Eingang
Der Eingang des Mittelalterlichen Kriminalmuseums versprach einen spannenden Aufenthalt. Da hieß es, schnell ein lustiges Erinnerungsfoto zu knipsen.

Auf zur eisernen Jungfrau

Sie kicherten. Den verknöcherten Pauker kannten sie mit einem herzlichen Lächeln so gar nicht. Aber da waren sie auch schon in Rothenburg Hauptbahnhof. "Hauptbahnhof!", ächzte Christian und kicherte angesichts des einen Gleises und einem kurzen Bahnsteig.

Sie mussten sich wie im Kindergarten versammeln, wurden von der Referendarin und Herrn Wagner durchgezählt. "Dass auch kein Schäfchen fehlet", sang der Pfarrer aus einem alten Kirchenlied. Die Referendarin hatte sich im Zug vorgestellt. "Ich bin Stefanie! Hallo zusammen!"

"Weiß die nicht, dass Lehrer keine Vornamen haben?", hatte da Timo zu Christian geflüstert. Lehrer waren Lehrer. Von einem anderen Stern. Keinesfalls Menschen, die man mit Vornamen ansprechen konnte. "Und wie heißen Sie weiter?", wollte er wissen.

"Fischer. Stefanie Fischer. Aber ihr könnt gerne Stefanie zu mir sagen!"

"Nie im Leben!", entfuhr es ihm da.

Alle lachten um ihn herum. Sie liefen durch Rothenburg. Durch ein Doppeltor und immer auf Kopfsteinpflaster. Es gefiel Timo tatsächlich ausnehmend gut. Die Vorstellung, wer hier schon alles gelaufen sein musste - durch all die Jahrhunderte - beeindruckte ihn. Immer geradeaus, an Brunnen vorbei und durch Tore hindurch standen sie auf einmal auf dem Marktplatz. Ein Glockenspiel fing an zu spielen. Die Sonne schien warm. Sie kauften sich alle ein Eis und setzten sich in den Schatten des Rathauses auf die große Treppe. Jeder packte sein Handy aus und Frau Fischer durfte sich durch alle Kameras knipsen. Jeder wollte ein Erinnerungsfoto. Mit und ohne Grimassen.

Es war sehr lustig. Ja - Timo fühlte sich - wider Erwarten direkt wohl. Nach der Pause gingen sie eine Gasse hinunter, rechts und links reihten sich die Geschäfte mit Tinnef und Andenken sowie diesen "Schneeballen". Es schien eine Süßigkeit zu sein, denn überall war Zucker oder Schokolade drauf.

Er beschloss, später einpaar für seine Eltern und seinen Bruder zu kaufen. Vor einer Kirche bogen sie rechts ab und waren angekommen: "Mittelalterliches Kriminalmuseum" stand in alten Buchstaben über einem Torbogen. Die Kulisse war prächtig.

"Kameras raus", kommandierte Thomas. Manche posierten vor einem mittelalterlichen Gefängnisanlage. Sebastian Thiele und seine Kumpels probierten den Pranger aus, der dort stand. Timo machte schnell ein Foto davon. Endlich ein Platz, an den der Erzfeind gehörte.

Da ging die Eingangstür auf und ein Mann trat vor die Tür.

"Guten Tag. Ich bin der Museumsdirektor - meine Name ist Markus Hirte. Herzlich willkommen im Mittelalterlichen Kriminalmuseum. Ich freu mich, dass ihr alle hier seid. Im Museum seht ihr gleich eine der bedeutendsten Sammlungen von Rechtsaltertümern. Der Sammlungsschwerpunkt liegt dabei auf der Geschichte des Strafrechts. Und dann haben wir noch eine neue Ausstellung dazubekommen, die sich mit Martin Luther und Hexen beschäftigt. Es wird also spannend bei uns. Aber nun gehts los. Folgt mir in den Keller!"

Im Gänsemarsch folgte die Klasse dem schlanken, jungen Museumsdirektor an einer "eisernen Jungfrau" vorbei.

Ganz vornedran hatte sich ­Stefanie Fischer angestellt und ihr Haar nach hinten geworfen. Timo warf einen Blick auf ­Pfarrer Wagner. Der schaute ­jedoch nicht hin. Diese Geste kannte Timo von seiner Tante Steffi auf Männerfang. Haare hinter, Brust raus, offene Augen und interessierter Blick der aussagte: "Du könntest mir auch das Telefonbuch vorlesen - das würde ich wahnsinnig spannend finden." So hatte es ihm zumindest seine Mutter einmal erklärt, als Tante Steffi in heimlicher und kurzfristiger Liebe zu ihrem Parkettlieferanten verfallen war. Seitdem hatte Timo ein Auge dafür, wenn Frauen die Haare nach hinten warfen.

Sie stiegen eine enge Treppe in den Keller hinunter. Das Licht wurde spärlicher. Im düsteren Schein der Beleuchtung sahen sie allerlei Folterinstrumente: Streckbank, einen komischen Sitz mit lauter Stacheln und Armschlingen, damit man sich sicherlich keine bequeme Position suchen konnte. Gewichte und Daumenschrauben.

"Geil!", hörte er, wie sich Sebastian freute. "Voll das Gruselkabinett hier!"

Warum nur wunderte sich Timo nicht, dass ausgerechnet von Sebastian solche Worte kamen? Er versuchte, das Unbehagen angesichts dieser Folterinstrumente hinunterzuschlucken. All die Schmerzen, all das Leid, was sie den Menschen bereitet haben mussten ...

"Zu allen Zeiten haben die Menschen versucht, auf Verbrechen und die damit einhergehende Störung des Friedens zu reagieren."

Herr Luther in der Folterkammer => weiter

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