Bauernhaufen
Tausende von Bauern sammelten sich und schlossen sich zu einem "Haufen" zusammen.

"Das ist ja wie im Krieg mit euch!"

"Wie im Krieg!", seufzte Timo.

"Was weißt du denn schon vom Krieg", hörte er die Stimme von Luther.

"Ja - aber du!", maulte Timo. "Du bist ja Experte!"

"Bin ich nicht. Aber ich war bei einem dabei. Das ist sehr, sehr schlimm."

"Was waren das denn für Kriege?", fragte Timo schon fast widerwillig. Er wollte eigentlich nicht mit Luther plaudern. Noch nicht. Dafür war er noch viel zu entsetzt, wie Luther über Juden gesprochen hatte.

Und jetzt Krieg? Das hörte sich spannend an.

"Hast du schon mal was von den Bauernkriegen gehört?"

"Bauernkriege? Nein!"

"Die Bauern haben mich übrigens ähnlich falsch verstanden wie du", hörte er Luther sagen.

"Entschuldige mal: Was kann man an deinen Äußerungen bitteschön falsch verstehen? Soll ich jetzt Schuld sein, weil du fragwürdige Sachen gesagt hast?"

"Nein. Du bist nicht Schuld. Ich wiederum kann nach fast 500 Jahren wenig ändern. Möglicherweise würde ich heute so etwas nicht mehr sagen. Es tut mir leid, dass ich dich enttäuscht habe."

Luther hatte sich tastächlich Gedanken um ihn und sein Verhalten gemacht. War das möglich? Er, der große Reformator bat ihn, den Schuljungen um Entschuldigung? Timo fühlte sich wie ein Luftballon, dem die Luft herausgelassen wurde. Viel, viel leichter wurde ihm da ums Herz. Martin Luther dachte über Fehler nach. Das war der Hammer für ihn. Es fühlte sich wie eine sehr große Geste an.
Timo räusperte sich.

"Also. Die Bauernkriege."

"Die Bauernkriege. Das war eine sehr heftige Zeit", begann Luther.

Timo sah ihn im Geiste schon fast auf einer Kanzel stehen. Zumindest klang es so für ihn.

"Die Bauern waren arm und wurden immer ärmer. Sie waren diejenigen, die alle ernährten. Von ihren Ernteeinnahmen mussten sie aber den 'Zehnten' abgeben, Zölle, Pacht und vielerlei mehr bezahlen. Die Höfe wurden gleichzeitig immer kleiner. Und Recht? Recht gab es kaum oder es wurde sehr wage ausgelegt. Manche Bauern mussten sogar fragen, wen und ob sie heiraten durften. Die 'Oberen' führten immer mehr Bauern in die Hörigkeit und weiter in die Leibeigenschaft. Doch wer wollte so leben? Die Bauern nicht. Die Armen wurden immer ärmer, und die Reichen dadurch immer reicher. Ich hielt mich anfangs zurück. Denn das war eben die Ordnung der Welt. Ein 'Oben' und ein 'Unten'.
Die dörfliche Oberschicht wollte aber Veränderungen. Schultheißen, Bauernrichter, Dorfhandwerker und Ackerbürger aus den Kleinstädten trugen den Aufstand und drängten vielerorts die armen Bauern zum Anschluss an die Bauernhaufen"

"Das kenn ich", rief Timo. "Das ist heutzutage ähnlich. Zumindest heißt es in den Nachrichten so. Früher konnte einer eine ganze Familie von einem Gehalt ernähren. Heute braucht es meistens beide Elternteile. Mama arbeitete ja auch halbtags dazu. Sonst reicht es vorne und hinten nicht, sagt sie."

"Ja. Früher war es auch schon so. Geschichte wiederholt sich. Naja. Und dann beschlossen sie, dagegen vorzugehen, gegen die himmelschreiende Ungerechtigkeit. Sie schlossen sich zu einem Bauerhaufen zusammen. Was aber den Oberen natürlich nicht gefiel. Revolution gefällt nie denjenigen, gegen die sie sich richtet. Einmal waren sie bei mir, und wollten, dass ich ihr Fürsprecher werde.  Schließlich war ich schon einmal als Kritiker der Kirchen und der Oberen bekannt geworden. Die Missstände der Kirche und ihre Prunksucht kannte ich ja zu gut. Nun - einer musste ja die Rechnung dafür tragen: Die Armen. Die Bauern und die Arbeiter. Und dann hatte ich ja auch von der Freiheit eines Christenmenschen geschrieben. Die Bauern wollten Freiheit. Aber jetzt kommt es: Für mich gab es einen Unterschied der geistlichen und der weltlichen Welt. Meine Thesen in Wittenberg waren die der christlichen Welt. Aber die Bauern nahmen sie für ihre Zwecke her. Allen voran Thomas Müntzer. Ich fand die Vorstellung von ­einem Krieg der Bauern gegen den Klerus und den Adel fürchterlich. Ich dachte immer, man kann es anders regeln."

Nur wie konnte man Gerechtigkeit schaffen? => weiter