Türken vor Wien
1529 standen die Türken vor Wien. Die Bevölkerung war voller Angst und Schrecken. Über die Türken hatte man schreckliche Dinge gehört.

Was meinst du wohl zum Burkaverbot, Luther?

"Verschleierung war ja nichts Besonderes damals. Denk nur an die vielen Ordensfrauen. Die waren alle verschleiert. Mit dem Unterschied, dass die den Herrn, unseren Erlöser kannten. Das ist bei der Verschleierung im Islam ein bisschen anders. Mein Herr Käthe trug auch lange den Schleier - erinnerst du dich? Und wie sie aufgeblüht ist, als sie in der Welt und nicht mehr hinter Klostermauern lebte. Es machte ihr viel Freude, sich hübsche Kleidung zu nähen. Mit ihrer Freundin, Barbara Cranach kaufte sie viele hübsche Stoffe und verarbeitete sie zu gefälligen Kleidern", schwärmte er.

Timo musste grinsen, wenn er sich vorstellte, wie im Hause Luther vor 500 Jahren Katharina Luther, dem großen Reformator ihre neusten Kreationen zeigte. Luther im Lehnstuhl - davor sein Herr Käthe, die sich drehte und wendete. Denn wenn er eines in all dieser Zeit verstanden hatte: Luther war auch ein Lebemann - wie seine Tante Steffi immer sagte - und mochte ein schönes, gepflegtes und leckeres Leben. Er schüttelte den Kopf - husch: fort mit diesem Ausflug in die Welt der Fantasie und die Welt vor 500 Jahren. Das Referat schrieb sich nicht im Fantasieland.

"Ja - und der Islam? Wie stehst du zum Islam?"

"Naja - kein Vergleich zu heute. Das war eine unfassbar große Bedrohung, die da aus dem Osten zu uns schwappte und Angst machte. Riesige Angst. Es ging um Tod oder Leben. Wir nannten sie die 'Sarrazener' oder schlicht die 'Türken'. Sie eroberten halb Europa damals. Das osmanische Reich wuchs und wuchs. 1521 fiel Belgrad, dann die griechische Insel Rhodos. Und dann standen sie mit Sultan Süleiman I. 1529 vor Wien. Mit 120.000 Mann rückte er bis Wien vor. Diese erste Wiener Türkenbelagerung gab er aber - Gott sei Dank - nach einem Verlust von 40.000 Mann auf. Angst und Schrecken herrschte da überall und allenthalben. Man hörte Schlimmes von diesen Türken. Mord und Brandschatzen, Vergewaltigungen, Folterungen und Plünderungen."

"Das ist heute fast schon ein bisschen ähnlich mit dem ­Islamischen Staat. Die preschen ähnlich vor. Wobei - mo­mentan sieht es so aus, als würde ihre Kampfkraft geschwächt werden", warf Timo ein.

"In Wien jedenfalls siegten sie nicht und konnte zurückgetrieben werden. Mit großen Verlusten auf allen Seiten. Aber immerhin konnten sie deshalb nicht siegen, weil ihr Vordringen bewirkt hat, dass sich die europäischen Herrscher zum Handeln aufgefordert sahen: Um sich politisch solide aufzustellen, drängte Kaiser Karl V. zu einem Religionsfrieden zwischen Protestanten und Altgläubigen, um den Kampf zu gewinnen. Wer weiß - vielleicht wären sie sonst gegen Wittenberg gezogen, um uns 'Protestanten' zu bekämpfen. So aber brauchten sie jeden Mann! Später wurden sogar Christen ermordet, die nicht gegen die Türken in den Krieg ziehen wollten. Aber ganz waren sie nicht weg. Sie kamen immer wieder und lauerten als latente Gefahr im Hintergrund. Es gab viele Schriften zu den 'Türken'. Das waren alles Betrüger und unfassbar grausam. Manchmal allerdings konnte man auch hören, dass die Staatsform der Osmanen gerecht war. Einige glaubten sogar, die Lebensbedingungen seien da besser als unter unserem Kaiser oder Fürsten."

"Du hast doch bestimmt auch deinen Senf dazugegeben?", fragte Timo frech.

"Junge - ich muss doch bitten!", antwortete Luther scharf. "Natürlich haben ich - und viele andere auch sich dazu geäußert! Das hat man schließlich von mir erwartet! Ich nannte meine Schrift 'Heerpredigt wider die Türken, Vom Krieg wider die Türken und Versuchung zum Gebet wieder die Türken.'"

"Wie wäre es denn mit einem Zeichen zur Versöhnung mit den Türken gewesen?" => weiter