Kreuzfahrer
Kreuzfahrer. Foto: Museum Speyer/Musée Lorrain, Nancy/ Michel Bourguet

Der Held der Christenheit

Richard kam erst gegen Ende der 22-monatigen Belagerung an, aber die Verstärkung, die er und König Philipp II. August mitführten, brachte die Entscheidung. Am 12. Juli 1191 wurde eine Vereinbarung getroffen, die die Belagerung beendete. Die muslimischen Bewohner wurden am Leben gelassen, allerdings wurden die Soldaten der Garnison als Geiseln genommen, um die Leistung der Entschädigungsbedingungen sicherzustellen. Diese Bedingungen waren drastisch und zeigen den großen Sieg, den Richard über Saladin errungen hatte.

Richard und Phillip beanspruchten den Sieg und die Beute für sich. Das verärgerte Leopold V. von Österreich, der später an der Verhaftung und Geiselnahme Richards maßgeblich beteiligt sein sollte.  

Philipp II. August hingegen reiste bald wieder nach Europa zurück und überließ dem englischen König Schlachtfeld und Ruhm. Die Befreiung Jerusalems sollte den Kreuzfahrern nicht gelingen, doch führte Richard das Unternehmen dank seines Verhandlungsgeschicks zu einem ­Erfolg. Richard I. Löwenherz wurde der größte Held des Unternehmens auf christlicher Seite.

Richard verstand sich als wahrer Kreuzfahrer. Viele folgten seinem Beispiel. Man nahm das Kreuz, Symbol für den Kreuzestod Christi und  machte das stolz sichtbar, etwa durch ein aufgenähtes Kreuz. Die Legende, dass die Kaiserin Helena, die Mutter Kaiser Konstantins, im 4. Jahrhundert ins Heilige Land gereist war und das Wahre Kreuz Christi gefunden hatte, war eine tragende Legende im Kreuzeskult. Im Laufe der Jahrhunderte ging es wieder verloren. Doch im ersten Kreuzzug (1096-1099) gelang ein Wunder: Ein Stück vom Wahren Kreuz wurde gefunden. Seitdem wurden kleine Splitter des Kreuzes in wertvollen Behältnissen, den Kreuzreliquiaren, aufbewahrt.

In der Speyerer Ausstellung werden die wertvollsten und schönsten Kreuzreliquiare aus der Zeit Richards gezeigt. Unter anderem ist ein besonderes Emailkästchen aus Limoges vertreten. Auch in ihm war eine Kreuzreliquie enthalten. Die mehrfarbigen Motive, die im aufwändigen Grubenschmelzverfahren entstanden, zeigen die Auffindung und Bergung des "Wahren Kreuzes" durch die Heilige Helena und die Reise des Kreuzes bis nach Frankreich. Eine anderes Kästchen zeigt die Ermordung des Heiligen Thomas. Eine damals gerade bei englischen Gläubigen allgemein bekannte Geschichte, die das Reliquiar für gängige Reliquien aller Art tauglich machte.

Die Stadt Limoges war im 12. und 13. Jahrhundert eine der wichtigsten Produktionsstätten für kostbare Emailarbeiten. Limoges - im Westen des heutigen Frankreichs - lag damals im Herzen des Avenginischen Reiches und hatte im englischen Königshaus einen wichtigen Auftraggeber und Förderer.  

Ritter durch und durch

Allerdings darf man sich nicht vorstellen, dass Richards Frömmigkeit ihn zu einem mildtätigen Herrscher gemacht hätte. Er war ganz und gar dem ritterlichen Standesdenken verhaftet, nachdem der Schutz von ­Kirche und Untertanen christliche Pflicht waren. Der bewaffnete Kampf stand dabei an erster Stelle.
Richard lebte in diesem Standesdenken. Bauern wurden für die Kreuzzüge hart besteuert. In seinem Reich erhob Richard den "Saladin-Zehnt", eine Steuer zur Finanzierung des Kreuzzuges zur Befreiung der Heiligen Stätten von den Muslimen unter deren Anführer Saladin. In Speyer wird anhand von Abrechnungen und anderen Dokumenten, Münzen sowie Kerbhölzern anschaulich die Effizienz des angelsächsischen Finanzsystems gezeigt.

Selbst bei kirchlichem Besitz war Richard I. Löwenherz in der Besteuerung nicht zimperlich. Sein späterer Ruf als "schlechtester Herrscher, den England je gehabt" stammt aus kirchlichen Federn jener Zeit, die ihm den harschen Umgang mit dem Klerus übel nahmen. Als ein Geistlicher ihm einen militärischen Rat geben wollte, fuhr Richard ihn barsch an: "Herr Kleriker, befasst Euch doch mit eurem Geschreibsel! Belasst uns das Rittertum!" Kein Wunder also, dass er in der Geschichtsschreibung seiner Zeit, die meist in den Händen von Geistlichen lag, schlecht wegkam:  "Selbst einen vom Himmel gesandten Engel hätte der König wohl mit Verwünschungen bedacht", so mutmaßte der Chronist und Mönch Wilhelm von Newburgh.

Bei den ausufernden Feldzügen ­ auch im eigenen Land und in Frankreich - wurden von Richard gegnerische Kämpfer und Zivilisten auf Gebieten des Gegners kaum geschont, die Landschaften und Dörfer verwüstet. "Er raubte das Korn, riss die Weinstöcke heraus, verbrannte die Dörfer und gab alles der Zerstörung anheim", schreibt ein Chronist.

Auf dem Weg ins Heilige Land stellte sich Richard an die Spitze seiner Truppe und erstürmte die Stadt Messina in Sizilien, woraufhin stundenlang Raub, Mord und Plünderung wüteten, bis der König endlich seinem Heer Schonung gebot. Ab diesem Zeitpunkt  nannten die Sizilianer den König furchtsam "den Löwen" oder "Löwenherz". Die in Akkon gemachten 3.000 Geißeln ließ er hinrichten, als ein Abkommen nicht eingehalten worden war. Auf der anderen Seite förderte er geistliche Ritterorden, wie die karitativ und in der Krankenpflege tätigen Johanniter und gründete den Thomasorden zur Pflege von Pilgern.

Richard verstand sich als von Gott eingesetzter Ritter, ganz nach dem göttlichen Ordnungswillen. Dazu gehörte für ihn Kampf und Gewalt. Ein zutiefst verinnertliches Rittertum und religiöser Antrieb waren neben politischen Erwägungen Gründe, warum Richard I. Löwenherz ein Vollblut-Kreuzfahrer war.   

                    Martin Bek-Baier

Landesausstellung "Richard Löwenherz", Historisches Museum der Pfalz, Speyer, Domplatz 4. Info: www.museum.speyer.de

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