Sterben als Gewinn?

Brücke
Foto: Bek-Baier

Christus ist mein Leben, und Sterben ist mein Gewinn. 

                      (aus Philipper 1, 15-21)

Ich bin beim Joggen bei uns im Wald am schönen Jurasteig. Mit der Bewegung in der Natur schüttle ich alle Anspannung und jeden Stress ab. Sorgen und Alltagsaufgaben haben Pause. Beim Laufen höre ich gerne Musik. Doch irgendetwas stimmt heute nicht mit meiner Liederliste. Zwischen die Hits mischen sich auf einmal Gesangbuchklassiker, die ich für alle Fälle immer dabei habe.

"Christus, der ist mein Leben, Sterben ist mein Gewinn..." (EG 516) tönt es jetzt durch die Kopfhörer. "Sterben ist mein Gewinn?" Gerade nehme ich soviel Leben wahr: den beginnenden Frühling, meinen Körper, die kühle Luft, die wie Lebensatem durch meine Lungen strömt. Und nun das:  "Sterben ist mein Gewinn." Wenn ich ehrlich bin, bin ich froh, dass der Tod gerade nichts zu melden hat. Ich habe als Kind in der Familie und als Pfarrerin Woche für Woche so viel Sterben und Tod erlebt. Sterben als Gewinn? Mir begegnen als Seelsorgerin im Sterben und  im Abschiednehmen vielmehr Schrecken, Angst, Schmerz und Trauer. Ob einer viel zu früh sterben muss, oder zu alt und schon längst allen Lebensmutes beraubt. Ob eine nach langem Leiden oder von einer Sekunde auf die andere den Lebensatem aushaucht. Immer ist der Tod mit Schrecken behaftet, wenn auch jedes Mal auf andere Weise, so wie jedes Leben anders ist.

Ich halte für einen kurzen Moment an, blicke auf die ersten grünen Halme, die sich aus der Erde bohren und höre zu, wie die Vögel zwitschern. Ich lasse die kalte Luft durch mich strömen. "Christus, der ist mein Leben."

Ich wechsle das Lied, laufe weiter und mein Herz pocht den Rhythmus des Lebens dazu. Vielleicht hat er ja Recht, der gute alte Paulus. Schrecken kennt er ja selbst genug. Er schreibt seine Zeilen in völliger Unsicherheit in Gefangenschaft. Wird sein Leben weitergehen oder gar bald beendet werden? So oder so weiß er sich gehalten durch Jesus Christus. Im Leben mit all seinen schönen Seiten aber auch seinen Widrigkeiten und Grauen, genauso wie im Sterben. Weil ihn und alle Christen nichts von der Liebe Gottes trennen kann.

So schön wie er hat dies kein anderer es viele Male in Worte gekleidet. Es ist eine Art Grundvertrauen, dass wir durch die Auferstehung Christi selbst im Tod nicht alleingelassen oder gar verloren sind, sondern Eingang finden in Gottes Liebe. Das macht das Leben nicht weniger schön oder wertvoll. Im Gegenteil, denn diese Liebe gilt mir ja im Leben genauso. Nun mobilisiere ich all meine Kraft und meine Lebensgeister, um das letzte steile Stück hochzulaufen.

Währenddessen denke ich daran, wie mich das Vertrauen, dass Gottes Liebe in allem und trotz allem wirkt, erst befähigt, mein Leben und meine Aufgaben zu meistern. Paulus hat dieses Vertrauen in den Beistand Jesu. Er fühlt sich zudem durch die Gemeinschaft und die Kraft, die im Gebet liegen bestärkt. Vielleicht hilft ihm das zu der Gelassenheit, trotz angedeuteter Querelen und Streitigkeiten, ruhig Blut zu bewahren und guten Muts zu bleiben. Daran werde ich beim nächsten Ärger denken. Zuhause angekommen, drehe ich das Wasser der Dusche auf und singe "Christus der ist mein Leben, Sterben ist mein Gewinn". Meine Familie mag sich wundern.      

              Pfarrerin Sibylle Thürmel, Hemau-Nittendorf


Gebet:

Gott, du schenkst mir jeden Tag das Leben und lässt mich wunderbare Momente erleben, dafür danke ich dir. Ich bitte dich, bestärke mein Vertrauen, dass ich in allen Lebenssituationen aber auch im Sterben durch die Liebe Christi gehalten bin. Amen

Lied 163:

Unsern Ausgang segne Gott

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