Andacht: Im Licht des Tages - im Dunkel der Nacht

So ist nun die Liebe des Gesetzes Erfüllung. Und das tut, weil ihr die Zeit erkennt, nämlich dass die Stunde da ist, aufzustehen vom Schlaf, denn unser Heil ist jetzt näher als zu der Zeit, da wir gläubig wurden. Die Nacht ist vorgerückt, der Tag aber nahe herbeigekommen. So lasst uns ablegen die Werke der Finsternis und anlegen die Waffen des Lichts.

Aus Römer 13, 8-12(13-14)

"Die Nacht ist vorgedrungen, der Tag ist nicht mehr fern" - das hört der Langschläfer nicht gern. Das ärgert den, der die Vergnügungen der Nacht sucht, das erschreckt den, der seine finsteren Geschäfte im Dunkeln verbergen will.

"Die Nacht ist vorgedrungen, der Tag ist nicht mehr fern" - das muntert auf. Das weckt Erwartungen. Das verspricht Aktivität und Leben. Das macht Hoffnung auf Zukunft. Das fordert heraus.

Nacht und Tag, Dunkelheit und Licht - das sind nicht nur astronomische Gegebenheiten, es sind Bilder für unsere Befindlichkeit, Symbole für unser Erleben und Tun.

In Jochen Kleppers Lied (EG 16) hat die Nacht viele Namen: Angst und Pein, Tränen und Schuld. Paulus enttarnt "die Werke der Finsternis" und zählt auch drastische Beispiele auf. Wenn wir die Adventszeit in alter christlicher Tradition auch als Zeit der Buße begehen, bedenken wir unsere eigenen "Werke der Finsterheit". Sie abzulegen, stattdessen "die Waffen des Lichts" anzulegen, ist das Gebot des Tages. "Waffen des Lichtes" - das klingt martialisch, aber Paulus beschreibt sie im 1. Thessalonicher Brief: "Wir aber, die dem Tag gehören, wollen nüchtern sein und uns rüsten mit dem Panzer des Glaubens und der Liebe und mit dem Helm der Hoffnung auf das Heil."

Was heißt das aber konkret? Paulus beginnt mit einer Aufzählung der Gebote, bricht aber bald ab. "Seid niemandem etwas schuldig, außer dass ihr euch untereinander liebt." Das klingt einfach. Nicht einen Gesetzeskatalog beachten - nur "einander lieben"? Und doch verbirgt sich darin das eigentliche Tagwerk, die eigentliche Aufgabe, die große Herausforderung. Es wäre müßig, sich in zahllosen Regeln und Verboten zu verlieren. Sie sind nicht vollzählig. Sie sind nicht eindeutig. Sie sind nichts anderes als die Flucht vor der eigenen Verantwortung. Die Liebe ist des Gesetzes Erfüllung. Sie soll im Licht des Tages der Maßstab, die Begründung unserer Entscheidungen sein. Das verlangt eigenes Nachdenken, eigene Verantwortung in belanglos wirkenden Alltagsmomenten, aber auch in großen politischen Fragen.

"Die Nacht ist vorgedrungen, der Tag ist nicht mehr fern" - das klingt wie ein Weckruf. Das bedrängt und ängstigt vielleicht auch. Was kommt auf mich zu? Bin ich dem gewachsen? Sind mir die "Waffen des Lichtes" vielleicht zu schwer? Ich kann auf meine Zweifel nur mit dem Morgengebet Dietrich Bonhoeffers antworten.

Jochen Klepper weiß, wovon er in seinem Adventslied schreibt. Er weiß auch, dass der heutige Tagesanbruch nicht aller Nacht ein Ende setzt: "Noch manche Nacht wird fallen auf Menschenleid und -schuld". Aber im Licht des einen Tages, im Licht Christi, hat sogar die Nacht eine andere Qualität: "Doch wandert nun mit allen der Stern der Gotteshuld. Beglänzt von seinem Lichte hält euch kein Dunkel mehr, von Gottes Angesichte kam euch die Rettung her."

Günther Beckstein, Nürnberg,
Mitglied der Landessynode

Gebet:

Gott, zu Dir rufe ich in der Frühe des Tages. Hilf mir beten und meine Gedanken sammeln zu Dir; Ich kann es nicht allein. In mir ist es finster, aber bei Dir ist das Licht; ich bin einsam, aber Du verlässt mich nicht; ich bin kleinmütig, aber bei Dir ist die Hilfe; ich bin unruhig, aber bei Dir ist der Friede; in mir ist Bitterkeit, aber bei Dir ist die Geduld; ich verstehe Deine Wege nicht, aber Du weißt den Weg für mich. Amen

Dietrich Bonhoeffer

Lied (EG 4):

Nun komm, der Heiden Heiland

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