Teil einer größeren Erzählung

Brücke
Foto: Bek-Baier

Gerühmt muss werden; wenn es auch nichts nützt, so will ich doch kommen auf die Erscheinungen und Offenbarungen des Herrn.

                      (aus 2. Korinther 12, 1-10)

Für Ina ist es oft hektisch, viel zu stressig: Kinder, Familienleben und natürlich die Karriere unter einen Hut zu bringen. Das ist schwierig, das ist anstrengend. Und immer gibt es eine Frau, die besser ist als sie. Manchmal spürt sie es direkt, denn eine andere bekommt die Stelle, die sie gerne haben möchte. Manchmal fühlt sie es, wenn sie am Kinderspielplatz wieder die Trinkflasche vergessen hat und eine andere Mutter fast triumphierend aushilft. Und sie ist enttäuscht von ihrem Leben: Sie würde gerne mit ihrem Mann öfter einmal zusammen ein romantisches Abendessen erleben. Meist reicht die Kraft nur für die Planung der nächsten Woche: Wo ist das nächste Fußball-Spiel des Sohnes? Und wer begleitet ihn? Vergleicht sie dieses Leben mit den Erfolgsgeschichten der anderen, erscheint ihr Leben wie eine gewöhnliche Alltagserzählung.

Im zweiten Korintherbrief wird deutlich, dass der Apostel Paulus auch nach seiner Erzählung sucht. Auch er kennt Menschen, die sich in Erfolgsgeschichten loben. Er kennt die, die sich selbst rühmen. Ihrem Vorbild folgt er aber nicht, obwohl sein Leben genügend Stoff für eine Erfolgsgeschichte bietet: Konversion, Missionsreisen in die ganze damals bekannte Welt. Scheitern - Gerettet werden. Einfach alles, was eine gute Story braucht. Eine Steilvorlage für den Paulus, der sein Profil als Apostel schärfen möchte, der in Konkurrenz treten kann und möchte.

Doch dieser kämpferische Paulus schreibt hier nicht. Hier schreibt der Paulus, der Gemeinden gegründet und begleitet hat. Paulus, der Wege mit Menschen gegangen ist, und dabei seine Unzulänglichkeit gespürt hat und auch die Schwächen der anderen. Und dadurch verletzt wurde, sich wertlos gefühlt hat oder einfach nur ungerecht behandelt. Das alles hat er erlebt.

Er hat auch beobachten können, wie christliche Gemeinden wachsen. Sie wachsen dadurch, dass Menschen in der Gemeinde füreinander einstehen. Wenn jemand einem Schwächeren hilft, wenn jemand  andere unterstützt, dann wird das Gemeinsame stärker und es wächst die Gemeinschaft in Jesus Christus. Durch Unterstützen und Helfen wachsen alle und es öffnen sich Räume für das göttliche Wirken.

Ina ist also nicht nur die Hauptdarstellerin ihrer Erzählung, sie ist auch Teil einer größeren Erzählung. Hier haben andere Momente Platz: Die Beerdigung ihres Vaters. Sie hat ihn nicht pflegen können, aber am Grab hört sie, dass die Gespräche mit ihr für ihn sehr wichtig waren. Sie haben ihm geholfen, sein Schicksal anzunehmen. Oder die Momente, wenn sie im Kirchenchor mit allen anderen das Gloria anstimmt: Sie hört ihre manchmal brüchige Stimme und sie hört den Klang des Chors. In diesen Momenten kann sie es fast spüren: Sie ist Teil einer größeren Erzählung - Teil der göttlichen Erzählung.        

              Pfarrerin Tanja Stiehl, Vernetzte Kirche, München

Gebet:

Gott, der du alleine mich vollenden kannst, vollende mich. Amen.

Lied 401:

Liebe, die du mich zum Bilde