Verfolgungen unter Tito
Ausstellungstafel im Zeitgeschichtlichen Museum Ljubljanas über Verfolgungen in der Nachkriegszeit unter Tito. Foto: Borée

Neubeginn nach Leiden

Erst nach dem Toleranzpatent des Kaisers Josef II. von 1781 konnten Protestanten zunächst im ungarischen Teil des Habsburgerreichs wieder ihren Glauben leben. Das heutige Staatsgebiet Sloweniens hat die Form einer laufenden Henne, die sich gen Osten gewendet hat. Ihr "Kopf" also, eine Ausbuchtung Richtung Osten, gehörte damals zu Ungarn. In diesem "Übermur"-Gebiet - auf Slowenisch Prekmurje genannt, also ebenfalls jenseits des Flusses Mur - konnten Protestanten überleben. In ungarischen "Toleranzstädten" konnten protestantische Pfarrer studieren. "Ljubljana erreichte die Toleranz erst mit Verspätung", ergänzt Bischof Filo.

Erst nach 1848 war es in der späteren slowenischen Hauptstadt so weit. Deutschsprachige Kaufleute importierten das neue oder so alte Bekenntnis. Die Polizei kontrollierte ganz genau, dass bloß keine Katholiken an den Gottesdiensten teilnahmen. Trotzdem konnten die Lutheraner 1852 ihre Kirche weihen, die nun nach Primus Truber benannt ist. Der erste Pfarrer dort, Ludwig Theodor Elze aus Dessau, beschäftigte sich als Erster nach Jahrhunderten mit dem slowenischen Reformator. Zu sehr war dieser in den Generationen der Gegenreformation in Vergessenheit geraten. Gottesdienste wurden damals jedoch auf Deutsch gehalten.

Schon nach Ende des Ersten Weltkrieges mussten viele evangelische Familien das Land verlassen. Doch das Gebiet Prekmurje mit seinen evangelischen Traditionen war 1919 vom ungarischen Reichsteil nach Slowenien gekommen. In Ljubljana, das nun zum Königreich Jugoslawien gehörte, überlebte nur der evangelische Frauenverein.

Nach 1945 enteignete die neue sozialistische Obrigkeit die Kirche, da sie die Gemeinde als Vertretung der deutschen Minderheit ansah. Damals vertrieben die Kommunisten unter Josip Tito alle Angehörigen der evangelischen Gemeinde, die als "Deutsche" galten. Auch die evangelische Gemeinde in Maribor, der zweitgrößten Stadt des Landes, hörte auf zu existieren. Nur im Übermur-Gebiet im Osten des Landes war noch evangelisches Leben möglich. Erst nach 1953 konnten sich in den westlichen Gebieten Sloweniens, auch in Ljubljana, wieder evangelische Gemeinden gründen.  

Überleben auf Slowenisch

Die Gemeinde in der Hauptstadt Ljubljana betreuten allerdings Pfarrer aus den kleinen Orten des Übermur-Gebietes. Ein- bis zweimal im Monat reisten sie regelmäßig gut 250 Kilometer quer durch Slowenien an.

Erst Geza Filo begann 1985 als erster ständiger Pfarrer gleich nach dem Studium seinen Dienst in der Hauptstadt. Er stammt selbst aus dem östlichen Übermur-Gebiet. Studiert hat er in Bratislava, wobei Slowenisch und Slowakisch keinesfalls das Gleiche ist. "Dabei hatte ich in der Schule Deutsch gelernt."

1989 wurde Geza Filo förmlich als evangelischer Pfarrer in Ljubljana eingesetzt. Drei Jahre später erhielt die evangelische Kirchengemeinde das Gotteshaus und das Pfarrhaus rückübertragen. In sattem Gelb erstrahlt sie nun. Zu Filos Gemeinde gehören rund 250 Gemeindemitglieder. "Allerdings kommen sie aus ungefähr drei Viertel des Landes", so Geza Filo. In Maribor gibt es ebenfalls wieder eine Gemeinde, elf weitere im Übermur-Gebiet. Prekmurisch verfügt gar über eine eigene Schriftsprache. Auch hier formte sie die Bibelübersetzung des lutherischen Pfarrer Štefan Küzmic 1771. Etwa 100.000 Menschen leben in der Region. Die Arbeitslosigkeit liegt bei 17 Prozent - im slowenischen Durchschnitt zehn Prozent darunter.

Insgesamt gehören 10.000 zahlende Mitglieder zu diesen Gemeinden. Ihr Kirchgeld beträgt 35 Euro im Jahr, so hat es die Synode festgelegt. Davon leben die neun Pfarrer und fünf Pfarrerinnen, die Kirchengebäude werden unterhalten, die Diakonie am Laufen - und was sonst so anfällt. Der Staat zahlt nur die Sozialversicherung. Ach ja, und zwei Pfarrer sind beim Staat als Militärseelsorger an­gestellt, so Filo. Ihre Gemeinde betreuen sie quasi nebenamtlich mit wie Pfarrerin Vladimira Mesaric aus Malibor. "Sie wohnt dafür im Pfarrhaus.

Geza Filo ist seit 2013 Bischof der evangelischen Kirche in seinem Land. Dabei dient er weiter als Gemeindepfarrer in der Hauptstadt, denn das Bischofsamt läuft nebenamtlich. All das ohne Sekretärin oder sonstige ­organisatorische Unterstützung. Durchs Land fahre er in seinem Privatauto. "Ich bin ein Pfarrer auf Rädern."
Bei der Volkszählung von 2002 gab es für die Kirche eine Überraschung: Nicht 10.000, sondern mehr als 14.000 Einwohner gaben an, evangelisch zu sein. Sie waren wie ein weißes Blatt für die Gemeinden. "Vielleicht stammen sie aus alten evangelischen Familien, sind aber selbst nicht getauft. Sie treten jedenfalls nicht in Gemeinden in Erscheinung", versucht der Bischof zu deuten. Seither werde bei Volkszählungen nicht mehr die Religionszugehörigkeit abgefragt, schließlich herrsche Trennung von Staat und Kirche.

Allerdings werde Geza Filo auch immer wieder mal gebeten, eine Beerdigung zu halten, auch wenn der Verstorbene oder seine Familie gar nicht Mitglied der evangelischen Gemeinde ist. In der Regel bringt der Bischof ihn bei solchen Anfragen dennoch unter die Erde. Auch bei der Trauer lohne es sich Flagge zu zeigen. "Der Schaden wäre größer, wenn ich mich verweigern würde", meint er pragmatisch. Schließlich würden die Beerdigungen noch immer eine große Rolle im Land spielen, die Trauergemeinde ist oft sehr groß. 

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