Friedrich
Sehr fromm, religiös aufgeschlossen, außerordentlich intelligent und schlau, liebenswürdig, diplomatisch sehr geschickt, und so fort- das alles war Kurfürst Friedrich der Weise.

Aber warum hat man ihn Friedrich "den Weisen" genannt?

Und was war noch mal ein Kurfürst? Timo rief Google auf und tippte "Friedrich der Weise" ein. Ein etwas dicklicher Mann mit mächtigem Backenbart und ernster Miene blickte ihm entgegen. Tränensäcke lagen unter seinen Augen, die ein wenig traurig schauten. Ganz ähnlich wie bei den Bassethunden, die seine Tante Steffi so gerne hatte. Um den Hals war irgendwas aus Plüsch gelegt. Aber bestimmt gab es damals noch kein Plüsch. Es war bestimmt ein echter Pelz von irgendeinem Tier. Er konnte sogar einen leichten Schimmer auf dem Fell erkennen. Das war also Friedrich der Weise.

Er las auf der Internetseite "kleio.org": "Von seinen Zeitgenossen wurde er wegen seiner ausgewogenen Politik, die von einigen seiner Biographen eher bedächtig als vorausschauend bezeichnet worden ist, der 'Weise' genannt. Seit mindestens 1516 war er zudem Brillenträger. Er galt als sehr fromm, religiös aufgeschlossen, außerordentlich intelligent und schlau, liebenswürdig, diplomatisch sehr geschickt, sehr gewissenhaft und gründlich, selbstbewusst, ernst, pflichtbewusst, geduldig, menschenscheu, introvertiert, wortkarg, verschlossen, gerecht und zuverlässig. Niemand hörte ihn jemals fluchen, wodurch er sich von seinen Zeit- und auch Standesgenossen grundlegend unterschied."

"Meine Güte", dachte sich Timo und pfiff anerkennend durch die Zähne. Mehr solche Politiker und Staatsmänner und die Welt wäre ein besserer Ort. Er las weiter. Das war ja wirklich spannend: "Seine überlegene Klugheit zeigte sich unter anderem darin, dass er warten konnte. Luther rühmte ihn, er habe nichts überstürzt. Er wartete Stunde, Ort, Zeit und Person ab."

Das kann man von heutigen Staatsmännern nicht immer behaupten, schoss es Timo durch den Kopf. Wenn er an all die Wahlversprechen dachte und Programme. An die ganzen Schlagzeilen der Zeitungen. Hier ging es doch oft genug darum, Erster zu sein, oder am lautesten. Im besten Falle beides. Ohne Ruhe und Besonnenheit wurde alles herausposaunt. Richtigstellungen hingegen fand man später meisten nicht. Der dicke Mann wurde ihm direkt sympathisch. Selbst der damalige Papst, Leo X. schien ihn zu mögen. Nur sein Abgesandter nicht. Timo lachte laut auf, als er las, dass eines seiner Hobbies das Essen war. Sein Körperumfang veranlasste den päpstlichen Nuntius Alexander, ihm den Spitznamen "fettes Murmeltier mit den Augen eines Hundes" zu geben. Das passte wie die Faust aufs Auge, kicherte Timo. Das ließe sich bestimmt irgendwann einmal gut in ein Gespräch einfließen lassen. "Du fettest Murmeltier ..."

"Wo waren wir noch gleich?", fiel Timo wieder ein. Er hatte ja Luther eine Frage gestellt, die er sich nun selbst beantwortet hatte. Google und das Internet waren super. Alle Infos zum Greifen - mit einem Klick - nah. "Was für ein Segen", dachte er. Ob Luther wohl darauf neidisch gewesen wäre?

"Nein, wäre ich nicht. Ich kannte es nicht. Ich vermisste es nicht", ätze Luther, der offensichtlich mal wieder in seinen Gedanken gestöbert hatte. Vielleicht war er auch sauer, weil er nun so seine Geschichte nicht selbst erzählen konnte?

"Wir mussten damals selber denken und überlegen! Du hingegen machst nur mal klick-klick."

"Du wärst wahrscheinlich der Erste gewesen, der das Internet nutzt und hättest Millionen von 'Followern' gehabt - wie die Stars persönlich", grinste Timo. "Aber sei es drum. Es soll ja nicht ums Internet gehen, sondern um Georg Spalatin, nicht wahr? Und den dicken Friedrich!"

"Friedrich der Weise", klang es hoheitsvoll. "Immerhin war er Kurfürst. Da kommt lange nichts nach. Alle Kurfürsten zusammen wählten den König. Kurfürsten waren mit die mächtigsten Herrscher des Landes. Kurfürst Friedrich bin ich persönlich nie begegnet. Aber Georg war ein Vertrauter von ihm. Er fing seine Laufbahn als einer der ersten Magister an der neuen Hochschule zu Wittenberg an, die Universität, die Friedrich gegründet hatte. Man kannte sich in diesem Ort. Und so wurde er Erzieher des jungen Kurprinzen Johann Friedrich. Eine steile Karriere am Hof stand ihm bevor: In kürzester Zeit wurde er Geheimsekretär des Kurfürsten und dessen unentbehrlicher Berater. Die Situation nach meinem Bann war ja auch für Friedrich gefährlich. Dieser päpstliche Nuntius Alexander, von dem du vorhin schon gelesen hast - schrieb an den Papst im Jahr 1523. Darin beschrieb er den sächsischen Kurfürsten als ein Ungeheuer und riet, man solle diesem die Kurwürde nehmen und ihn in den Bann tun."

Timo wandte sich wieder seinem Computer zu und gab den Namen Spalatins ein und klickte auf Bildersuche. Er sah gerne, wen er vor sich hatte.

Ein rotnasiger Mann war zu sehen. Hohe Wangenknochen, schmale Lippen, rote Haare. In seiner Jugend waren sie gelockt, später schauten sie nur vereinzelt unter einer Kappe hervor. Ähnlich wie Philipp Melanchthon war auch er mager. Luther hingegen sah auf den Bildern eher aus wie der gemütliche Friedrich.

Wie passten die Männer nur zusammen? => weiter

 

Außerdem lesen Sie unter anderen in unserer gedruckten Ausgabe vom 30. September 2018:

- Was auf den Tagesordnungen in Kirchenvorständen steht und was diese Gremien tun

- Oberkirchenrat Bierbaum: Religionsunterricht als Brücke zwischen Kulturen und Konfessionen

- Hört einander zu! Ulrich Lilie, Präsident der Diakonie Deutschland, fordert gemeinsame Lösungssuche

=> Interesse an diesen Artikeln der gedruckten Ausgabe?

Diese, die wöchentlichen Rätsel und vieles mehr können Sie bei unserem kostenlosen Probeabo entdecken

=> Gleich online bestellen

 

 

www.kirchenpresse.de - Evangelische Wochenzeitung im Internet