Erlöste geben gerne Liebe Gottes weiter

Schwester Klara Maria
Schwester Klara Maria im Zisterzienserinnenkloster Helfta. Foto: Borée

Mittelalterliche Helftaer Mystikerinnen wirkten direkt vor Luthers Geburtshaus

Gott ist überströmende Liebe. "Auch die Sünde des Menschen kann nicht verhindern, dass Gott sich zum Menschen hinabneigt, um ihn endgültig zu sich, zu seinem Ursprung zurück zu holen. Der Mensch muss Gott nicht um Gnade anflehen; im Gegenteil: der liebende Gott geht auf den Menschen zu." Er befreit ihn aus seiner Verzweiflung, aus seiner Depression. Der so erlöste Mensch "findet Freude daran, die so erlebte Liebe an seine Mitmenschen weiterzugeben".

So weit Gertrud die Große von Helfta. Im 13. Jahrhundert, 200 Jahre vor der Geburt Martin Luthers dachte sie darüber nach, wie Gott seinen Schrecken verlieren könnte. Sie konnte sich zu einem liebenden Gott erst nach schweren inneren Krisen durchringen. In Eisleben, keine fünf Kilometer von Luthers Geburtshaus entfernt, wurde 1229 das Helftaer Zisterzienserinnen-Kloster gegründet. Als der kleine Martin ein knappes Jahr alt war, zog Familie Luther nach Mansfeld - ebenfalls nur gerade 17 Kilometer von Helfta entfernt.

Ihre Blütezeit erreichte die Helftaer Gemeinschaft schon kurz nach der Gründung in der zweiten Hälfte des 13. Jahrhunderts. Die Mystikerinnen Gertrud von Helfta, Mechthild von Hackeborn und die ehemalige Begine Mechthild von Magdeburg trafen hier in der zweiten Hälfte des 13. Jahrhunderts zusammen. Ab 1250 schrieb die Magdeburgerin als erste Mystikerin in deutscher Sprache ihr Werk "Das fließende Licht der Gottheit". Sie verband Gottes- und Nächstenliebe. Dabei kritisierte sie auch durchaus die Lebensweise mancher Kleriker. Schließlich fand sie um 1270 Zuflucht in Helfta - und sollte in der Klosterschule lehren, die Mechthild von Hackeborn leitete.

All dies, obwohl das Kloster schon 1284 geplündert wurde. Mehrfach war ein Neuanfang nötig. Es entstand neu in der Stadt, die ihm mehr Schutz bieten konnte. Der Grabstein der ersten Klostergründerin befindet sich in der evangelischen Andreaskirche, weiß die dortige Pfarrerin Iris Hellmich. Dort hielt Martin Luther kurz vor seinem Tod 1546 noch vier Predigten. Man bahrte ihn da auf.

Sicher kannte Luther die Zisterzienserinnen und ihre Mystik, so Schwester Klara Maria Hellmuth. Nach 1989 hat eine Handvoll Schwestern das Helftaer Kloster wieder belebt. Sie arbeiten ökumenisch mit der evangelischen Kirchengemeinde eng zusammen. So kündigt der evangelische Gemeindebrief Veranstaltungen im Kloster an. Es gibt gemeinsame Gottesdienste. Schließlich gäbe es in Eisleben nur noch fünf Prozent Evangelische und drei Prozent Katholiken. Der große Rest sei konfessionslos, so Iris Hellmich. Als "Rinnsal durch die Geschichte", so Schwester Klara Maria, blieb die Erinnerung an die drei Mystikerinnnen.

Direkte Äußerungen Martin Luthers zu den Schwestern direkt vor seiner Haustür lassen sich nicht finden. Über Bernhard von Clairvaux, der den Zisterzienserorden im 12. Jahrhundert zur Blüte führte, äußerte Luther: "Ist jemals ein gottesfürchtiger und frommer Mönch gewesen, so war's St. Bernhard, den ich allein viel höher halte als alle Mönche und Pfaffen auf dem ganzen Erdboden."

Der Zisterzienserabt bemühte sich um eine Reform der Kirche und ihre Rückkehr zur evangeliumgemäßer Einfachheit. Fünfmal wählten ihn Bistümer zu ihrem Oberhirten. Jedes Mal lehnte er ab - selbst die Wahl in Reims. An Bernhards Gedenktag am 20. August erinnert gar der Namenskalender der Ev. Kirche in Deutschland. Doch wollte Bernhard eine Reform der Kirche nur im Einklang mit dem Papst. Schließlich hatte Bernhard auch auf den Papst Einfluss. Er trieb den Zweiten Kreuzzug und die Verurteilung des Kritikers Abaelards voran. Schon um 1500 gingen in Sachsen die Werke der Halftaer Mystikerinnen in den Druck - vergessen waren sie nicht. Doch war das Kloster da längst im Niedergang. Im Bauernkrieg 1525 wurde es verwüstet, 1542 endgültig aufgehoben. Die Gegenreformation verbreitete erneut die Schriften der Helftaer Mystikerinnen.

Nach 1945 wandelte die DDR das Klostergelände in einen "volkseigenen Betrieb" um. Nach 1989 gründete sich ein Verband der Klosterfreunde. 1994 hatte er 1,5 Millionen D-Mark zusammen, um nur das Gelände zu erwerben. Die Gebäude waren bis auf wenige Reste verfallen. Der Wiederaufbau geschah ab 1998. Schon ein Jahr später zogen die ersten Schwestern in das Provisorium ein. Zu neunt, darunter Klara Maria, begannen sie. Sechs Schwestern sind bereits verstorben. Aber weitere sind dazu gekommen, so dass sie jetzt zu zwölft sind. Nur eine von ihnen stammt aus Ostdeutschland.

Klara Maria kommt ursprünglich aus Lauda im Taubertal. Vor ihrem Übertritt zum Zisterzienserorden leistete sie als "Schwester vom Göttlichen Erlöser" die Fachschule für Sozialpädagogik "Agneshaus" in Karlsruhe. Doch Helfta ließ sie nicht mehr los. Heute trägt sie als Geschäftsführerin und Subpriorin der Gemeinschaft Verantwortung für das Gästehaus sowie soziale und spirituelle Einrichtungen der Gemeinschaft.

"Ursprünglich wollten wir ökumenisch wieder anfangen", berichtet Schwester Klara Maria. Sie seien im Gespräch mit den Schwanberger Schwestern gewesen. Die heutige leitende Schwester dort, Ruth Meili, erinnert sich: Sie hatten bereits im Herbst 1995 zugesagt, zu viert nach Erfurt zu ziehen. "In dieser Zeit kam die Anfrage vom katholischen Pfarrer aus Eisleben, ob die Wiederbelebung des Klosters Helfta nicht gemeinsam geschehen könnte. Wir haben ausführlich darüber gesprochen, und mussten schließlich 'nein' sagen. Wir waren zu viert in Helfta und waren sehr beeindruckt von der Atmosphäre des Ortes. Trotzdem: Es wäre eine ziemliche Herausforderung geworden. Ich selber war der Meinung, dass es für einen solchen Neuanfang eine klare konfessionelle Ausrichtung geben muss. Dass aber bei einer Konsolidierung ein neues Gespräch möglich würde." Und schließlich: "Allgemein glaube ich, dass wir in Zukunft nur noch gemeinsam geistliche Zentren schaffen und leben und beten können."

Die Seelsorge und soziales Engagement ist den Helftaer Schwestern besonders wichtig. Sie führen ein Seniorenheim, einen Montessori-Kindergarten und ein Gästehaus. "Man kann ja sowieso nichts tun", dieser Fatalismus vor Ort beschäftigt Schwester Klara Maria immer wieder.

Der Mensch erwidert den Anruf Gottes mit seinem Engagement für andere, so Mechthild von Magdeburg. Und Klara Maria fügt hinzu: "Erst einmal musst du selbst wissen, was du willst." Und dann fänden sich auch Wege, so ihre Erfahrung. Und letztlich lebt sie damit in der Nachfolge der berühmten Mystikerinnen - und auch Luthers.  

                Susanne Borée