Was nur aus ihnen geworden ist ...

Lotte Westermacher und Reinhard Held
Lotte Westermacher und Reinhard Held, Prediger der Liebenzeller Gemeinschaft, vor dem ehemaligen Haus der Familien Steinberger und Wittelshöfer mit Gedenkplatte, das die Gemeinschaft nutzt. Foto: Borée

Colmberg gedenkt der Geschichte der Juden vor Ort

"Wer Israel antastet, tastet meinen Augapfel an." Dieser Vers des Propheten Sarchaja (2,12) traf Anna Kressel tief ins Mark. Die Colmbergerin, 1901 geboren, war tiefgläubig - und eng verbunden mit der jüdischen Gemeinde in dem mittelfränkischen Ort zwischen Rothenburg und Ansbach. Als Magd verlor Anna Kressel mit 16 Jahren bei einem Unfall mit der Dreschmaschine ein Bein. Nun war sie ohne jede Perspektive.

Da bekam sie ein Angebot: eine Ausbildung zur Schneiderin - sogar ohne das damals übliche Lehrgeld. Der Arbeitstag begann immer mit ­Bibellese und Gebet. Während der Arbeit sangen die Mädchen Evangeliumslieder.

Schon bald nach ihrer Lehrzeit machte sich Anna Kressel in Colmberg selbstständig. Sie wohnte in der ehemaligen Lehrerwohnung der Colmberger Synagoge. Denn im ausgehenden 19. und beginnenden 20. Jahrhundert zogen viele Colmberger Juden in größere Städte. Im Ersten Weltkrieg gab es nicht mehr genug jüdische Männer vor Ort. Voraussetzung für einen jüdischen Gottesdienst ist traditionell, dass zehn Männer anwesend sind.

Dabei sind seit 1402 Juden in Colmberg nachgewiesen. Als sie im späten Mittelalter aus vielen Städten vertrieben wurden, fanden sie eine neue Lebensgrundlage in Landgemeinden. Gerade in Mittelfranken blühte dort in kleinen Orten jüdisches Leben. Aus Colmberg waren die Juden Ende des 16. Jahrhunderts zeitweilig vertrieben. Aber 1737 sind 60 Personen gemeldet. Ein Jahrhundert später waren es 559 Seelen. 1846 erwarb die jüdische Gemeinde für 600 Gulden das Colmberger Haus 12 b mit Gottesdienstraum und Nebengebäuden und ließ es instand setzen. Trotz Verkäufe des halben Gemeinderechts und des halben Gartens beliefen sich noch 1869 die Schulden der Gemeinde auf 800 Gulden.

Und dann setzte nach der Einführung der Freizügigkeit von Juden ab 1861 und noch einmal verstärkt nach 1871 die Abwanderung der Gemeindemitglieder in größere Orte ein. Dort waren Juden weniger Anfeindungen ausgesetzt. Und sie waren oft als Viehhändler tätig - ohne Anbindung an die Bahn vergrößerten sich im 20. Jahrhundert die Schwierigkeiten in diesem Gewerbe.

Colmberg hatte keinen Bahnhof. Die nächste Station befand sich in Oberdachstetten, elf Kilometer entfernt. Dorthin ließ der Colmberger Viehhändler Alexander Steinberger (* 1852) seine Rinder treiben. So erinnert sich Lotte Westermacher, deren Oma mit Anna Kressel befreundet war. Alexander Steinberger blieb in Colmberg. Mit seinen elf Kindern bildete er nach dem Ersten Weltkrieg den Grundstock der jüdischen Gemeinde vor Ort. 1926 feierten er und seine Frau Regina (* 1850) unter großer Anteilnahme Goldene Hochzeit.

Im Alter soll er gerne den Liedern gelauscht haben, die aus der Schneiderwerkstatt Anna Kressels tönten. Denn sie behielt die Tradition aus ihrer Lehrwerkstatt bei. "Ich werde jetzt bald sehen, ob das mit eurem Jesus wahr ist", soll er ihr kurz vor seinem Tod 1930 gesagt haben. So erinnert sich Lotte Westermacher. Auch Steinbergers Frau Regina brauchte das "Dritte Reich" nicht mehr erleben - sie starb noch im Januar 1933.

Den Viehhandel führte der Sohn Jakob (*1884) weiter. Auch seine Schwester Ida (* 1882) blieb in Colmberg. Sie heiratete Rudolf Wittelshöfer und teilte sich mit der Familie ihres Bruders Justin das Haus Nr. 69 nur wenige Meter die Hauptstraße entlang. Die Brüder Siegfried und Emil zogen nach Rothenburg, andere Geschwister verteilten sich in Bayern.

Als die Repressalien der Nazis so stark wurden, dass sie sich nicht mehr aus ihren Häusern trauten, besorgte Anna Kressel den Colmbergern Lebensmittel und Medikamente. Als sie schließlich eingesperrt waren, brachte sie ihnen weiter Suppe und Wasser.

Im Oktober 1938 wollte sie die ehemalige Synagoge kaufen. Doch dies verhinderten die NS-Behörden.  Das Gebäude wurde für baufällig erklärt und zum Abriss frei gegeben. Schließlich erwarb Ortsgruppenleiter Kilian das Gelände. Auch er musste ein neues Gebäude dort errichten.

Jakob Steinberger, sein Bruder Justin und dessen Frau Sophie sowie Ida und Rudolf Wittelshöfer wurden Ende 1938 auf einem Viehwagen deportiert. Lotte Westermacher erzählt ergreifend: Michael Körber, der christliche Knecht, der jahrelang das Vieh nach Oberdachstetten getrieben hatte, stellte sich mit einer Mistgabel vor den Viehwagen, um die Steinber-gers zu schützen. "Lass mal, Michael, das bringt jetzt auch nichts mehr", soll Jakob Steinberger gemeint haben. Er ist 1941 in Riga verschollen. Rudolf Wittelshöfer starb am 31. März 1943 in Theresienstadt, Ida am 15. Juli 1944 in Auschwitz.

Justin Steinberger erlag noch bei der Deportation in München einem Herzinfarkt. Seine Frau starb am 16. März 1941. Nur ihre Kinder überlebten: Adelheid und Karl konnten gerade noch in die USA emigrieren. Das ehemalige Wittelshöfersche Haus riss sich 1939 die Gemeinde Colmberg unter den Nagel. Es diente zunächst als Kindergarten, später als Erholungsheim für Kriegsheimkehrer.

Anfang der 1950er Jahre kaufte die "Landeskirchliche Gemeinschaft Liebenzeller Mission Colmberg und Umgebung", der auch Anna Kressel seit Jahrzehnten angehörte, das Haus von der Erbengemeinschaft Karl Steinberger. Mühsam war es damals noch, den Kaufpreis in Dollar in die USA zu überweisen. Es diente der Liebenzeller Gemeinschaft als Altenheim und nun als Gemeinschaftshaus.

Lotte Westermacher arbeitete dort von 1962 bis 1965. 2013 zum 75. Gedenken an die Reichsprogromnacht setzte sie sich dafür ein, dass eine Gedenktafel dort im Rahmen einer intensiven Feierstunde angebracht wurde. Nun plant sie weitere Gedenktafeln und eine Ausstellung über die jüdische Gemeinde in Colmberg. Dafür haben sich bereits Räume in der örtlichen VR-Bank gefunden. Bei der Franconia Judaica-Tagung im Schloss Colmberg Ende 2016 erinnerten sie und Günther Fohrer an die jüdische Gemeinde im Ort.

Fohrers Vater ging mit Karl Steinberger in die Oberrealschule Ansbach, das heutige Platen-Gymnasium. Als Günther nach Colmberg zog, seufzte der Vater immer: "Wenn ich nur wüsste, was aus dem Karl geworden ist ..." Sie hatten  keine Verbindung zu den Liebenzellern. Erst später und nach langen Forschungen erfuhr Günther Fohrer, dass Karl Steinberger in die USA gelangt war. Überlebt haben von den Enkeln Alexander Steinbergers auch Walter und Ernest Haas. Deren Mutter Frieda hatte vor der Nazi-Zeit nach Neumarkt geheiratet. Ernest besuchte 2014 kurz vor seinem Tod noch einmal Colmberg.

                       Susanne Borée