Sehnsucht nach einem reinen Leben

Brücke
Foto: Bek-Baier

Und es kam zu ihm ein Aussätziger, der bat ihn, kniete nieder und sprach zu ihm: Willst du, so kannst du mich reinigen. Und es jammerte ihn, und er streckte seine Hand aus, rührte ihn an und sprach zu ihm: Ich will's tun; sei rein! Und alsbald wich der Aussatz von ihm, und er wurde rein. Und Jesus bedrohte ihn und trieb ihn alsbald von sich und sprach zu ihm: Sieh zu, dass du niemandem etwas sagst; sondern geh hin und zeige dich dem Priester und opfere für deine Reinigung, was Mose geboten hat, ihnen zum Zeugnis. Er aber ging fort und fing an, viel davon zu reden und die Geschichte bekannt zu machen, sodass Jesus hinfort nicht mehr öffentlich in eine Stadt gehen konnte; sondern er war draußen an einsamen Orten; und sie kamen zu ihm von allen Enden.

                      (Markus 1, 40-45)

Jemanden wie einen Aussätzigen behandeln, ist zur Redensart geworden. Gemeint ist nicht die Behandlung einer höchst ansteckenden Krankheit. Da gibt es Quarantäne- und Infektionsabteilungen. Um "Aussätzige" mit allen Arten von Hautkrankheiten machte man einen weiten Bogen und mied jeglichen Kontakt. Ich stelle mir die Frage, wen wir heute wie Aussätzige behandeln. Das ist wohl je nach Gruppierung unterschiedlich. Für die einen mögen es Flüchtlinge sein, für die anderen die Fremdenfeindlichen. An Aids Infizierte oder Erkrankte erlebten es früher, heute hat entsprechende Aufklärung die Berührungsängste abgebaut. Das Thema könnte ein Anlass zur Selbstprüfung sein, für jeden Einzelnen, für Gesinnungsgenossen, für uns als Kirche: Gibt es die "Aussätzigen" heute? Wenn ja, wer sind sie für mich, für uns?

Aber das Evangelium ist keine moralische oder gesellschaftskritische Predigt. Zwar haben es Heilige und andere aufopferungswillige Christen wie Elisabeth von Thüringen oder Mutter Theresa zum Vorbild genommen, sich gegen alle Ansteckungsgefahr den Elendesten mit ihren ekligen Wunden zuzuwenden. Aber das Neue Testament erzählt von Heilung, von einem Wunder, kurz und knapp: "Wenn du willst, kannst du mich gesund machen." "Ja, ich will - sei rein." Man könnte etwas frech sagen: "Wenn er will, dann kann er schon." Aber es wäre unangemessen, von Gott zu reden wie von einem faulen Schüler, der nur das Nötigste tut, um über die Runden zu kommen. "Wenn du willst", verbirgt sich in diesem Zusatz der Zweifel, der sich von vorne herein vor der Enttäuschung schützen will, wenn das Wunder nicht geschieht? Oder spricht daraus das Vertrauen, das Gott alles zutraut? Oder gehört gar beides zusammen, wie in dem Ausruf des verzweifelten Vaters eines epilepsiekranken Kindes: "Ich glaube. Hilf meinem Unglauben." Dazwischen bewegt sich unser Beten: dem Hilferuf und dem Einstimmen in Gottes Willen. Widerstand und Ergebung, beides Ausdruck des Vertrauens.

Auffällig ist, dass der Bericht über das Wunder selbst viel kürzer ausfällt als das Nachfolgende: der vergebliche Versuch Jesu, dem Rummel um seine Person zu entgehen. Richtig unfreundlich wird er zu dem Geheilten: er treibt ihn weg und bedroht ihn, niemandem etwas zu sagen. Jesus flieht die Öffentlichkeit, doch sie kommen zu ihm von allen Enden, verfolgen ihn wie hartnäckige Fans. Es geht nicht um Personenkult. Die Menschen haben bei ihm gefunden, was sie suchen. Und das ist mehr als Gesundheit.   

                  Hans Peetz, Projektstelle "Erschließung
                  der Markgrafenkirchen", Bayreuth              

 

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