Auf den Inhalt der Beziehung achten

Brücke
Foto: Bek-Baier

Ich hasse und verachte eure Feste und mag eure Versammlungen nicht riechen - es sei denn, ihr bringt mir rechte Brandopfer dar -, und an euren Speisopfern habe ich kein Gefallen, und euer fettes Schlachtopfer sehe ich nicht an. Tu weg von mir das Geplärr deiner Lieder; denn ich mag dein Harfenspiel nicht hören! Es ströme aber das Recht wie Wasser und die Gerechtigkeit wie ein nie versiegender Bach.

                      (Amos 5, 21-24)

Für Nachbarn und Freunde sind sie ein Vorzeigepaar: Die beiden Kinder im Studium angekommen. Das Haus fast abbezahlt. Sie kümmert sich daheim um alles. Und sie macht es gut: Alles strahlt eine gepflegte Gemütlichkeit aus. Er ist schon lange bei einer Firma in der mittleren Ebene, verdient gut und ist als fleißiger Arbeiter angesehen bei Chefs und Untergebenen. Alles ist perfekt.

Immer am Freitag gibt es Blumen für die Gattin vom Floristen. Sie kauft derweil groß ein, damit es am Sonntag etwas Besonderes zum Essen geben kann, wenn die Kinder da sind. Vielleicht etwas aus dem neuen Kochbuch vom Hochzeitstag? Alles perfekt.

Valentinstag: Er ist in der Arbeit, ganz normal. Sie beim Frisör - dem Tage angemessen. Anschließend noch ein Cappuccino nach den Besorgungen im Café an der Hauptstraße. Rotbäckige Pärchen feiern den Tag der Liebe. Junge Augen strahlen und sich umspielende Hände erzählen von dem großen Gefühl der Verliebtheit.
Als er abends heimkommt, gibt es ein professionell verpacktes Geschenk aus der gehobenen Parfümerie und eine Schachtel Pralinen. "Ach, wie aufmerksam!", würden die Nachbarn sagen. "Ich spüre nichts", stellt die Frau heute wortlos fest. Die Liebe ist zur reinen Fassade geworden. Außen alles richtig, reichlich und perfekt. Und innen - alles leer. Kein Stück von diesem Strahlen, das heute das Café gefüllt hatte. "Ich mag keine Geschenke mehr!", sagt sie leise. "Ich brauch dich!"

Amos schaut sich sein Land an. Den Menschen geht es gut. Gott hat ihnen eine gesegnete Zeit beschert. Und die Menschen? Jeder denkt an sich. Die Armen leiden und die Reichen feiern. Aus sozial ist asozial geworden. Die Ungerechtigkeit schreit zum Himmel. Sie wird begleitet vom Geruch der Brandopfer. Jeder denkt an sich. Was auf den Altären geschieht, hat schon lange nichts mehr mit Ehrfurcht, Demut und Dankbarkeit zu tun. Stolzes Gesehenwerdenwollen und ansonsten nichts als Fassade. Damit der Eigensinn kaschiert wird. Amos ist wahrlich nicht der Typ Mensch, der sich in Politik und Öffentlichkeit produzieren möchte. Aber wenn man als Hirte gefühlt der Einzige ist, der sich noch von Gott persönlich angesprochen fühlt, dann kann man irgendwann nicht mehr schweigen.

Ob Liebesbeziehung oder Gottbeziehung, es ist nicht die Fassade und die Mechanik materieller Großzügigkeit, die Tiefe schafft. Es geht um das Innere, das Gefühl lebendiger Liebe und lebendigem Glaubens. So schön Traditionen sind -  wenn nur noch die Hülle der Tat stehen bleibt und darüber Inhalt und Gefühl vernachlässigt wird, dann wird es bedrohlich. Amos sagt deswegen, auf was es ankommt: nicht auf Unrecht mit Opferduft, sondern auf eine Beziehung, die mit Liebe, Zuwendung und Offenheit wächst und gedeiht. Das ist der Unterschied zwischen Beziehung und Bezahlung. Amos sagt: Gott will die Beziehung. Alles Weitere folgt dann von selbst.        

              Pfarrer Johannes Keller, Wallmersbach

Gebet:

Gott, hilf mir, dass ich außen Ruhe geben kann, um deine Stimme in mir zu hören. Du richtest mich auf das aus, was zählt: auf die Nähe zu mir, zu Dir, zu meinen Lieben. Du gibst mir Frieden. Hab Dank dafür. Amen.

Lied 644:

Selig seid ihr

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