Machtpoker oder Maßlosigkeit?

Historische Bildnisse

Hätte es einen Notausgang aus dem drohenden Dreißigjährigen Krieg gegeben?

Auf dem Weg nach Ulm hätte der Dreißigjährige Krieg bereits 1620 eine ganz andere Wendung finden können. Der Ansbacher Markgraf Joachim Ernst habe damals die Chance verpasst, Maximilian von Bayern bei Gunzenhausen zu stellen. Dies meint der Rothenburger Chronist Sebastian Dehner 1654. Dies hat Florian Huggenberger, Leiter des Rothenburger Stadtarchivs, in seinem Beitrag zur Stadtgeschichte herausgearbeitet.

Halt! So leicht war es nicht, dass der Gründer der Protestantischen Union und das Haupt der Katholischen Liga damals den Krieg quasi im Zweikampf hätten ausfechten können. Die Zurückhaltung des Markgrafen war kein Zufall: 1620 versprachen sich Union und Liga Neutralität. Die Union löste sich 1621 auf.  Alles mögliche Endpunkte des Krieges - doch nahm sie wohl niemand ernst. Erschreckend modern!

Also dreißig Monate statt dreißig Jahre? Hätte es damals schon einen Notausgang aus diesem Krieg gegeben, der mit dem Prager Fenstersturz am 23. Mai 1618 begann? An sich war dort in Böhmen auch nach zweieinhalb Jahren alles geklärt. 
Doch wie hatte die Konfrontation begonnen? Für die katholischen Kaisertreuen konnte nur überirdischer Beistand Marias das Überleben der drei kaiserlichen Gesandten beim Sturz aus der Prager Burg gesichert haben. Dass sich ausgerechnet unter den Fenstern der Ratskanzlei ein Misthaufen befunden haben soll (wie die protestantische Seite entgegenhielt), scheint jedoch genauso legendenhaft. Eher dämpften ihre weiten, schweren Mäntel den Fall. Da es kühl war, hatten sie sie nicht abgelegt.  Machtpoker oder konfessioneller Konflikt - wie lässt sich der Ausbruch dieses schrecklichen Krieges erklären?

Noch einen Schritt zurück: Fast genau zehn Jahre vor dem Prager Sturz hatten sich in dem unbedeutenden Örtchen Auhausen am 14. Mai 1608 protestantische Fürsten getroffen. Damals gehörte der Ort dem Markgrafen Joachim Ernst von Ansbach. Das Treffen von Vertretern aus Württemberg, Baden und der Pfalz verstand sich erst einmal als Verteidigungsbündnis, nachdem Maximilian I. von Bayern gerade 1607 Donauwörth eingenommen hatte. Die einstige Reichsstadt lag gerade einmal einen Tagesmarsch oder 40 Kilometer südlich von Auhausen. 

Bald traten süddeutsche Reichsstädte der Union bei: Nach Nürnberg, Straßburg und Ulm bald auch Schweinfurt, Weißenburg, Winds­heim und Rothenburg. Drei Treffen der Union fanden an der Tauber statt. Es kam auch der Habsburger-Kaiser Matthias in die Stadt, so Huggenberger. Gleichzeitig bewahrten sich die Fürsten eine Mehrheit der Stimmen. Niemals Teil der Union aber wurden die norddeutschen protestantischen Fürsten. Warum auch? Sie waren durchaus zufrieden mit dem Augsburger Religionsfrieden von 1555.

Die katholische Seite aber empfand zunehmend den Machtverlust durch die nun etablierten lutherischen Fürstentümer. Allen voran Maximilian I. von Bayern: Er war von Jesuiten fromm im Geiste der Gegenreformation erzogen worden. Gleichzeitig war er weltlich ambitioniert und mühte sich eifrig darum, seine Macht auszudehnen. "Der Herzog war der Ansicht, dass die katholische Seite seit 1555 schon zu große Zugeständnisse gemacht hätte", erklärt Peter H. Wilson in seinem Standardwerk "Der Dreißigjährige Krieg".

Als Gegenstück zur Protestantischen Union gründete die katholische Seite 1609 die Liga unter Führung Maximilians von Bayern. Machthunger oder religiöser Eifer? Beides lässt sich wohl bei ihm nicht trennen, so der Rothenburger und Würzburger Historiker Markus Naser.

Das gilt genauso für die calvinistischen Pfälzer. Die Reformierten waren ebenso wenig zufrieden mit dem Augsburger Religionsfrieden. 1555 hatten sie keine Rolle gespielt.

Die Habsburger kämpften gleichzeitig damit, ihren dynastischen Bestand zu sichern. Kaiser Matthias baute seinen Vetter Ferdinand zum Nachfolger auf. Der hatte endlich mal einen Sohn, war aber streng katholisch und ein Studienfreund Maximilians von Bayern. Gegen ihn traten die böhmischen Stände auf, die traditionell protestantisch waren. Sie fühlten sich zunehmend von den Habsburgern bei der Vergabe der lukrativen Hofämter benachteiligt. Der Prager Fenstersturz war also eher ein "Adelsputsch", so Wilson.

Danach mussten alle ihr Gesicht wahren. Doch zunächst geschah -  wenig. Sicher sind die Parteien nicht in den Krieg hineingetaumelt wie 1914, meint der Erlanger Historiker für Fränkische Landesgeschichte, Georg Seiderer. Keineswegs war es 1618 so, dass nun Bündnisse automatisch in Kraft traten.

Für die Böhmen ging es ohne einen neuen Herrscher damals nicht. Sie klopften zunächst bei dem sächsischen Kurfürsten Johann Georg I. an. Dessen Vorfahr Friedrich der Weise hatte nach 1517 seine Hand schon schützend über Luther gehalten. Doch Johann Georg winkte ab. Konsequenterweise blieb er nun neutral und unterstützte gar als Reichsvikar die Wahl Ferdinands II. zum neuen Habsburger Kaiser. Weitere Kandidaten Prags ruderten schnell zurück. Übrig blieb Friedrich von der Pfalz.

1618 verkündeten in der Pfalz "radikale Protestanten bereits den Anbruch eines Goldenen Zeitalters, in dem Friedrich als der legendäre ‚letzte Kaiser’ vor dem Weltuntergang herrschen würde", so Wilson. Friedrichs nächster Sohn hieß Ruprecht nach jenem Ahnen, der um 1400 die Herrschaft im Reich besessen hatte.
Im August 1619 nahm Friedrich sein Amt an - gegen den ausdrücklichen Rat der Union. Zwei Tage später war Ferdinand II. endlich Kaiser. Am 8. November 1620 siegte die katholische Liga am Weißen Berg unweit von Prag innerhalb von zwei Stunden. "Winterkönig" Friedrich von der Pfalz floh. Maximilian erhielt die Oberpfalz für seine Unterstützung am Weißen Berg, das er re-katholisierte. Und die Kurwürde des Pfälzers.

Nürnberg verkaufte trotz Unions-Mitgliedschaft seine überlegenden Waffen an beide Seiten. Kleinere Gebiete wie Rothenburg versuchten die zunehmenden Truppendurchzüge beider Seiten durch Geldzahlungen umzulenken. Der Markgraf von Ansbach starb 1625 überraschend. In Böhmen hatten Kaiser und Liga freie Hand. 27 Rebellenführer wurden hingerichtet. Hunderte verloren ihre Güter. Viele flohen an norddeutsche protestantische Fürstenhöfe. Die Kaiserlichen rückten im Verlauf der 1620er Jahre gen Norden vor. Das Restitutionsedikt Ferdinands 1629 rüttelte viele norddeutsche Fürsten endgültig auf. Es ging um Besitz aus Ex-Klöstern und Bistümern. Erst jetzt erscheint jeder Notausgang verschüttelt. Aber 1618 ist offenbar ein mühsames Datum für Gedenkkultur.

"Keiner wollte den Krieg", so Naser. Auf den Ausbruch des Krieges konnte keine Seite stolz sein. Das mühsame Gleichgewicht des Augsburger Religionsfriedens von 1555 hatte lange gehalten - sich aber als zu starr erwiesen in einer Welt, die schnell voranschritt.    

                      Susanne Borée