn ihr dem Guten nacheifert? Fürchtet euch nicht vor ihrem Drohen und erschreckt nicht; heiligt aber den Herrn Christus in euren Herzen.

                     Aus 1. Petrus 3, 8-15a

''In meiner Seele brennt der Hass''; so stand es auf ihrer Haut geschrieben. Ganz ohne Schnörkel in Großbuchstaben hatte sie sich diesen Satz auf den Oberarm tätowieren lassen. Ich stehe mit ihr an der Bushaltestelle in der warmen Nordseesonne und beginne zu frösteln, als ich die Worte lese. Fast bekomme ich Angst - hoffentlich merkt sie nicht, dass ich auf ihr Tattoo starre. Was muss dieser jungen Frau widerfahren sein, dass sie solchen Hass entwickeln konnte? Drei kleine Kinder hat sie bei sich, eines liegt noch im Kinderwagen. Vielleicht wurde sie von deren Vater verlassen? Nach der Busfahrt trennen sich unsere Wege, aber der Satz geht mir nicht mehr aus dem Sinn. Wie kann ein Mensch dem Hass nur so viel Raum in seinem Leben geben?

Ich muss an die Geschichte von den zwei Wölfen denken, die in unserer Seele kämpfen. Einer ist böse, ihn treiben Hass, Misstrauen, Neid. Der andere ist gut, ihn treiben Liebe, Vertrauen, Hoffnung. Stärker wird der Wolf sein, dem ich mehr Nahrung gebe. Gerne hätte ich der Frau diese Geschichte erzählt. Aber ich kenne sie ja gar nicht. Wer bin ich, dass ich sie belehre?

Wie ist das denn bei mir? Wie oft gebe ich dem bösen Wolf mehr Nahrung, trage Groll in mir herum, weil ich mich von jemandem gekränkt fühle? Schlagfertig, wie ich bin, lasse ich es nicht gerne auf mir sitzen, wenn ich beleidigt werde. Der Petrusbrief fordert mich aber auf, nicht zurückzuschlagen. Wohin mit Wut und Hass? Ich soll sie nicht gegen die Angreifer richten. Ich soll die negativen Gefühle aber auch nicht gegen mich selbst richten oder sie in mich hineinfressen. Der Teufelskreis muss unterbrochen werden. Und er kann unterbrochen werden:
Die Politikerin Renate Künast besuchte diejenigen, die ihr Hasskommentare geschickt hatten. Es gibt weitere leuchtende Beispiele - aber was andere schaffen, muss bei mir noch lange nicht funktionieren. Der Petrusbrief gibt einige Hinweise, wie es gelingen kann. Er spricht vom Segen, den wir weitergeben sollen. Was ich selbst an Segen, an Gutem, an Unverdientem in meinem Leben erfahren? Das ist eine so große Menge, dass sie das Böse, das mir entgegenschlägt, locker aufwiegen kann. So gebe ich dem Segen Raum in meinem Herzen, so kann er wachsen und so kann ich vielleicht auch Menschen freundlich begegnen, die es mir nicht leicht machen.

Außerdem lesen wir bei Petrus, dass wir uns nicht fürchten sollen. Angst macht das Herz eng, ich ziehe mich zurück, ich füttere den falschen Wolf. Was hilft nun gegen die Angst? Der letzte Vers rät uns, Christus in unseren Herzen heilig zu halten. Wenn ich mich in ihm verwurzelt weiß, dann haben weder Angst noch Hass eine Chance, mich zu überwältigen.

Ich muss an die tätowierte Frau denken und daran, dass sie mit ihren Kindern liebevoll umgegangen war. Vielleicht hat sie das Tattoo längst überschreiben lassen. Vielleicht steht dort heute: In meiner Seele brennt die Hoffnung. 

              Marita Schiewe, beurlaubt vom Pfarrdienst

             promoviert sie derzeit in Christlicher Publizistik

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