Historischer Bauirrtum

Holzbalken sützen Kirchenwände
Holzbalken am Giebel stützen notdürftig die geschwächten Kirchenwände. Fotos: Gerner

Ein Umbau der Schwabacher Stadtkirche bereitet nach über 500 Jahren Probleme

Eine Kirche, die als durch und durch gotisch galt, hat doch romanische Wurzeln. Die Baugeschichte der Schwabacher Stadtkirche muss nach neuesten Erkenntnissen umgeschrieben werden. Doch die historischen Umbauten bereiten nun große Probleme.

Diese Kirche hat Bedeutung für die Reformation. Siebzehn von Martin Luther verfasste Artikel wurden in ihrem Schatten bei einem Konvent 1529 vorgelegt - die "Schwabacher Artikel" sind die erste Grundlage der Augsburger Konfession. Nun muss die Baugeschichte der Kirche neu geschrieben werden.

Die Schwabacher Stadtkirche St. Johannes der Täufer und St. Martin wurde den bisherigen Erkenntnissen zufolge in der Spätgotik (1469 bis 1495) neu gebaut. Die Grundstruktur der Kirche stammt jedoch aus romanischer Zeit und ist damit mindestens 300 Jahre älter als bislang angenommen. Wichtige romanische Bauteile der Kirche sind noch erhalten. Allerdings hat die Kirche im Laufe der Zeit mehrere Umbauten erfahren. Der letzte war der Versuch einer so genannten Gotisierung der romanischen Mauern.

Für die Umbauten, für die romanischen Wurzeln und die etwas missglückte Gotisierung lassen sich am Bauwerk etliche Belege finden.   Hinweise auf das frühere Aussehen der Stadtkirche geben zwei historische Pläne: Die beiden Erscheinungsbilder der Kirche darauf lassen sich in Einklang bringen mit Ergebnissen von Bauforschung, Kunstgeschichte, Architekturgeschichte und Stilkunde. Durch Urkunden sind die Umbauten leider nicht belegt. Historiker hegen den Verdacht , dass die Stadt ihr Gedächtnis, ihre Aufzeichnungen, verloren hat, als Wallensteins Truppen im Dreißigjährigen Krieg 1632 Schwabach sechs Tage lang plünderten.

Die gravierenden Bauschäden, die sich derzeit an der Kirche zeigen, sind zum Teil auch auf diese massive Umbauten vor fünf Jahrhunderten zurückzuführen. So entstanden zum Beispiel durch den nachträglichen Einbau von Gewölben in die Basilika oder deren Umbau zu einer so genannten Staffelhalle, Schub- und Scherkräfte an Bauteilen, die dafür nicht ausgelegt waren. Auch wurden durch das spitzbogige Erhöhen der ursprünglich romanischen Rundbögen Mauern geschwächt.

 

Gewölbe
Die Ursache der Schäden liegt rund 500 Jahre zurück, als man die einst romanische Kirche gotisch umbaute - wie das Gewölbe zeigt.

Die Folge dieser ohne Rücksicht auf statische Probleme unternommenen Struktur-Veränderungen sind Risse über den Säulen, in den Wänden des Obergadens, die im Inne-ren der Kirche kaum zu erkennen sind, wohl aber vom Dachstuhl aus. Bei der eingehenden, dendrochronologischen Untersuchung des Dachstuhls hat sich jüngst herausgestellt, dass das Gebälk immerhin beinahe 600 Jahre alt ist. Nun muss für die Reparatur das Dach komplett abgedeckt werden. Allein das Gerüst dafür wird mehrere hunderttausend Euro kosten. Die Schäden haben sich im Lauf der Jahre addiert. Die notwendige umfangreiche Sanierung des gesamten Bauwerks kostet wahrscheinlich fünf Millionen Euro. Die Evangelische Landeskirche hat zwar 1,6 Millionen Euro zugesagt, doch wo der Löwenanteil des Geldes herkommen soll, ist offen.

  Aufmerksam auf die Schäden wurden die Schwabacher eher durch Zufall: Im Juli 2007 fielen ein paar Steinbrocken vom Kirchturm-Umgang. Industrie-Kletterer spannten ein grünes Netz darum. Dann fiel auf, dass die Risse im Mauerwerk des Kirchenbaus tiefer und breiter wurden. Im Dachstuhl weist Bohrmehl auf einen Holzschädling hin.

Die Ergebnisse einer umfassenden Untersuchung durch Fachleute sind erschreckend, die Schäden sind sehr groß. Die Notsicherung hat begonnen. An dem hohen Giebel zum Rathaus hin hängen mehrere Holzbalken. Sie spannen mit langen Stahlstangen das Mauerwerk ans Dachgebälk, denn die Giebelspitze hängt fast einen halben Meter über

Robert Gerner/Martin Bek-Baier

 

Spenden für die Sanierung der Stadtkirche sammelt der "Unterstützerkreis", Telefon 09122/9256200.

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