Vorzeichen des Reiches Gottes

Als Jesus von den Pharisäern gefragt wurde: Wann kommt das Reich Gottes?, antwortete er ihnen und sprach: Das Reich Gottes kommt nicht so, dass man’s beobachten kann; man wird auch nicht sagen: Siehe, hier ist es!, oder: Da ist es! Denn siehe, das Reich Gottes ist mitten unter euch.

Aus Lukas 17, 20–24

In bestimmten, so genannten apokalyptischen Kreisen spekulierte man zur Zeit Jesu über die Abfolge von Ereignissen, die bis zum Kommen des Reiches Gottes eintreffen sollten: Wann kommt das Reich Gottes? Woran kann man es erkennen? An welchen Zeichen kann man sein Kommen beobachten? Ganz anders Jesus: Er versucht nicht, durch distanziertes Beobachten festzustellen, wann das Reich Gottes kommt! Er sagt: Es ist mitten unter euch! Stellt euch jetzt darauf ein! "Das Reich Gottes ist herbeigekommen. Kehrt um!" So steht es in Markus 1, 15.

In dieser Überzeugung heilte Jesus Kranke. "Wenn ich durch Gottes Finger die bösen Geister austreibe, so ist ja das Reich Gottes zu euch gekommen", sagte er (Lukas 11, 20). Er holte Menschen, die am Rande der Gesellschaft waren, in seine Gemeinschaft. Seine Worte richteten Menschen auf, gaben ihnen Mut und Zuversicht. Im Reden und Handeln Jesu wurde spürbar: Schon jetzt ist das Reich Gottes angebrochen.

In dieser Spur Jesu leben und denken bis heute Menschen in der Nachfolge Jesu. Diesen Geist sehe ich auch in der gewaltlosen Revolution in der DDR vor 20 Jahren, an die wir in diesen Tagen denken. Schon seit 1982 fand jeden Montag in der Nikolaikirche in Leipzig ein Friedensgebet statt. Die Christen ließen sich durch Versuche der Einschüchterung nicht beirren. Pfarrer Christian Führer von der Nikolaikirche sagt im Rückblick: "Wir hatten ständig Angst, doch der Glaube war immer ein Stück größer als die Angst."

Am Abend des 9. Oktober 1989 versammelten sich 70.000 Menschen in der Leipziger Innenstadt, obwohl sie damit rechnen mussten, dass der Staat mit brutaler Gewalt einschreiten würde. Das leitete die Wende ein. Später gestand Volkskammerpräsident Horst Sindermann: "Wir waren auf alles vorbereitet, aber nicht auf Kerzen und Gebete."

Kerzen und Gebete sind Zeichen des Reiches Gottes mitten in dieser friedlosen Welt. In Kerzen und Gebeten drückten sich der Glaube und die Hoffnung aus, die die Menschen in sich trugen.

Unsere Zeit ist erwartungsarm. Die großen Hoffnungen sind verflogen. Wir sind schon zufrieden, wenn die Zeiten nicht schlechter werden. Aber gerade auch unsere Zeit braucht Christen, die in der Erwartung des Reiches Gottes leben und die eine Hoffnung in sich tragen, die sie zu entschlossenem Handeln befähigt. "Das Reich Gottes ist mitten unter euch!" Das kann uns helfen, unsere Möglichkeiten zu entdecken, wie wir in unserer Umgebung heilend wirken, Mut und Zuversicht stärken.

Richard Haug

Gebet:

Wir danken dir, dass du uns die Hoffnung des Reiches Gottes, deines Reiches, ins Herz gegeben hast, dass wir darin immer wieder stark und immer wieder frisch und jung werden dürfen und immer wieder erleben dürfen, wie schon im Verborgenen dein Reich kommt. Amen

Christoph Blumhardt

Lied (EG 152):

Wir warten dein, o Gottes Sohn