Wo der Himmel aufreißt

Brücke
Foto: Bek-Baier

So schau nun vom Himmel und sieh herab von deiner heiligen, herrlichen Wohnung! Wo ist nun dein Eifer und deine Macht? Du, Herr, bist unser Vater; "Unser Erlöser", das ist von alters her dein Name. Ach dass du den Himmel zerrissest und führest herab, dass die Berge vor dir zerflössen, dass dein Name kundwürde unter deinen Feinden und die Völker vor dir zittern müssten, wenn du Furchtbares tust, das wir nicht erwarten! Kein Ohr hat gehört, kein Auge hat gesehen einen Gott außer dir, der so wohltut denen, die auf ihn harren.  

                      (aus Jesaja 63, 15 bis 64, 3)

Im Advent zünden wir Kerzen an. Licht und Wärme tun gut in der dunklen Jahreszeit - zumal angesichts der Krisen weltweit oder auch im eigenen Leben. Unser Bibelwort ist fern jeglicher adventlicher Idylle und doch in seinem Ruf nach Gott voll adventlicher Erwartung. Es enthält den stärksten Sehnsuchtsschrei nach Gott für sein Volk, den ich in der Bibel kenne: "Ach dass du den Himmel zerrissest und führest herab".

"Wo bleibst Du denn?! Kümmere Dich um Dein Volk!" schreit der Prophet im babylonischen Exil zu Gott.

Der Tempel ist zerstört, das Königshaus ausgerottet, das gelobte Land fern und das Volk sitzt unter fremder Herrschaft im fremden Land. Alle menschlichen Möglichkeiten, dass das Volk als Gottesvolk überlebt, sind weg. Es ist eine Frage der Zeit, bis sich die nationale Identität und die Glaubensgemeinschaft auflösen.
Der Prophet lehnt sich gegen diese Spirale nach unten auf. In den Versen zuvor erinnert er an das, was Gott früher getan hat zu Moses Zeiten. Leidenschaftlich ruft er zu Gott, dass er auch heute genauso machtvoll hilft, wie es nach menschlichem Ermessen nicht erwartbar ist.

Die Krise wird so zur Geburtsstunde großer Gottessehnsucht. Der Tiefpunkt wird zum Wendepunkt hin zum Vater. In der Erfahrung eigener Ohnmacht entsteht die Bewegung, in der der Prophet und andere sich ganz auf Gott werfen.
Das Wunder wird geschehen: das Volk wird sich in der Fremde neu finden, im Glauben gefestigt nach Jerusalem heimkehren und dort einen neuen Tempel bauen.
"Ach, dass du den Himmel zerrissest und führest herab!" In diesem Schrei ist große Kraft. Ungebändigt zeigt sich hier der im Glauben wurzelnde Zweifel am Niedergang.

Wo braucht das Volk getaufter Christen heute Gottes machtvolle Hilfe? Im Iran und im Irak und in vielen anderen Ländern werden Christen verfolgt, verhaftet, getötet. Nein, das muss nicht so weitergehen. Gott helfe, schütze und schenke dort Religionsfreiheit. 

In Deutschland wachsen viele Kinder ohne religiöse Sozialisation auf. Viele Jugendliche betreten nach der Konfirmation keine Kirche mehr. Ganze Familien sind religionstaub. Nein, das muss nicht so weitergehen. Gott helfe und schenke Erweckung, wie sie nicht erwartbar ist.

Zwei ganz unterschiedliche Ziele unserer Sehnsucht nach Gott. Wo wir die Grenzen unserer Möglichkeiten wahrnehmen und Gott hinhalten, schenkt Gott mehr als wir erwarten: "was kein Ohr gehört und kein Auge gesehen hat". Er ist doch unser Vater und der Erlöser schon immer gewesen. Wir zünden die zweite Kerze an und rufen voll Sehnsucht: Komm!     

               Regionalbischöfin Dorothea Greiner,

               Kirchenkreis Bayreuth

Gebet:

Vater, unser Erlöser, entzünde in uns große Sehnsucht nach Dir und Deinem Sohn, durch den Heiligen Geist. Amen.

Lied 7:

Oh Heiland reiß die Himmel

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