Bester Draht zur Unterwelt

Königsfiguren
Königsfiguren aus der Vorkammer der Gruft, 1. Hälfte des 2. Jahrtausends vor Christus, Nationalmuseum Homs. © Qatna-Projekt, Institut für die Kulturen des Alten Orients (IANES), Univ. Tübingen; Foto: Wita, Berlin

Stuttgarter Ausstellung zeigt Jenseitsvorstellungen beim vorbiblischen Volk der Qatna

Freudlos war die Welt der Toten. In ihrer Welt konnten sie sich nur von Staub und Wüstensand ernähren. Um dies Los zu mildern, waren sie auf die Hilfe der Nachkommen angewiesen, die sie mit schmackhafterer Kost aus der Welt der Lebenden versorgten. Dafür konnten sie die jüngeren Mitglieder der Familie mit ihrem reichen Erfahrungsschatz unterstützen. Doch wurde ihnen der Respekt verweigert, suchten sie die Welt der Lebenden als Dämonen heim.

So etwa sahen die Jenseitsvorstellungen bei dem vorbiblischen Volk der Qatna aus. In dem Handelszentrum an der Levante - rund 150 Kilometer nördlich des heutigen Damaskus und hundert Kilometer östlich des Mittelmeeres im damaligen "fruchtbaren Halbmond" gelegen - beendeten Tübinger Archäologen erst in diesem Jahr ihre spektakulären Grabungen. Daraus ergeben sich detaillierte Rückschlüsse auf die Jenseitsvorstellungen in Qatna. Das Landesmuseum in Stuttgart präsentiert Fundstücke, die drei bis vier Jahrtausende alt sind.

Vielfältig sind die Götter Syriens. Sie zeigen schon differenzierte Götter- und Jenseitsvorstellungen. Es treten Namen auf, die auch aus dem Alten Testament bekannt sind. Baal und El etwa und ebenso Astarte. Der König der Stadt amtiert als Sohn und Stellvertreter des höchsten Gottes. Die Götter konnten durchaus auf Reisen gehen oder ihre Kollegen an anderen Orten besuchen. Prozessionen halfen ihnen bei der Fortbewegung. Andere Opferhandlungen sollten sie herbeirufen. Hier treten wir in eine Welt ein, vor denen sich der Gott Israels wie von einer Folie abhebt.

In Qatna gab es ein reiches Repertoire an Übergangsriten. Sie waren sowohl für die Trauerarbeit der Überlebenden als auch für das Wohlergehen der Verstorbenen gleichermaßen wichtig. Der Tote musste sorgfältig auf das Jenseits vorbereitet werden: Waschung, Salbung und Speisung gehörten dazu. Das klingt ein wenig nach der Einbalsamierung der Mumien im Alten Ägypten. Im Gegensatz zu den altsyrischen Vorstellungen war das Weiterleben der Toten am Nil - zumindest, wenn ihre Seelen recht gewogen worden waren - viel weniger trist.

Schmuck
Schmuckelement aus Gold mit Einlagen aus Lapislazuli und Karneol, 2. Hälfte des 2. Jahrtausends vor Christus, Nationalmuseum Damaskus. © Landesmuseum Württemberg, Stuttgart; Foto: Zwietasch/Frankenstein.

Während die Erzväter Israels noch als Nomaden durch die Wüste zogen, stärkten die Stadtbewohner Qatnas im zweiten Jahrtausend vor Christus ihre Toten mit Grabbeigaben und rituellen Mählern für das Jenseits. Die tristen altsyrischen Todesvorstellungen prägten lange vor der Zeit Babylons die Welt des Alten Testaments. Noch in manchen Psalmen erscheint die Unterwelt - der Scheol - als tristes Schattenreich: Er bedeutete einen Ort absoluter Gottesferne, zu dem die Gottlosen fahren sollten (Psalm 9,18).

Andererseits hatte die Herrscherfamilie in Qatna einen direkten Draht zu ihren Toten in der Unterwelt. Und dies ganz plastisch: 13 Meter tief unter dem Palast gelegen fanden die Archäologen eine spektakuläre Königsgruft. Schuttmassen begruben sie bei der Eroberung der Stadt im Jahr 1340 vor Christus bis zur Ausgrabung - und schützten sie dadurch.

Die Gestalter der Ausstellung bauten sie nun im Stuttgarter Schloss eindrücklich nach. Zwei monumentale steinerne Ahnenfiguren umrahmen den Eingang der Gruft. Der Thronfolger musste nach den Erkenntnissen der Archäologen für seine vergöttlichten Ahnen regelmäßig bei Neumond und bei Vollmond Gastmähler ausrichten. Dabei konnte er sich ihrer Unterstützung und ihres Rates versichern.

Der gute Draht zwischen Religion und Politik lässt sich in Qatna immer wieder beobachten. Auch bei der Wahrsagerei, die wichtige Entscheidungen beeinflusste, wird es deutlich. Gerade dies lässt König Saul im alten Israel verbieten - und bedient sich ihrer dann doch, indem er die Totenbeschwörerin in En-Dor den verstorbenen Samuel herbeirufen lässt (1. Samuel 28). Der ehemalige Richter Israels fragt vorwurfsvoll, warum seine Ruhe im Scheol gestört wurde. "Warum willst du mich befragen, da doch der Herr von dir gewichen und dein Feind geworden ist?", (1. Samuel 28,16) fügt er hinzu. Dann bestätigt er den Untergang Sauls, der mit der Totenbeschwörung eine neue Sünde auf sein Haupt geladen hat, und verweigert jegliche Hilfe.

Eine neue Sicht nicht nur auf das menschlich-allzumenschliche Verlangen, die Zukunft besser zu erkennen. Auch die Unterwelt erfährt eine neue Deutung. Auch dort weiß sich nun der Psalmist in Gott geborgen: "Meine Seele wirst du dem Scheol nicht überlassen" (Psalm 16,10).

Susanne Borée


Die Ausstellung ist noch bis 14. März 2010 im Alten Schloss, Stuttgart, dienstags bis sonntags von 10–18 Uhr zu sehen. Weitere Informationen unter der Telefon-Nr. 0711/89535445 oder im Internet: www.landesmuseum-stuttgart.de.

 

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