"Die Mauer läuft doch nicht davon"

Karin Mergner
Karin Mergners Hof grenzt an die ehemalige Mauer zu Thüringen. Foto: Borée

Im geteilten Dorf Mödlareuth in Oberfranken gehörte die Grenzerfahrung zum Alltag

Am "Ende der Welt" ist es wirklich voll. Busladungen voller Menschen umkreisen die Mauer. Das japanische Fernsehen wartet auf ein Interview mit dem Museumsleiter. Im Imbiss "Zum Grenzgänger" stehen die Briefträger gerade Rede und Antwort. Denn auch die Mitarbeiterzeitung der Post wird über Mödlareuth an der Grenze zwischen Oberfranken und Thüringen berichten. Oder vielmehr müsste man sagen: Genau auf der Grenze zwischen beiden Gebieten. Die Zäune und Mauern haben jahrzehntelang die Gehöfte des Ortes voneinander abgeschnitten: 19 Einwohner leben auf bayerischen und 33 auf thüringischen Gebiet.

Daher kaum verwunderlich: Es gibt immer noch zwei Briefträger im Ort. Und die Mauer teilt auch jetzt noch über mehrere hundert Meter hinweg den Ort. Doch inzwischen verbindet sie mehr als sie trennt.

Besonders herzlich war das Zusammentreffen beim ersten gemeinsamen Bibelabend am 20. Dezember 1989 in Karin Mergners Bauernhof an der Westseite der Grenze. Da gab es nur einen Fußgängerübergang zwischen beiden Ortsteilen, der noch dazu um 22 Uhr geschlossen wurde. Aber es gab so viel zu erzählen, dass diese Zeit nicht eingehalten werden konnte. Ein Dorfbewohner hielt die Grenzsoldaten mit gespendetem Bier bei Laune, so dass sie eine Ausnahme machten. "Doch wir schafften es nicht einmal das Vaterunser zu beten, da wir uns so viel zu sagen hatten", erinnert sich Karin Mergner.

Nun gehört die Mauer zum Herzstück des "Deutsch-deutschen Museums", das es sich zur Aufgabe gemacht hat, diesen Teil der Zeitgeschichte zu bewahren. Die Grenzanlagen sind noch Original "Made in DDR". Sie sind den Mödlareuthern geblieben. Noch vor dem Mauerfall war das "geteilte Dorf" zu einem Touristenmagneten geworden. Bereits damals sollen um die 40.000 Besucher jährlich den Ort besichtigt haben. "Carl Carstens, George Bush ... alle waren sie hier", erinnert sich Arnold Friedrich, der von 1989 bis 2002 Bürgermeister der Gemeinde Töpen war, zu der auch West-Mödlareuth gehörte. Das ist nun fast gar nichts im Vergleich zu heute: rund 60.000 Besucher kamen jährlich, darunter viel Polit-Prominenz. Und im Jubiläumsjahr 2009 werden es noch einmal deutlich mehr sein.

Dabei verwundert es, dass die Einheimischen kaum mit Fotos den Beton und Stacheldraht dokumentierten, die Mödlareuth teilten. Doch bei näherem Hinsehen ist die Erklärung einfach: Im Osten durften die Grenzanlagen nicht fotografiert werden und im Westen gab es schönere Motive als Hintergrund für Konfirmationen und Familienfeste.

"Und die Dorfbewohner dachten wohl auch: Die Mauer läuft uns sowieso nicht davon", ergänzt Robert Lebegern, Leiter des Deutsch-deutschen Museums. Und dennoch gibt es viele ganz persönliche Erinnerungen der Dorfbewohner. Karin Mergner etwa, geboren 1947, heiratete 1966 nach Mödlareuth. Schon Jahre zuvor dachte sie, als sie mit ihrer Schwester und ihrem Schwager zufällig einmal durch den Ort fuhr: "Ach Gott, die armen Menschen hier." Und dann lernte sie bei einer Tanzveranstaltung ihren Zukünftigen kennen, der ausgerechnet einen Bauernhof in Mödlareuth besaß! Und dann noch direkt an der Grenze mit direktem Blick auf die Mauer.

 

Grenze
Grenze in Mödlareuth heute. Foto: Bek-Baier

"Natürlich war die Grenze Thema", erinnert sich die Bäuerin. Doch geschah dies auch unter Aspekten, die in keinem Geschichtsbuch stehen. Die Bäuerin etwa erinnert sich noch an ein vierzehnjähriges Mädchen von "drüben", das häufig mit den "Vopos" turtelte.

Grenzüberschreitend gab man Nachrichten mit herausgehängter Wäsche weiter. Besonders wichtig war, ob ein Besuch zustande kommen konnte: "Ein rotes Tuch bedeutete, dass es nicht klappt - ein weißes, dass es klappt", erzählt Mergner.

Doch ein Treffen war sowieso gar nicht so einfach. Denn im Osten durften natürlich nur Rentner ausreisen. Und der Westbesuch - auch aus der direkten Nachbarschaft - durfte nicht ins Sperrgebiet der DDR-Grenze einreisen. Insofern mussten sich die West-Mödlareuther mit ihren Nachbarn und Verwandten aus der Ostseite des Dorfes in Städten wie Plauen treffen.

Über Jahrzehnte hinweg voneinander getrennt, waren auch die Brüder Max und Kurt Goller, die diesseits und jenseits des grenzbestimmenden Tannbaches ihre Höfe bewirtschafteten. So erfuhr der jenseitige Bruder dadurch vom Tod der Mutter, als der Leichenwagen vorfuhr. Das Auto war schneller als die nächste große Wäsche. Ein freudiges Ereignis hingegen wurde kundgetan, indem Babykleidung im Wind flatterte.

Doch beim Mauerfall vor 20 Jahren geschah in Mödlareuth ... erst einmal nichts. Und das einen ganzen Monat lang. Karin Mergner erinnert sich noch gut, wie sie sich zusammen mit ihrem Ehemann noch am 1. Advent 1989 Ost-Mödlareuth anschaute. Über Hirschberg mussten sie einen Umweg von vielen Kilometern nehmen, um einmal 50 Meter von ihrem Haus entfernt die Nachbarn zu besuchen. Visum und zwei Mal 35 D-Mark Zwangsumtausch gehörten da noch zum Programm. Und dann konnten sie von Osten aus ihrer Tochter, die Zuhause geblieben war, zuwinken.

Erst am 7. Dezember 1989 wurde ein direkter Fußgängerübergang zwischen West- und Ost-Mödlareuth eingerichtet. Doch nur zwischen 8 und 22 Uhr war er offen - mit Ausnahme jenes denkwürdigen Bibelabends im Januar 1990.

Das änderte sich erst am 17. Juni 1990, der damals noch als "Tag der Deutschen Einheit" begangen wurde. In Mödlareuth hatten sich rund zweitausend Menschen versammelt, wie der damalige West-Bürgermeister Arnold Friedrich schätzt. Die Mauer war noch gänzlich intakt. Nur ein Fußgängerübergang schuf eine Verbindung zwischen den beiden Teilen des Dorfes.

Ein Bagger sollte nun "zwei oder drei Mauerfelder niederreißen", wie sich Bürgermeister Friedrich erinnert. Doch im Übrschwang der Gefühle wurden es deutlich mehr: An diesem einen Tag schaffte der Baggerführer ganze 150 Meter. Abends in der Kneipe entwickelten die Feiernden dann die Idee, den Rest zu erhalten. Und so ist den Mödlareuthern ihre Mauer doch nicht davongelaufen. Sie haben es sogar geschafft, diese zum Segen des Ortes als Erinnerungsort zu bewahren.

Susanne Borée

 

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