Weihnachten in Bethlehem

Hotel Heilige Familie
Das "Hotel zur Heiligen Familie" in Bethlehem. Fotos: Frank

Wie die Menschen in der Geburtsstadt Jesu ihr Leben bewältigen

Das "Hotel zur Heiligen Familie" lädt mit roter Leuchtschrift die Beth­lehem-Pilger ein. Das "Holy Family Hotel" ist nur zwei Gehminuten von der Geburtskirche entfernt, von den Zimmern mit Balkon kann man ganz romantisch über die nahen Hirtenfelder sehen.

Ein Zimmer gibt es hier für 34 Euro, die benachbarten Hotels sind noch günstiger. Die Herbergen in der Geburtsstadt Jesu locken mit Dumpingpreisen, im zehn Kilometer entfernten Jerusalem kosten Übernachtungen doppelt bis dreimal so viel. Bethlehem profitiert nicht von den zunehmenden Touristenströmen im Heiligen Land. Im vergangenen Jahr wurde in Israel das bisherige Rekordjahr 2000 mit seinen 2,7 Millionen Pilgern im Gefolge Papst Johannes Pauls II. noch übertroffen. Trotz Gazakrieg und Weltwirtschaftskrise könnte das Jahr 2009 nach Schätzungen des israelischen Tourismusministeriums noch besser ausfallen.

Wer nach Bethlehem kommt, bleibt nicht lange. Die israelische Trennmauer mit ihren Checkpoints hält wohl viele Besucher davon ab, sich in Bethlehem einzuquartieren. Die Touristengruppen lassen sich zwei Stunden durch die engen Gänge der Geburtskirche schieben und steigen wieder in den Bus zurück nach Jerusalem. "Für einen Bummel über den Krippenplatz bleibt keine Zeit", klagt Monika Hazboun, eine Deutsche, die seit einigen Jahren in Bethlehem verheiratet ist. Ihr Mann musste sein Restaurant wegen mangelnder Kundschaft schließen, die Andenkenläden bleiben auf ihren Krippenfiguren sitzen. "Keiner weiß momentan, wie hier alles weitergehen soll", sagt Monika Hazboun.

Von der Krise sind auch die meist christlichen Familien der Olivenholzschnitzer betroffen, manche haben ihre Werkstatt in diesem Jahr geschlossen. Der ausgebildete Hotelkaufmann Maher Zaghloul verkauft noch einige Holzschnitzereien am Hauptplatz und hält sich damit notdürftig über Wasser. "Was ich in meinem Beruf verdienen würde, reicht mir nicht zum Leben", sagt der 30-Jährige. Die meisten Familien haben ihre Ersparnisse aufgebraucht. Spezielle Medikamente können sich die meisten nicht mehr leisten, da sie zu teuer sind und es keine Krankenversicherung gibt. Im Winter bleibt die Heizung kalt, oft mit Folgen für die Gesundheit. Etwa die Hälfte der Menschen in Bethlehem leben unter der von der UN festgesetzten Armutsgrenze von zwei Dollar pro Tag. Wenn einer noch Arbeit hat, bringt er im Monat zwischen 300 und 600 Euro nach Hause, allerdings bei ähnlich hohen Lebensmittelpreisen wie in Deutschland. Eine Familie mit vier Kindern hat es schwer, damit über die Runden zu kommen.

Verkündigungsengel
Der Verkündigungsengel (Lukas 2,10) im Chor der evangelisch-­lutherischen Weihnachtskirche in ­Bethlehem.

Die israelischen Sperranlagen haben das Leben in Bethlehem ver­ändert. Die 16 Quadratkilometer ­große Stadt mit ihren 28.000 Einwohnern ist umgeben von 50 Kilometern Mauern und Zäunen, Wachtürmen, Gräben und elektrischem Stacheldraht. Über weite Strecken bildet ein stark gesicherter Zaun, begleitet von einer Militärstraße, diese Trennlinie, in dicht besiedelten Gebieten ist es eine etwa acht Meter hohe Betonwand ähnlich der Berliner Mauer. Die Grenzanlagen trennen Bethlehem von Jerusalem und kleineren palästinensischen Dörfern wie Walaja und Jaba.

Von der israelischen Seite her betrachtet ist der "Sicherheitszaun" ein voller Erfolg. Das Bauwerk wurde als Reaktion auf die palästinensischen Selbstmordattentate während der zweiten Intifada im Jahr 2002 begonnen. Und tatsächlich gibt es seitdem in Israel praktisch keine Selbstmordanschläge mehr. Für die jüdischen Israelis bedeutet dies nach Jahren der Angst und des Terrors ein ungeheuerer Gewinn an Lebensqualität, die Mauer findet deshalb fast die ungeteilte Zustimmung der jüdischen Bevölkerung in Israel. Doch mittlerweile stellt sich die Frage, ob die Mauer auch einem anderen Zweck dienen soll als der Sicherheit Israels. Für die Bewohner Bethlehems sind die Checkpoints ein Ort der täglichen Demütigung und Demoralisierung. Die Mauer zerreißt Familien und Nachbarschaften, sie hält Schüler und Studenten von ihren Schulen und Universitäten ab, Arbeiter kommen nicht mehr zu ihrer Arbeitsstelle, Bauern werden an der Bestellung ihrer Äcker und Olivenhaine gehindert.

Ein normales Leben ist unter diesen Umständen nicht möglich. Pfarrer Axel Kajnath aus Grafing bei München befürchtet, dass Bethlehem zu einem "großen Freiluftgefängnis" zu werden droht. Kajnath lernte während einer dreimonatigen Sabbatzeit die Gastfreundschaft - aber auch Nöte der arabischen Christen im Westjordanland kennen.

"Die Bürger beiderseits dieser Mauer können sich nicht mehr persönlich begegnen", bedauert Kajnath. Israelis und Palästinenser sind getrennt, "Aus Sicherheitsgründen" ist israelischen Staatsbürgern der Zutritt ins Westjordanland untersagt. "Das Heilige Land braucht keine Mauern, sondern Brücken", sagt Mitri Raheb, evangelisch-lutherischer Pfarrer an der Weihnachtskirche von Bethlehem. An seinem neu gebauten Kongresszentrum versucht er, Juden, Christen und Moslems zu versöhnen. Ihn inspiriert dabei die biblische Pfingstvision: "Alle Gruppen des Nahen Ostens vom Libanon bis zum Euphrat gründen eine Konföderation - ohne ihre Eigenstaatlichkeit aufgeben zu müssen. Jede Gruppe hat ihre eigene Sprache, eine Kommunikation ist dennoch möglich."

Möglich ist ein Miteinander jetzt schon in Bethlehem: Wenn alle Jahre wieder in den Straßen Bethlehems die Weihnachtsdekoration angebracht wird, ist ein muslimischer Schuhhändler die treibende Kraft. Er besorgt die Lampen, bringt die Leiter und hängt die Sterne mit viel Liebe an die richtige Stelle. Er tut dies mit Herz.

Helmut Frank

Außerdem lesen Sie unter anderen in unserer gedruckten Ausgabe vom 16. Dezember 2018:

- Hoffnung auf aktiveren Umweltschutz auch im kirchlichen Rahmen

- Wenn Patchwork-Familien Weihnachten feiern, steppt oft der Bär

- Urlaub zum Arbeiten: Die Vierecks halfen beim Bau einer äthiopischen Schule mit

=> Interesse an diesen Artikeln der gedruckten Ausgabe?

Diese, die wöchentlichen Rätsel und vieles mehr können Sie bei unserem kostenlosen Probeabo entdecken

=> Gleich online bestellen

 

 

www.kirchenpresse.de - Evangelische Wochenzeitung im Internet