Eine Variante der Schöpfung

Dorothea Zwölfer
Die Pfarrerin Dorothea Zwölfer in ihrem Garten in Mühlhausen im Dekanat Bamberg. Foto: Privat

Lebenslinien in Gottes Hand (100): Gott urteilt nach Treue - nicht nach Geschlecht

Dorothea Zwölfer hieß einmal Andreas Zwölfer. Andreas heiratete seine Frau Claudia. Beide studierten dann in München Theologie und arbeiteten seitdem als Pfarrer bzw. Pfarrerin. Aber irgendetwas fühlte sich nicht richtig an. Heute ist Andreas amtlich und medizinisch Dorothea und ist in den Kirchengemeinden Mühlhausen und Weingartsgreuth als Pfarrerin tätig. Der Werdegang war ein steiniger und nicht immer einfach, denn Dorothea Zwölfer ist eine Frau mit transsexueller Biografie". Was das ist und was es bedeute, erzählt sie Inge Wollschläger im Interview.

Frau Zwölfer, erzählen Sie uns ein wenig zu Ihrer persönlichen Situation.

Meine Frau hat mich als Mann kennengelernt. Damals gab es kein Internet und weder sie noch ich kannten den Begriff "Transsexualität". Darum dauerte es auch lange, bis ich sicher wusste, was mit mir los ist und wie ich Hilfe bekommen kann. Erst da konnte ich sie dann informieren. Nach einigen Monaten, im August 2012 entschied sie sich, bei mir zu bleiben, was mir sehr viel Aufwind gab und mir half.

Was ist Transsexualität?

Transsexualität ist eine angeborene Variante, wie ein Mensch sich im Blick auf das Geschlecht selbst erlebt. Das bei der Geburt zugewiesene Geschlecht passt dabei nicht zu dem Selbsterleben. Viele transsexuelle Menschen spüren schon in der Kindheit entsprechende Anzeichen, und spätestens in der Pubertät wird die Diskrepanz zwischen dem zugewiesenen Geschlecht und dem "inneren Wissen um das eigene Geschlecht" sehr massiv. Der Phantomschmerzforscher Vilayanur Ramachandran wies nach, dass jeder Mensch eine Art "Landkarte" an Körperteilen im Gehirn verankert hat. Wenn nun - etwa wegen Krebs - bei einer Frau die Brüste amputiert werden müssen, hat sie oft Phantomschmerzen bzw. Phantomwahrnehmungen der nicht mehr vorhandenen Brust. Das gilt für alle Körperteile, auch für die, die wir dem Geschlecht zuordnen. Viele transsexuelle Menschen haben nun Phantomkörperwahrnehmungen von Geschlechtsteilen, die sie von Geburt an nicht haben, fand Ramachandran heraus. Das nennt man "Geschlechtskörperdiskrepanz". Durch Hormonbehandlung und Operationen wird das Leid, das durch diese Geschlechtskörperdiskrepanz verursacht ist, abgebaut.

Welche Schwierigkeiten treten auf, wenn man nicht seiner "inneren Landkarte" folgt?

Es ist ähnlich wie bei anderen körperlichen Phänomenen, die einen quälen. Anfangs denkt man vielleicht noch, man kann das überwinden, indem man sich ablenkt. Aber genauso wie jemand, der zwei Wochen fastet, irgendwann einmal nicht mehr weiter fasten kann, weil der Hunger zu massiv wird, genauso kann ein transsexueller Mensch irgendwann nicht mehr vor sich selber fliehen - auch wenn die Zeiträume bis dahin oft Jahre dauern. Aber in gewisser Weise ist es wie bei einem Auto, bei dem die Handbremse angezogen ist und ein Warnlicht leuchtet: Erst wenn man die Bremse löst merkt man, wie viel Kraft es kostet, das Warnlicht zu verleugnen.

Die Erfahrung zeigt: Der Beginn der Hormontherapie (bei transsexuellen Frauen mit weiblichen Hormonen, bei transsexuellen Männern mit männlichem Hormon) wird von vielen als Befreiung und große Erleichterung erlebt - auch deshalb, weil dann das Äußere sich dem im Innersten wahrgenommenen Geschlecht angleicht und man oft automatisch richtig angeredet wird.

Ist Transsexualität nicht ein Modephänomen der westlichen Kultur?

Mit einer Modeerscheinung hat Transsexualität nichts zu tun, denn transsexuelle Menschen gab es in allen Epochen und gibt es in allen Kulturen, wie es Udo Rauchfleisch in seinem Buch "Anne wird Tom, Klaus wird Lara" zeigt.
Wer mitbekommt, wie viel Leid transsexuelle Menschen erleben, weil Freunde die Freundschaft aufkündigen, weil man arbeitslos wird oder weil man körperliche Gewalt erlebt, der merkt schnell: So etwas ist keine Mode, sondern hat mit einem massiven Leidensdruck zu tun, den man anders nicht abbauen kann.

Gibt es das Thema Transsexualität auch in der Bibel?

Ja, man findet Aussagen dazu in der Bibel, wenn man sich mit der Frage der Eunuchen beschäftigt. Wer heute zum Thema Transsexualität forscht, wird als Suchbegriff nicht nur "Transsexualität" recherchieren, sondern auch "Eunuchen", da beide Phänomene eine Schnittmenge haben. Auch der Kämmerer aus Äthiopien in Apostelgeschichte 8, 26-40 ist ein Eunuch. In der Geschichte reist der Beamte der ägyptischen Königin nach einer Pilgerreise von Jerusalem wieder heim. Er begegnet dem Apostel Philippus, der ihm - vom Heiligen Geist geführt - einen Jesaja-Text auslegt und das Evangelium von Jesus bezeugt. Daraufhin lässt sich der Kämmerer auf der Stelle taufen.

Was sagt die evangelische Kirche  zu diesem Phänomen?

Es gibt bislang wenig Stellungnahmen dazu - unter anderem erschien aber die Broschüre "Reformation für alle*" (kostenfrei bei der Bundesregierung zu bestellen) mit einem Statement vom ehemaligen EKD-Ratsvorsitzenden Bischof Huber. Und es gibt seit Herbst 2016 das Buch "Transsexualität in Theologie und Neurowissenschaften", in dem etliche theologische Stellungnahmen zu finden sind.

Worauf hoffen Sie?

Ich hoffe, dass Kirche sich für transsexuelle Menschen öffnet und deren Lebenssituation in den Blick nimmt, ähnlich wie es bei der Zirkus- und Schaustellerseelsorge ja auch der Fall ist. Ich hoffe, dass Kirche einladender wird für transsexuelle Menschen. Ich bin mittlerweile auch viel in der Seelsorge mit diesen Menschen ehrenamtlich tätig. Ich hoffe Menschen für dieses Thema sensibilisieren zu können.    

Dorothea Zwölfer möchte durch eine Petition das Transsexuellenrecht verbessern. Im Lutherjahr ist diese Gruppe bislang kaum in den Focus des Jubiläums gerückt: Transsexuelle Menschen. Etliche haben nun zusammen mit der DGTI e.V. eine Broschüre zum Thema "Reformation für alle*" erstellt. Darin findet sich z.B. ein Beitrag des ehemaligen Ratsvorsitzenden der EKD, Nikolaus Schneider. Diese Broschüre kann kostenfrei bestellt werden unter http://t1p.de/rffa. Man findet die Petition unter dem Kurzlink: www.wo4y.de. Weiter Infos finden sich auf ihrem Internetblog ww.aufwind2012.wordpress.com

                          Inge Wollschläger

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