Fröhlich in den Tag gehen

Brücke
Foto: Bek-Baier

So spricht der Herr: Ein Weiser rühme sich nicht seiner Weisheit, ein Starker rühme sich nicht seiner Stärke, ein Reicher rühme sich nicht seines Reichtums. Sondern wer sich rühmen will, der rühme sich dessen, dass er klug sei und mich kenne, dass ich der Herr bin, der Barmherzigkeit, Recht und Gerechtigkeit übt auf Erden; denn solches gefällt mir, spricht der Herr.    

                      (Jeremia 9, 22-23)

Der Pfarrer blickte herausfordernd in die Runde und schloss seine Predigt mit den Worten: "Muskeln machen nicht stark, Besitz macht nicht reich und Wissen macht nicht klug." Ein etwas fülliger Mann mit Doktortitel sagte nach der Kirche zu seinem alten Schulfreund: "An allem nörgeln sie 'rum. Karl ich habe eins gelernt im Leben: 'Mitleid kriegst du gratis, Neid musst du dir verdienen...'", stieg in sein nagelneues Nobel-Auto und fuhr genervt davon.

"Wo er Recht hat, hat er Recht",  dachte der andere, schwang sich auf sein klappriges Fahrrad und radelte fröhlich in den Tag. Was auch immer den Pfarrer bei seiner Predigt geritten hat, kann es sein, dass auch der Prophet Jeremia aus Neid redet, wenn er sagt: "Ein Reicher rühme sich nicht seines Reichtums; ein Weiser rühme sich nicht seiner Weisheit?"

Nun, ein wichtiger Bestandteil der Weisheit ist das Wissen. Ohne moderne, wissenschaftliche Medizin wäre von meiner ganzen Familie längst keiner mehr am Leben. Aber wir leben. Dafür haben Wissenschaftler gerackert und geforscht. Gott sei Dank für diese Wissenschaft. Wissen macht also schon klug. Aber Wissen hat Grenzen.

Einer meiner Freunde hatte seine Doktorarbeit bestanden. Als ich ihm gratulierte, sagte er lächelnd: "Nach dem Abitur wusste ich alles. Am Ende des Studiums wusste ich, dass ich nichts weiß. Nun bin ich Doktor und weiß, dass die anderen auch nichts wissen." Das ist die andere Seite. Unser Wissen ist ein Tropfen, unser Nichtwissen ein Ozean, vor allem wenn es um Gott geht. Da kommt man nicht mit Wissen weiter.

Hier brauchen wir eine andere Art von Klugheit. Gott spricht durch Jeremia: "Wer sich rühmen will, der rühme sich dessen, dass er klug sei und mich kenne." Ich habe verschiedene Leute nach der Kirche befragt: "Macht der Glaube an Gott Sie klug?" Viele sagten spontan: "Also weise oder intelligenter als andere bin ich nicht, aber ..."

Hier ein paar der Antworten: "Es macht mich einfach demütiger im Umgang mit meinem komplizierten Sohn." "Ich mache ja auch Mist. So kann ich vergeben. Wenn ich mich an die Bibel halte, klappt es besser. Das ist ein echtes Lebens-Handbuch." "Bei mir läuft so viel aus dem Ruder. Aber es heißt ja: ,Gott ist in den Schwachen mächtig’. Das tröstet mich stark." "Ich habe kapiert, dass Beziehungen das Wichtigste sind." "Ich habe gelernt, zu geben, klebe nicht mehr so am Geld." "Ich freue mich schon so auf den Himmel."

Aus diesen Leuten spricht tatsächlich eine andere Art von Klugheit. Es ist nicht Intelligenz oder Schläue, es ist eine Art Herzensklugheit. Die beginnt oft erst, wenn Menschen mit ihrem Latein am Ende sind. Finanziell, emotional, kräftemäßig. Wer dann dem Ruf Gottes gehorcht und ganz bewusst sein Schicksal in Gottes Hand legt, kann fröhlich in den Tag gehen.     

              Pfarrer Stefan Scheuerl, Lauben

Gebet:

Mein Herr und mein Gott, nimm alles von mir, was mich hindert zu dir. Mein Herr und mein Gott, gib alles mir,  was mich führet zu dir. Mein Herr und mein Gott, nimm mich mir und mache mich ganz zu eigen dir. Amen.

                         Nikolaus von der Flüe

              

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