Radikaler Jesus

Jesu Bergpredigt
Jesus Bergpredigt, C. H. Bloch, 1890. Bild: sob

Ihr habt gehört, dass geboten ist: Auge um Auge und Zahn um Zahn! Ich aber sage euch: Stellt euch keinem, der ein Unrecht tut, entgegen. Sondern wo immer dich einer auf die rechte Backe schlägt, dem halte auch die andere hin! Und dem, der mit dir prozessieren und dir dein Hemd nehmen will, lass auch den Mantel! Und wenn dich einer eine Meile mitzugehen nötigt, dann geh zwei mit ihm! Wer dich bittet, dem gib; und wer von dir borgen will, den weise nicht ab! Ihr habt gehört, dass geboten ist: Du sollst deinen Nächsten lieben und deinen Feind hassen! Ich aber sage euch: Liebt eure Feinde und betet für eure Verfolger, so werdet ihr zu Söhnen eures Vaters im Himmel. Denn er lässt seine Sonne über Böse wie Gute aufgehen und lässt regnen über Gerechte wie Ungerechte. Wenn ihr nur liebt, die euch lieben, was für einen Lohn habt ihr dafür? Tun nicht auch die Zöllner genau das Gleiche? Und wenn ihr nur eure Brüder grüßt, was tut ihr Außerordentliches? Tun nicht das Gleiche auch die Heiden? Ihr aber sollt vollkommen sein, wie euer Vater im Himmel vollkommen ist!

Matthäus 5, 38-48

Mir klingen noch die Ohren von den Fragen, die mir gestellt wurden, als ich diesen Abschnitt aus der Bergpredigt in einem Bibelkreis behandelte: "Ist das ein Wort für unseren Alltag oder der Traum von einer besseren Welt?" - "Wohin würde es denn führen, wenn wir Jesu Wort ernst nähmen, dass wir dem Menschen, der uns beleidigt und gekränkt hat, auch die linke Wange noch hinhielten? Dass dem Schläger, dem Erpresser, dem Dieb nachgegeben wird?"

Es stimmt: Diese Forderungen sind radikal und wecken Widerstand. Wenn wir sie verstehen wollen, dann dürfen wir einen Satz nicht überhören: "Gott lässt seine Sonne aufgehen über die Bösen und über die Guten und lässt regnen über Gerechte und Ungerechte." Gottes Liebe gilt eben bedingungslos; sie kennt keine Grenzen. Sie ist nicht in unserem persönlichen Wohlverhalten begründet; sie gilt ohne Ansehen der Person allen Menschen: dem Betrüger Zachäus ebenso wie der Ehebrecherin oder dem Schächer am Kreuz.

Jesu Zumutungen werden nur verständlich vor dem Hintergrund der bedingungslosen Liebe Gottes, die er jedem zukommen lassen will. Gottes Liebe befähigt und ermutigt uns, unsere Mitmenschen mit anderen Augen zu sehen. In dem Augenblick, wo ich den anderen vor Gott sehe, da weiß ich: Jesus ist für den anderen Menschen gestorben, für diesen unsympathischen, ärgerlichen, widerlichen und vielleicht charakterlosen Menschen, und eben dadurch hat dieser andere Mensch seine unendliche Wichtigkeit.

Was hat das für Konsequenzen? Dass wir zum Beispiel eintreten für die kranken oder die behinderten Menschen, die in unserer Leistungsgesellschaft gern an den Rand gerückt werden, für die Außenseiter, die nicht in unsere Vorstellungen, in unser Bild vom Menschen passen, für die Flüchtlinge, die hier eine neue Heimat suchen. Wir können nicht begrenzen, wo Gott grenzenlos liebt, wir können nicht verurteilen, wo Gott begnadigt. Das letzte Wort in der Nachfolge Jesu Christi kann immer nur ein Wort der verstehenden und vergebenden Liebe sein. Wir brauchen nicht auf die Macht des Bösen hereinzufallen und wir können das Böse zu überwinden suchen - mit kleinen und kleinsten Schritten, die aber die Welt verändern.

 

Ludwig Markert, Nürnberg,

 

Präsident des Diakonischen Werkes Bayern

 

Gebet:

Gütiger Gott, unser Herr und Vater, wir sehen auf deinen Sohn, Jesus Christus, der uns vorangegangen ist. Seine Freiheit zur Liebe möchten wir leben. Gib uns dazu die Kraft und Stärke. Amen.

Lied (EG 643):

So prüfet euch doch selbst

Außerdem lesen Sie unter anderen in unserer gedruckten Ausgabe vom 24. Juni 2018:

- Der Ökumenische Rat der Kirchen wird 70 - ''Er ist genau das, was die Welt braucht!''

- Kein Frieden für alle in Sicht: Das ''Friedensgutachten 2018'' wurde in Berlin vorgestellt und kommentiert

- Versteinerte Psalmen: 25 Jahre Straße der Romanik in Sachsen-Anhalt

=> Interesse an diesen Artikeln der gedruckten Ausgabe?

Diese, die wöchentlichen Rätsel und vieles mehr können Sie bei unserem kostenlosen Probeabo entdecken

=> Gleich online bestellen

 

 

www.kirchenpresse.de - Evangelische Wochenzeitung im Internet

 

 

Das Evangelische Sonntagsblatt finden Sie jetzt auch auf der

=> "wertvollen" Facebook-Seite

 

Wertvoll-Logo