Luther erzählte
Es wäre kürzer gewesen, wenn Martin Luther Timo erzählt hätte, unter welchen Krankheiten er nicht litt.

Das Ende

"Erzähl!", bat Timo.

Nach dem heutigen Tag der Wechselbäder seiner Gefühle konnte ihn das nun auch nicht mehr erschüttern. Er setzte sich auf sein Bett, stellte die Schuhe sorgsam ab und wickelte sich in seine Decke. Irgendwie war ihm ein bisschen schwer ums Herz. Oder war es sein mit Meerrettich gefüllter Bauch?

"Ich hatte mich schon länger nicht mehr wohlgefühlt in meiner Haut. Ich war alt geworden. Des Streitens müde. Und bitte bedenke: Damals lebten die Menschen nicht so lange und so gesund wie heute. Und vor allem schon gar nicht mit dieser wunderbaren Ärztekunst. Da konnte ich nur von träumen. Dass ich überhaupt so lange lebte, verdanke ich nur der Gnade Gottes. Obwohl es hin und wieder auch wie eine Heimsuchung des Leibhaftigen war. Wenn ich alleine nur an meine Nierensteine denke. Das war eine Prüfung und Heimsuchung. Ich dachte schon, mein letztes Stündlein hätte geschlagen."

"Nierensteine? Wie kommt du denn dazu?"

"Ich war viel auf Reisen, wie du ja weißt. Das war nicht so komfortabel, wie es heute ist. In den Kutschen gab es keine Wärme und in den Herbergs­zimmern pfiff manchmal der Wind durch die Ritzen. Oft waren sie unbeheizt und feucht. Kein gutes Klima für einen Menschen. 'Oh Herr!', flehte ich oft. 'Höre doch mein Seufzen und Schreien und hilf mir!'"

"Und half er dir?"

"Nicht so, wie ich es mir dachte. Einmal war es besonders schlimm. Die Schmerzen waren unerträglich. Ich konnte nicht mehr pinkeln."

Timo war sich nicht sicher, ob er mehr hören wollte.

"Ich wollte nur noch nach Hause und sterben. Mit letzter Kraft schaffte ich es nach Wittenberg. Aber da hatte Gott meine Gebete erhört. Plötzlich floss alles wieder. Vielleicht hat die Schaukelei in den Kutschen die Steine gelöst. Oder der Allmächtige hatte sich meiner erbarmt.  Ich konnte wieder pinklen. Literweise. Es war eine Erlösung, mein Junge. Ich sage es dir. Sogar die Steine, die mich so quälten, sah ich. Sechs Stück habe ich gezählt. Ein Stein so groß wie eine Bohne."

Timo schauderte.

"Ja - gesund war ich nicht oft. Ich hatte massive Verdauungsbeschwerden, Gallen- und Nierensteine, die mich traktierten, Schwindel und Kreislaufprobleme. Und manchmal schnürte es mir die Luft ab und mein Herz tat weh. Rheuma."

"Wahrscheinlich ist es kürzer, wenn du beschreibst, was du nicht hattest", grinste Timo frech.

Erwachsene und ihre vielen Krankheiten. Wieso erzählten sie so gerne davon? Er konnte es sich nicht recht vorstellen, was es bedeutete, krank zu sein? Das Schlimmste, was ihm bisher widerfahren war, war ein übler Magen-Darm-Virus, der ihn stundenlang auf das Klo verbannte. Aber dann war der Kinderarzt gekommen und hatte ihm Medikamente gegeben und es wurde besser. Das gab es zu Luthers Zeiten nicht. Und eine so bequeme, beheizte Toilette mit Büchern zum Schmöckern bestimmt auch nicht.

"Ab vierzig jedenfalls ging es mit meiner Gesundheit bergab. Und ich weiß nicht, wie es mir ohne Herrn Käthe und ihre Heilkräuterkunst ergangen wäre. Denn eigentlich konnte ich es mir nicht leisten, krank das Bett zu hüten. Ich hatte so viel zu tun. So viel zu erledigen. Die Welt stand im Umbruch. Es gab Ärger und Kriege und Nöte. Manchmal dachte ich, die Welt dreht durch. Sie brauchten mich. Ich musste ihnen doch ins Gewissen reden. Auf mich hörten sie. Da konnte ich doch nicht krank sein. Ach - es war manchmal zum Davonlaufen. Denn hin und wieder konnte ich nicht. Es war, als hätte mir der Teufel alle Freude aus dem Leib genommen. Als würde ich unter einer dunklen Wolke sitzen. Als wäre meine Seele auch  krank und nicht nur mein geschundener Leib."

"Hört sich an, wie eine Depression!", sagte Timo.

In der Klasse hatte jemand mal ein Referat darüber gehalten. Und darüber, dass das viele Menschen haben, aber die wenigsten darüber sprechen. Dabei ist eine kranke Seele ähnlich wie ein gebrochenes Bein zu sehen: Etwas, was man heilen kann und muss.

"Wenn man die Bilder von dir sieht, erkennt man aber nicht unbedingt einen kranken Mann. Du siehst sehr" - Timo suchte nach Worten - "wohlgenährt aus. Mit dem dünnen, ausgemergelten Mönch von einst hattest du da wenig Ähnlichkeit!"

"Ich hab halt gerne und gut gegessen!", verteidigte sich Luther. "Herr Käthe wusste, wie man einen Ehemann gut ernährt. Ja. Gut. Ich war ein wenig dick. Und möglich, dass das dazu beigetragen hat, dass es mir später nicht gut ging. Aber das bereue ich dennoch nicht. Schließlich ist uns gegeben ein Leben! - wie es schon so schön in der Bibel heißt.

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