Ringen um den Glauben

Brücke
Foto: Bek-Baier

Jesus sprach zu den Juden: Ihr sucht in der Schrift, denn ihr meint, ihr habt das ewige Leben darin; und sie ist's, die von mir zeugt; aber ihr wollt nicht zu mir kommen, dass ihr das Leben hättet. Ich nehme nicht Ehre von Menschen; aber ich kenne euch, dass ihr nicht Gottes Liebe in euch habt. Ich bin gekommen in meines Vaters Namen, und ihr nehmt mich nicht an. Wie könnt ihr glauben, die ihr Ehre voneinander annehmt, und die Ehre, die von dem alleinigen Gott ist, sucht ihr nicht?   

                      (Aus Johannes 5, 39-47)

''Woran glaubst du?'' Mit dieser Frage wendet sich eine Fernseh-Themenwoche an uns heutige Menschen. Sie geht auch dem Phänomen nach, dass sich immer mehr Menschen in Deutschland zu keinem Glauben mehr bekennen. Wie gehen wir damit um, dass sich "unsere Leute" vom christlichen Glauben abwenden? Jesus diskutiert mit seinen Leuten - mit harten, auch bitteren Worten. Sie glauben nicht, dass er der Messias ist. Sie werfen ihm vielmehr vor, sich nicht an die Gebote zu halten. Sie sehen es als Lästerung an, dass er Gott seinen Vater nennt. 

Jesus beantwortet ihre Vorwürfe mit einer langen Rede, in der er versucht, sie davon zu überzeugen, dass er der Messias ist, von dem sie in der Schrift lesen. Seine Worte klingen hart in meinen Ohren, wenn ich an das Leid denke, das den Juden angetan wurde - auch durch Christen, die keine Liebe in sich hatten.

Die Worte, die Jesus seinen Leuten entgegen wirft, sind vielfach missverstanden und missbraucht von Menschen, die nicht mit Worten stritten, sondern mit brutaler Gewalt. Das Wort "Ehre" schmeckt blutig ihretwegen. Als Jesus mit seinen Leuten um Anerkennung ringt, ist seine Härte kein Ausdruck von Hass, sondern tiefer Liebe zu seinen Schwestern und Brüdern, die er nicht verloren geben will. Er geht ihnen nach und sucht das Gespräch. Wir erfahren nicht, wie seine Hörer auf diese Rede reagieren.

Bis heute steht die Frage danach, ob Jesus der von Gott gesandte Messias ist oder nicht, offen zwischen dem jüdischen und christlichen Glauben. "Ob Jesus der Messias war, wird sich zeigen, wenn der Messias kommt." Meinte der jüdische Gelehrte Franz Rosenzweig. Sein Weggefährte Martin Buber erzählte dazu folgende Geschichte: Ein Pfarrer und ein Rabbi streiten lange darüber, ob der Messias schon gekommen sei. Da beendet der Rabbi die Diskussion, indem er dem Pfarrer den Rücken zukehrt und aus dem Fenster schaut. "Warum redest du nicht weiter?", fragt der Pfarrer nach einer Weile. "Ich schaue in die Welt hinaus", antwortet der Rabbi. "Warum?" "Ich prüfe, ob der Messias schon gekommen ist, ob die Menschen aufgehört haben, Kriege zu führen, ob alle satt werden und niemand stirbt, bevor er die Hundert erreicht hat."

Ja, dann sehen wir oft eine unbarmherzige Welt. Und doch glauben wir, dass die Erfüllung mit Jesus Christus schon begonnen hat und neu beginnt in jedem, der ihn annimmt. Diese Annahme können wir nicht erzwingen. Gott kann die Herzen öffnen zum Glauben an Jesus Christus. Wir dürfen uns diesen Glauben von ihm schenken lassen, ihn leben und bezeugen. Dadurch, dass wir die Liebe Gottes, die in uns ist, weitergeben. Und, indem wir denen, die sich abwenden, nachgehen, das Gespräch suchen, zuhören und auch  harte Diskussionen nicht scheuen.
          

               Lisa Weniger, Pfarrerin in Nürnberg