Editorial: Wehmütiger Abschied vom Sommer

Inge Wollschläger
Inge Wollschläger

Im Sommer war ich oft an einem kleinen See. Ein Holzsteg ragte hinein. Dort konnte man gut sitzen, sich von Libellen umschweben lassen: Ich beobachtete die Wasserläufer, die wie Jesus über Wasser "wandeln" können - wie der Sohn einer Freundin meinte.

Im Fränkischen sieht man in der Ferne, über solche kleinen Seen hinweg, immer eine Kirchturmspitze und zwischendurch werden leise Glockentöne herübergeweht. Die Vögel singen das schönste Lied und der Wind wiegt das Korn sacht. Im Wasser spiegeln sich de Wolken in leicht kräuselnden Wellen.

Es ist also der ideale Ort, um ein wenig Erholung und Entspannung zu tanken. Man möchte den Augenblick festhalten, einsaugen, sich auf die Netzhaut brennen lassen, weil es so schön ist. Auch weil man weiß: Dieser Augenblick geht vorüber.
Der Herbst ist da. Das merkt man auch am kleinen See. Unter dem Kastanienbaum, der einem so gut Schatten spenden konnte, sitzt man jetzt lieber nicht mehr. Es sei denn, man möchte eine harte Kastanien auf den Kopf bekommen. Das Wasser ist - wie über Nacht - zu kalt zum Schwimmen geworden. Am Rand habe ich einen Pilz entdeckt. Unter den nackten Füßen sammelt sich frühzeitig der Tau und lässt einen frösteln.

Es ist die Zeit des Ab­schied­nehmens.

"Wie schnell eilen unsere Jahre dahin; es ist, als fliegen sie davon" können wir im Psalm 90,10 lesen.

Einmal geblinzelt und schon geht es weiter im Jahres- und im Lebenskreis. Dabei war ich noch gar nicht "fertig" mit meinem Sommerglück. Ich habe - in einem kleinen Anflug von Trotz - noch nicht einmal meine Sommerkleider und -schuhe weggeräumt.

Was bleibt, ist dennoch Dankbarkeit. Dass ich Augen hatte, zu sehen. Ohren, die das feine Surren der Libelle hören durften. Eine Haut, die den Sommerwind über sich streichen fühlen durfte und ein Gehirn, das diese Augenblicke nicht vergessen lässt. Der jüdische Schauspieler Ernst Ginsberg schrieb in einem Gedicht: "Nun wird es Zeit zu danken/eh Herz und Auge bricht/für alle Gottesgaben/für Leben, Luft und Licht."

Ja - man darf das Danken nicht vergessen. Trotz Abschiedsschmerz, meint Ihre

                                Inge Wollschläger

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