Die Erfindung eines Krippenspiels

Krippenspiel am Computer
Krippenspiel am Computer. Foto: Wollschläger

Jesus - nicht Jochen!

Es ist ein Ringen um einzelne Wörter und Textabschnitte an einem verregneten Freitagabend in Würzburg. Auf dem Schreibtisch stehen selbst gebackene Plätzchen, die Tochter Marlene von Pfarrer Martin Schnurr frisch aus dem Ofen geholt hat. Wir sitzen vor dem großen Bildschirm und feilen an Worten des zukünftigen Krippenspiels, das am Heiligen Abend von den diesjährigen Konfis traditionell aufgeführt werden soll. Rückblende

"Lass' uns was Eigenes machen. Was Neues!", bat ich Pfarrer Martin Schnurr. Jahrelang hatte ich das traditionelle Krippenspiel meiner Kirchengemeinde St. Johannis besucht.  Die Kirche ist voll wie sonst kann. Kinder wuseln durch die Kirchenbänke. Ganze Generationen besuchen an diesem Tag den Gottesdienst.
Das Krippenspiel ist seit Jahren - bis auf seltene Ausnahmen und wechselnde Darsteller - das gleiche. Seit ich Kinder habe, besuche ich diesen Gottesdienst. Es ist immer schön, immer etwas Besonderes. Für mich jedoch hat sich über die Jahre ein gewisser Wiederholungseffekt eingestellt, der der wunderbaren Weihnachtsbotschaft nicht gerecht wird.

Nun kann sich ein Pfarrer nicht jedes Jahr ein neues Stück ausdenken. Gemeinde aber besteht auch immer aus dem Engagement der Mitglieder. Also fragte ich nach, ob wir nicht gemeinsam ein neues Krippenspiel "erfinden" könnten. Ich würde es schreiben und gemeinsam würden wir es realisieren. Geteilte Arbeit ist aufregende Arbeit.

Wir trafen uns Ende des Sommers zur ersten Besprechung. "Was kennzeichnet einen gelungenen Weihnachtsgottesdienst?", so überlegten wir. Er aus der Sicht des Pfarrers - ich aus der Sicht eines Gemeindemitglieds.

Traditionelle Weihnachtslieder sind dabei ebenso wichtiger Bestandteil wie natürlich das Evangelium der Weihnachtsbotschaft. "Das ist das, was auch kirchenferne Menschen, die sonst nie kommen, erwarten. An Weihnachten sind die Erwartungen besonders hoch. Da darf man die Besucher nicht enttäuschen und muss ein stückweit auch 'Erwartungserfüller' sein", fasst Martin Schnurr zusammen.

So ist also die Aufgabe, ein Krippenspiel zu erfinden, was die Erwartungen an die Weihnachtsgeschichte erfüllt und dabei gleichzeitig ein bisschen "frischer" ist. Ein Stück, das auch einen Bezug zu unserer derzeitigen Lebenswirklichkeit hat.
Und so machten wir uns unter diesen Vorgaben daran, eine bekannte und doch neue Geschichte zu entwickeln.

Bei Salat und dem letzten Eiskaffee des Jahren besprachen wir das zukünftige Krippenspiel. Schnell fanden wir die Hauptakteure des Stücks:  es sollten die Engel sein. Engel, die Maria, Josef und den Hirten erschienen. Beginnen würde das Stück mit einer Art Mitgliedersitzung im Himmel, in deren Mittelpunkt die Verrohung der Welt und eine mögliche Sanktion stehen würde. Bis ein Teilzeitengel, der mit der Hege und ­Pflege des Nachwuchses betraut ist, als letzter kommt, und überraschend für neue Erkenntnisse sorgt.

Während ich schrieb, war Martin Schnurr ebenfalls nicht untätig. Bei dem jährlichen Flohmarkt der Erlöserschwestern in Würzburg kaufte er alte Bettlaken und goldene Bänder. Daraus nähte der Pfarrer persönlich einen Prototyp für ein Engelsgewand. Gabriel und sein Hilfsengel wollen schließlich glänzen. Nicht nur mit einem goldenen Schimmer auf dem Kopf, sondern auch mit strahlendem Gewand.

"Einer der Engel wird die oft sperrigen Sätze der Bibel übersetzen. Für Maria, Josef und die Hirten - aber auch für die Menschen, die nicht vertraut sind mit der Sprache der Bibel."

Schnell haben wir die Idee der Geschichte entwickelt. Zusammenarbeit sollte genauso sein. Das Bühnenbild stellen wir uns beide schlicht vor. Es soll nichts von der Botschaft ablenken.

Und Jochen? Was hat ein gewisser Jochen damit zu tun?

Es ist Marias Wunschnamen für ihr ungeborenes, überraschendes Kind. Es wird die Arbeit der Engel sein, Maria davon zu überzeugen, dass der Name schon bei den Propheten vermerkt ist - Jesus nicht Jochen.       

Vorschau: Der Gottesdienst am Heiligen Abend findet um 15 Uhr in St. Johannis statt. Dazu ergeht herzliche Einladung an Groß und Klein. 

                      Inge Wollschläger


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