Brücken bauen statt Grenzen ziehen

Libuše Kučerová und Tanja Fichtner
Libuse Kučerová und Tanja Fichtner bei der Projektplanung. Foto: Borée

Grenzüberschreitendes Jugendprojekt für die Oberpfalz und Westböhmen

''Die Geschichte spielt bei den Jugendlichen kaum noch eine Rolle." Da ist sich Libuse Kučerová sicher. Die Pfarrfrau  aus der evangelischen Gemeinde der Böhmischen Brüder in As baut nun zusammen mit ihrer Kollegin Tanja Fichtner aus dem Dekanat Weiden die grenzüberschreitende Jugendarbeit auf. Trotz aller Jubiläen in diesem Jahr vom Prager Fenstersturz bis hin zum Prager Frühling scheint die Vergangenheit kaum noch Bedeutung zu haben.

Dafür die Gegenwart umso mehr. Für Tschechen gelten Deutsche immer noch als die "Reichen". Es sei wichtig, sich in Europa auf Augenhöhe zu begegnen, ergänzt Tanja Fichtner. Vielfältige Möglichkeiten zur Begegnung gibt es heute schon - wenn nur die Sprachbarrieren nicht wären! Doch die Deutschkenntnisse seien auf tschechischer Seite im Grenzland durchaus besser ausgeprägt als umgekehrt, verrät Libuse Kučerová. Immer noch, auch wenn ansonsten viele Tschechen eher Englisch lernen.

Die grenzüberschreitenden Stellen geschaffen hat das Dekanat Weiden mit dem Evangelischen Jugendwerk. Partner in Tschechien ist die Gemeinde der Evangelischen Kirche der Böhmischen Brüder in As. Es wird finanziert von der Evangelischen Kirche in Bayern und aus einem EU-Programm für grenzüberschreitende Jugendarbeit. Es will Brücken bauen anstatt Grenzen zu festigen.

Die kleine Stadt As mit gerade einmal 13.000 Einwohnern befindet sich in der äußersten Spitze Nordwestböhmens im Elstergebirge. Wie ein Finger ragt die Umgebung, der sogenannte Ascher Zipfel, nach Deutschland hinein. Im Westen sind es nur gut 30 Kilometer bis Hof. Im Osten und Norden schließt sich das sächsische Vogtland an. Und etwa 80 Kilometer südlich liegt Weiden in der Oberpfalz. Dennoch ist die Strecke zwischen beiden Orten nun von den beiden Jugendbeauftragten viel befahren. Denn regelmäßig treffen sie sich, um gemeinsam Projekte zu planen und auf den Weg zu bringen.

Libuse Kučerová unterstützte jahrelang als Pfarrfrau in ihrer Heimatgemeinde der Böhmischen Brüder in As ihren Mann. Und sechs Kinder zog sie groß. Doch kämen oft nur noch eine Handvoll Senioren in die Gottesdienste. Und dies, obwohl in der Gemeindekartei 450 Mitglieder stünden. Mehrere Kirchen, oft in sehr schlechtem Zustand gehören zur Gemeinde. "Wir wollen sie aber nicht verfallen lassen." Denn Religiosität hätte in Tschechien nach der Wende  einen schweren Stand. Libuse Kučerová schätzt, dass nur noch ein Prozent der Kinder vor Ort getauft sei. Nur die Baptistengemeinde in As wachse.

In ihrer Region gibt es überdurchschnittlich viele Seniorenheime und vor allem Behinderteneinrichtungen. "Denn vor der Wende wurden schwache Menschen in die Grenzgebiete abgeschoben." Sie werden nun auch diakonisch betreut. Nun geht die Entwicklung dahin, sie in Wohngruppen zu betreuen. Das sei zwar für die Menschen besser, erschwere jedoch die Seelsorge.

Die grenzüberschreitende Jugendarbeit sieht sie auch als große Chance, um mehr junge Menschen in Tschechien mit religiösen Gedanken vertraut zu machen. Die bisherigen Weihnachtswochenenden im Advent waren äußerst gefragt.
Beide wollen schon bei den ganz Kleinen anfangen: "Wir planen etwa deutsch-tschechische Kindergartentage. Aber auch ein Medienprojekt in Prag und Berlin und Aktionen gemeinsam mit der KZ-Gedenkstätte Flossenbürg stehen auf dem Programm." Auch gesellschaftliche Fragen sind relevant: Die Arbeit mit Flüchtlingen soll nicht vergessen sein. Zwar sind gerade auf der deutschen Seite der Grenze mehr jugendliche Flüchtlinge angekommen, aber diese wechselseitigen Begegnungen halten die beiden Jugendreferentinnen für fundamental wichtig. Denn gerade in Tschechien stehen die Zeichen immer mehr auf Abschottung.

In der Oberpfälzer Grenzregion spiele Arbeitslosigkeit kaum noch eine Rolle. Zu gut sei auch hier die Entwicklung auf dem Arbeitsmarkt. Doch viele Tschechen sind gen Westen gewandert, gerade auch tschechische Ärzte. Sie füllen manche Lücken in der medizinischen Versorgung der Oberpfalz. Dafür arbeiten viele Rumänen und Bulgaren in ihrer Heimat, ergänzt Libuse Kučerová.

Bei ihren Aktionen wird im Mittelpunkt stehen, was junge Menschen aus der Geschichte für die Zukunft lernen können. "Wir wollen, dass sie religiöse und kulturelle Unterschiede als Bereicherung erleben und gemeinsam die Zukunft gestalten."

Nach Ostern steht ein gemeinsames Wochenende im Kloster Tepl östlich von Marienbad an. Prämonstratenser haben die barocke Abtei wieder hergerichtet. Gemeinsam können sich nun 25 Kinder dieser Kunstepoche und sich selbst nähern. Aus der ganzen Grenzregion von Weiden bis Eger sollen sie kommen - und neues religiöses Leben blühen lassen.      

                     Susanne Borée


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