Reiche Früchte einer frühen Spende

Christoph Jahn
Christoph Jahn. Foto: Borée

Christoph Jahn erlebte in Brasilien erste Erfolge der Sammlungen von "Brot für die Welt"

Reifes Korn wogt im Wind. Christoph Jahn lässt den Blick über die südbrasilianischen Berghänge herabschweifen. Die terrassenförmigen Felder schützen die Humusschicht. Die monotonen Tabakfelder von früher gibt es kaum noch. Kaum noch erkennt er den Ort Arroio do Tigre wieder - obwohl er dort zwischen 1956 und 1965 als Pfarrer wirkte. Aus dem armen Straßendorf ist eine blühende Kreisstadt geworden. Ein kleines Pflänzchen, eines der ersten Hilfsprojekte von "Brot für die Welt", konnte im Laufe der Jahrzehnte reiche Frucht bringen.

"Ich will einmal Danke für die Hilfe sagen." Das ist ihm wichtig. Und dazu reichte er drei Lieder bei einem Wettbewerb des Diakonischen Werks Bayern zum 50-jährigen Bestehen von "Brot für die Welt" ein. Jahns Titel "Wieviel Brot habt ihr?" gewann (siehe Sonntagsblatt-Nr. 30, Seite 20). Das Lied wird am 1. Advent zur Eröffnung der 51. Aktion "Brot für die Welt" in der Münchner St. Lukaskirche aufgeführt.

Christoph Jahn dankt nicht nur für Brot, sondern auch für Steine. Mit ihnen konnte er als Pfarrer in der weitläufigen südbrasilianischen Gemeinde am "Tigerfluss" - wie die deutsche Übersetzung des Ortsnamens lautet - einen Traum verwirklichen: Ein landwirtschaftliches Trainingszentrum wurde dort ab 1964 mit Hilfe deutscher Spendengelder errichtet.

"Das landwirtschaftliche Wissen dort war auf dem Stand des 19. Jahrhunderts", beschreibt der heutige Erlanger seine Eindrücke aus Brasilien. Damals waren die Auswanderer mit ihren Erfahrungen, die sie in der alten Heimat Deutschland als Tagelöhner und ehemalige Leibeigene gesammelt hatten, in die neue Welt aufgebrochen. Nun versuchten ihre Nachkommen den kargen südbrasilianischen Hügeln Nahrung abzutrotzen. Christoph Jahn selbst stammt vom Dorf und studierte vor dem Auslandseinsatz 1956 im Leipziger Missionshaus, bevor er seinen letzten Schliff in Neuendettelsau erhielt.

Unvergesslich sind dem jungen Pfarrer, der mit 24 Jahren seine erste Pfarrstelle am "Tigerfluss" antrat, Beerdigungen von Kindern, die schrecklich überflüssig waren. "Zwei Zwillinge starben in kurzem Abstand", erinnert er sich, "und die Mutter stand am Grab und zürnte wortreich Gott." Mit hängenden Armen stand der junge Pfarrer daneben. Wie konnte er nur ein Wort des Trostes finden? Aber bald erfuhr er, dass die kleinen Wesen bei ihrem Tod weniger gewogen hatten als bei ihrer Geburt - also verhungert waren.

"Gemüse oder Obst - für die Bauern waren das praktisch Fremdwörter", erinnert sich Christoph Jahn. Von Dünger und Kompost hätten viele Bauern noch nie etwas gehört. Der „Hühnerstall“ war in aller Regel ein Baum neben dem Haus. "Kein Wunder, dass da nicht viele Eier gefunden wurden." Mehr noch: Einen Bauern, der für sein Federvieh einen Verschlag baute, lachten die Nachbarn aus. Erst beim Anstieg der jährlichen Eierproduktion um das Zehnfache, wurden sie nachdenklich.

Eine weitere Beerdigung: Ein Schuljunge wurde zu Grabe getragen. Als Christoph Jahn die Familie besuchte, fanden sich in der engen Holzhütte der Familie drei Betten: für die Oma, die Eltern und die sechs überlebenden Geschwister.

Internat
Haupteingang des Internatsgebäudes in Arroio do Tigre (aktueller Zustand). Foto: privat

Gleichzeitig entdeckte Christoph Jahn im Pfarrarchiv am "Tigerfluss" lange Spendenlisten. In der Nachkriegszeit hatten die Gemeindemitglieder für Lebensmittelpakete für Deutschland gesammelt. Dann erfuhr er selbst in der fernen südbrasilianischen Provinz von der Gründung des Hilfswerkes "Brot für die Welt".

Der Traum nahm Gestalt an: Ein landwirtschaftliches Trainingszentrum wurde zum Ziel der Gemeinde. Die kommunalen Dorfschulen zählten nur fünf Klassen. Die Lehrer konnten selbst gerade lesen und ein wenig rechnen - das wars. Die Sekundarschulen waren unerreichbar, ihre Internate unbezahlbar.

Zum Pfarrergehalt gehörten 24 Hektar Feld. Sie wurden zum Grundstock des Zentrums. Für die Gebäude erhielt die Gemeinde 120.000 D-Mark bei der jungen Organisation "Brot für die Welt". Tagelang waren Beauftragte vom "Tigerfluss" unterwegs, um billige Baumaterialien zu besorgen. Der brasilianische Staat finanzierte nun auch für die zweijährige Ausbildung der zukünftigen Landwirte, die 1964 begann, zwei Agronomen als Lehrer und einen Traktor.

"Und was ist mit den Mädchen?", fragte Dona Alzira. Als erste Frau war sie damals in den Kirchenvorstand gewählt worden. Eine Diakonisse half Christoph Jahn dabei, zunächst zweiwöchige "Bräutekurse" für junge Frauen kurz vor der Hochzeit zu organisieren. Küche, Landwirtschaft und Säuglingspflege standen auf dem Stundenplan. Sieben junge Frauen waren zum ersten Kurs angemeldet, 29 kamen. Viele von ihnen erhielten eine weitere Ausbildung durch die Diakonissen.

Inzwischen gehört die Pfarrei am Tigerfluss zur Kornkammer der Region. Auch "Aufforstung" ist längst kein Fremdwort mehr. Zwar mussten die Jahns 1965 aus gesundheitlichen Gründen nach Deutschland zurückkehren. Beim "Verlag der Evangelisch-Lutherischen Mission" konnte Christoph Jahn jedoch an seine Erfahrungen in Brasilien anknüpfen.

Mehrmals besuchte er "seine" Gemeinde am Tigerfluss. Mindestens zwei Dutzend der ehemaligen Konfirmanden Jahns bekamen Impulse, die ihrem Leben eine ganz neue Richtung gaben: Als Lehrer oder Pfarrer verbreiteten sie dessen Saat weiter. Damit halfen sie mit, dass "das Pflänzchen Hoffnung wieder sprießt", wie es in einem der Lieder Christoph Jahns heißt.

Susanne Borée


Weitere Informationen zur Eröffnung der neuen Aktion von "Brot für die Welt" in der Diakonie-Beilage und auf Seite 22. Spendenkonto für die Organisation in Bayern: Ev. Kreditgenossenschaft eG, Konto Nr. 55 55 50, BLZ 520 604 10.