Ai Weiwei
Installation von Ai Weiwei

Was bleibt von Luther?

Halt! Die Schau ist noch nicht zu Ende: Im ersten Stock präsentiert Kurator Benjamin Hasselhorn 95 Menschen, die von der Reformation beeinflusst waren. Luthers Leidenschaft oder sein Pflichtbewusstsein prägte sie. Wilhelm II. ist dabei, aber auch Karl May mit seinem Winnetou. Der edle Apache starb als Christ. Die Gemeinschaft mit Old Shatterhand überstrahlte seine Geschichte. Ganz anders Thomas Mann: Er wäre nicht gerne Luthers Tischgenosse, sondern lieber im gepflegten Ambiente der Renaissance-Päpste zu Gast gewesen. Dieses gebrochene Verhältnis zum Reformator zieht sich gerade durch die letzten Jahrzehnte. Doch ein Stockwerk höher kann sich Luther wieder zu Hause fühlen. Sein Hund Tölpel führt Kinder und Familien zu seiner Sicht der Reformation.

Zurück an die frische Luft: Bei der "Weltausstellung Reformation" präsentieren sich Kirchen und engagierte Organisationen an sieben "Toren der Freiheit" rund um die alten Befestigungswälle der Altstadt. Sie zeigen, welche Gestalten der Glauben heute annehmen kann. Wenige Tage vor der Eröffnung am 20. Mai nimmt der Bayerische Garten zwar erst langsam Gestalt an, doch auch der Schweizer Kirchenbund ist noch nicht viel weiter. In einem kleinen Biergarten können sich die Gäste mit bayerischen Köstlichkeiten stärken. Sechs historische Personen zeigen, wie sie Kraft ihres Glaubens Neuaufbrüche gewagt haben. "Reformation war nicht einfach nur vor 500 Jahren, sondern passiert heute", so der verantwortliche Münchner Oberkirchenrat Michael Martin. Die größte Krippe der Welt und Freiwillige bei vielfältigen Veranstaltungen sollen zeigen, wie der reformatorische Aufbruch weitergeht.

Die Installation von Salzburger Studenten auf dem Schwanensee machte schon seit Monaten Schlagzeilen. Dort wird ein Boot der Mittelmeerflüchtlinge zusammen mit einer Art geflochtener Schilfkörbe zu sehen sein. Daneben finden sich viele Ideen, die genauso viel Aufmerksamkeit verdienen. Die "Europaallee" auf "dem Weg in die Innenstadt" verdient hier besondere Erwähnung. "Es gibt bald auch Schuhputz-Boxen äthiopischer Kinder", erzählt der junge Kurator Niklas Krieg. "Sie haben von der Hilfsorganisation Listros neue Boxen bekommen. Ihre alten haben sie mit Wünschen gefüllt." Viel mehr wird noch zu entdecken sein. Den Sommer über gibt es immer neue Veranstaltungen an den "Toren der Freiheit".

"Aber auch wir, die wir ständig hier wohnen, werden nicht alles sehen können", meint sogar der Stadtführer. Bis Ende Februar hatten die hundert Gästeführer so viele Menschen betreut wie im ganzen Jahr 2016. Die Taxifahrer sind sich selten einig: Unzählige Parkplätze seien blockiert, zu viele Besucher. Ja, sei das denn keine Chance für sie? Wir können auch nicht mehr fahren als jetzt schon, so die Antworten. Staus brächten nicht so viel.Ein Kilometer liegt zwischen Luthers Wohnhaus im Schwarzen Kloster und der Schlosskirche.

Der Reformator machte diesen Weg zu Fuß. Nun fährt eine Bimmelbahn. Wahlweise geht es auch außen herum mit dem Taxi oder bald mit dem Zubringerbus. Sogar jenseits der Schlosskirche geht es weiter - zu den Elbwiesen etwa. Dort findet der Abschlussgottesdienst des Kirchentages statt.Die Buslinie rund um die Altstadt fährt auch den Bahnhof an. Dass der ebenfalls rund einen Kilometer vom Kloster in die andere Richtung entfernt liegt, dafür können Stadtplaner und Veranstalter nun nichts.

Nicht zu vergessen sind auch etwas engere Ziele: Aus der Gefängniszelle dringt ein Freudenschrei: "Hier ist er." Endlich ist sie entdeckt, als beinahe das Taxi wartet: Die Installation Ai Weiweis in der Schau "Luther und die Avantgarde" im Alten Gefängnis unweit der Schlosskirche. Sie wird erst zum 19. Mai eröffnet. Anstelle einer verdienten Mittagspause beim Besichtigungsmarathon öffneten sich  die Tore des Gefängnisses schon einmal vorzeitig für uns. Viele Künstler hatten zehn Tage vor der Eröffnung in den einstigen Zellen ihre Werke schon aufgestellt. Die Beschriftung ist noch handschriftlich. Hier wirkt die Atmosphäre der düsteren, alten Zellen mit ihren rund sechs Quadratmetern Fläche.

Knapp 70 Künstler, neben Ai Weiwei etwa auch Markus Lüpertz oder Jonathan Meese, nutzen diese engen Räume. Der Etat liegt allein hier bei vier Millionen Euro. Gerade haben alle Mittagspause. Nur ein Wachmann hält die Stellung. Er lässt uns aber auch wieder heraus. Die meist schwergewichtigen Werke ließen sich sowieso nicht im Rucksack verstauen. Außerhalb der düsteren Zellen würden sie außerdem viel weniger wirken. Bis 1965 soll das alte Gefängnis genutzt worden sein. Wir wollen lieber nicht wissen, was sich bis dahin dort alles abgespielt hat.

Luther hat es natürlich nicht gekannt. Viele seiner Aussagen werden hier wie bei der Sonder- oder der Weltausstellung ins Heute gespiegelt. Wo das gelingt, da hätte er sich sicher niedergelassen. "Verändern wir die Welt oder verändert die Welt uns", fragt die Weltausstellung. Welche Antwort lässt sich finden?

Die Wolken haben sich verzogen. Wir wünschen Wittenberg einen heiteren Sommer. Nach Berlin geht gerade lediglich der Schienenersatzverkehr. Das aber soll bis zum Kirchentag anders sein. Wenigstens kommt man Richtung Süden viel besser und auch pünktlich weg. Für 2018 gibt es ein Programm für Wittenberg-Wiederholungstäter.  Mit dem Jahr 1517 war ja die Reformation auch noch nicht vorbei. 2018 kann vieles weiterhin genutzt werden. Die Taxifahrer haben überlebt und zumindest die Asisi-Schau soll weitergehen. Die ersten Interessierten für 2018 sind schon gefunden.     

                                    Susanne Borée

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