"Judensau"
"Judensau" an der Stadtkirche zu Wittenberg aus dem Spätmittelalter. Foto: Borée

Luthers Verbitterung

In den Jahren nach 1523 verstärkte sich Luthers Enttäuschung gegenüber den Juden. Er hatte gemeint, durch die reformatorischen Gedanken und eine maßvolle Haltung gegenüber den Juden diese vom evangelischen Christentum überzeugen zu können. Nur sehr wenige Juden hatten sich in den vergangenen Jahren der Reformation zugewandt. Durch ihre Verstockung zögerten sie die Wiederkunft Christi heraus. Und 1537 akzeptierte der Reformator erstmals die Nichtduldung von Juden in einem evangelischen Gebiet.

Schon 1532 hatte der Reformator davon erfahren, dass eine Gruppe so genannter "Sabather" in Mähren ihren Ruhetag am Sabbat einhielten. Dies war eine reformatorische Splittergruppe. Luther setzte offenbar bei ihnen jüdischen Einfluss voraus. 

Immer mehr scheint Luther befürchtet zu haben, dass getaufte Juden den Glauben an Jesus Christus nur vortäuschten. Gerade in Spanien hatte die Inquisition die Juden vor die Wahl gestellt, entweder verbrannt zu werden oder sich taufen zu lassen. Viele von ihnen hatten da nur zum Schein den christlichen Glauben angenommen. Trotzdem meinte Martin Luther, dass sich einzelne Juden ernsthaft zu Christus annehmen könnten. Evangelische Prediger wies er an, die Konvertiten genau zu kontrollieren.

1537 verweigerte Luther Josel von Rosheim also jegliche Unterstützung. Das war jedoch noch nicht das letzte Wort des Reformators. Nachdem Luthers Lieblingstochter Magdalena im September 1542 gestorben war, vergrub sich der Reformator in seinen Gram. Schmerzen und Krankheiten plagten den fast 60-Jährigen immer mehr. In diesen Wochen und in dieser Stimmung las der Reformator die Schrift Margarithas, des Gegenspielers Josels von Rosheim im Augsburg des Jahres 1530.

Bis Ende 1542 verfasste Martin Luther nun seine Schrift "Von den Juden und ihren Lügen", die Anfang 1543 in den Druck ging. Dort bezeichnete er Juden als "leibhafftige Teufel", die Christen in ihrem Glauben verunsichern, nein, sogar "alle tod schlahen und vertilgen" wollten. Da die Juden nicht das Christentum annehmen wollten, würden sie Gott lästern. Nun nahm der Reformator auch wieder an, dass Juden Ritualmorde verüben und Brunnen vergiften würden. Diese Vorwürfe hatte er 1523 ausdrücklich abgelehnt.

Die Konsequenz war im Wesentlichen: Die Synagogen und alle religiösen Schriften sollten verbrannt und alle Gottesdienste verboten werden. Die Häuser der Juden wollte Luther zerstört sehen. Ihre Besitztümer sollten ihnen weggenommen werden. Sie sollten zur Zwangsarbeit gezwungen oder gar in Gebiete verbannt werden, in denen keine Christen wohnten. Bis dahin hätten Christen den Kontakt zu den Juden zu meiden. Eine Bekehrung hielt Luther nun für "unmüglich".

In Brandenburg, Kursachsen und Anhalt gab es kurz nach Erscheinen dieser Schrift Ausweisungen von Juden. Weitere ähnliche Schriften Luthers folgten. Kaiser Karl V. verbot allerdings im April 1544 ausdrücklich, Synagogen zu zerstören. Auch der Nürnberger Reformator Andreas Osiander distanzierte sich deutlich von dieser Schrift Luthers.

Auch noch kurz vor seinem Tod betrieb Martin Luther bei seiner letzten Reise nach Eisleben im Februar 1546 die Ausweisung von Juden aus seinem Geburtsort. Die Mansfelder Grafen stritten über den Umgang mit ihnen. Am 15. Februar, nach seiner letzten Predigt drei Tage vor seinem Tod, verlas Luther noch einmal zusammenfassend seine "Vermahnung wider die Juden". Er ließ den Juden nur die Wahl zwischen Taufe oder Vertreibung.

Der todkranke Reformator befürchtete ferner, dass jüdische Ärzte ihn vergiften könnten. Dadurch, dass viele Juden als Geldverleiher arbeiten mussten, erschienen sie dem Reformator wie ein Symbol verhasster ökonomischer Praktiken. Und ihre Verstocktheit gegenüber dem Christentum und besonders seiner reformatorischen Lehre ärgerte ihn besonders - hielten sie doch damit das erhoffte Weltende auf. Dann starb Luther.

Josel von Rosheim folgte ihm acht Jahre später ins Jenseits. Der Titel "Regierer allgemeiner Jüdischheit" ging mit ihm ins Grab. Einen ähnlich anerkannten Nachfolger gab es nicht.

Das Nachleben

Bis weit ins 18. Jahrhundert hinein spielten Luthers judenfeindliche Schriften kaum eine Rolle. Pietisten und Aufklärer fühlten sich eher von seinen Toleranzappellen angesprochen. Dann aber setzte ein furchtbares Nachleben ein. Nationale Protestanten des 19. Jahrhunderts und erst recht die Nazis konnten sich da auf den Reformator berufen. Nicht wenige Stimmen gibt es, die sich wünschten, Luthers Schmähschrift wäre unterblieben.

Josef Schuster, der Präsident des Zentralrats der Juden in Deutschland, hebt aktuell hervor, dass sich die Synode der Evangelischen Kirche in Deutschland (EKD) von Luthers judenfeindlichen Aussagen 2015 distanzierte und deutlich die Judenmission ablehnte.

Auf die Frage, ob Luther Mitschuld am Massenmord an den Juden durch die Nationalsozialisten trage, sagte Schuster: "So würde ich das nicht ausdrücken. Aber Fakt ist: Das ist nicht nur ein Thema der evangelischen Kirche, sondern man muss auch die katholische Kirche in die Verantwortung dafür nehmen, dass über Jahrhunderte im kirchlichen Bereich antijüdische Ressentiments und Antisemitismus einen weiten Raum eingenommen haben."

Luther ging sicher in Wort und Schrift nirgendwo schonend mit seinen Feinden um: Die Repräsentanten der Papstkirche oder Türken, Schwärmer oder persönliche Gegner griff er hart und persönlich an. Bei niemandem schreckte er
vor Dämonisierungen zurück. Offenbar hielt er oft tatsächliche oder eingebildete Gegner für Werkzeuge des Teufels - zumal in späteren Jahren.

Luthers Rechtfertigungslehre oder seine "Freiheit eines Christenmenschen" sind natürlich herausragende Meilensteine der Glaubensgeschichte. In seinen späteren Jahren war er von damals unheilbaren Krankheiten und oft unerträglichen Schmerzen befallen. Depressionen und Ängste überschatteten seine Gedanken. Nirgendwo zeigt sich das deutlicher - und mit einer derart verheerenden Wirkungsgeschichte - wie bei seinen späten Äußerungen über "die" Juden.

Auch wenn Luther Josel von Rosheim kennen gelernt hätte, der zweifelsohne eine bedeutende Persönlichkeit gewesen war, ist fraglich, ob er später sanftere Worte für die Juden gefunden hätte.    Thomas Kaufmann: Luthers Juden. Reclam-Verlag, 3. Auflage 2017, 208 S., ISBN 978-3-15-010998-4, 22,95 Euro.

                          Susanne Borée