Fluchtwagen anno dazumal
In der Osternacht flüchtete Katharina von Bora mit acht anderen Nonnen aus dem Kloster. Sie wollten frei sein.

Nur auf ein Eis?

"Ja. Das hab ich damals auch gedacht!", giggelte Luther.

Timo rappelte sich aus dem Bett hoch und zog seine Socken gerade. "Na - erzähl schon!"

"Meine Käthe! Ich wollte sie erst auch nicht."

"Nur Eis essen, Herr Luther!", fuhr Timo dazwischen.

"Jaja. Ich weiß ja. Käthe hieß natürlich nicht Käthe, sondern Katharina von Bora. Eine Landadelige sozusagen. Und sie war einmal eine Nonne."

"Du warst mit einer adeligen Nonne zusammen? Ist ja krass. Wie geht das denn? Ich dachte, die Nonnen waren alle weg vom Fenster. Und heiraten Adelige nicht immer nur untereinander?"

"Da magst du schon mitunter recht  haben. Aber damals war es anders.
Katharina kam ins Kloster, als sie noch sehr jung war. Wahrscheinlich aus ganz praktischen Gründen. Schon war daheim ein Maul weniger zu stopfen. Sie war fünf, als sie zur Erziehung ins Augustiner-Chorfrauenstift nach Brehna kam. So machte man das damals."

"Mit fünf? Ich war mit fünf noch im Kindergarten und wäre lieber daheim geblieben. Aber dann so ganz weg? Zu Nonnen?"

Timo schüttelte sich. Er konnte sich noch gut dran erinnern, wie er selbst im Kindergarten Heimweh gehabt hatte. Nicht immer, aber doch so dann und wann hatte es kräftig an seinem Herzen gezupft.

"Später kam sie dann zu ihrer Tante Margarethe von Haubitz, die Abtissin in Nimbschen war. Immerhin war das schon fast Familie. Ihre eigene hat sie nicht oft gesehen. Ja, so war das damals. Harte Zeiten für zarte Seelen."

"Aber wie bist du jetzt an eine Nonne gekommen?"

"Gemach, gemach, mein Junge. Immer schön der Reihe nach! Katharina jedenfalls lernte im Kloster schreiben und lesen und sogar ein bisschen Latein."

"Och, fängst du jetzt auch mit Latein an!", schmollte Timo.

"Na und? Ich hab mein halbes Leben mit der lateinischen Sprache verbracht. Du nur drei Schulstunden in der Woche. Das zählt nicht. Also heul nicht rum!"

"Katharina?", versuchte Timo ihn abzulenken.

"Ah. Katharina! So eine schlaue Frau. Mein Herr Käthe! Sie wurde also Nonne. Da war sie 16 Jahre alt."

"So jung noch!", sinnierte Timo.

"Fast üblich für die damalige Zeit. So war das eben. Jung aus dem Haus. Die Kinder waren kleine Erwachsene. Herr Käthe und ich haben  später versucht, es bei unseren Kindern anderes zu machen. Sie durften Kinder sein. Spielen und kuscheln. Natürlich auch arbeiten. Aber eben auch Kinder sein. Das war uns wichtig, nach unseren Erlebnissen als Kind. Meine Eltern waren kein Vorbild. Du glaubst gar nicht, wie oft ich verprügelt worden bin. Manchmal habe ich mich nicht mehr nach Hause getraut. Liebe und Kuscheln - das was Kinder heute ganz selbstverständlich bekommen - das gab es damals nicht. Versteh mich nicht falsch: Meine Eltern sorgten gut für mich. Bestimmt liebten sie mich auch. Käthe war für ihre kleine ­Kinderseele zu früh weg von Zuhause. Das wollten wir anderes machen. Ja.", räusperte sich Luther.

"Ja. Und dann verbreiteten sich meine Schriften immer mehr im Land. Und auch in das Kloster, in dem Katharina lebte. Die las sie und noch ein paar von ihren Ordensschwestern. Da reichte es ihnen. Sie wollten weg. Ein anderes Leben beginnen. Frei sein. Und so schrieben sie mir einen Brief und baten mich um Hilfe. Den Gedanken der Freiheit konnte ich ja gut nachvollziehen."

"Und? Was hast du gemacht? Wie hast du sie da rausgeholt? Entführt am Ende? Wow!" Timo war beeindruckt.

"Ganz so spektakulär war es nicht. Ich habe ihnen einen Fluchtwagen besorgt. So sagt ihr doch heute dazu", kicherte Luther.

"Fluchtwagen?", wiederholte Timo und hatte vor seinem geistigen Auge einen schnittigen Rennwagen, der mit quietschenden Reifen und Nonnen auf der Rückbank, ein Kloster verließ.

"Kind. Doch nicht so einen. Einen Ochsenkarren. Voll beladen mit Heringsfässern. Dahinter haben sie sich versteckt. Und quietschende Reifen - so wie heute gab es auch nicht. Mehr ein Gerumpel und Gemuhe von den Ochsen."

"Wo sind sie denn dann hin? Nach Hause? Endlich wieder zu ihren Familien?"" => weiter

Außerdem lesen Sie unter anderen in unserer gedruckten Ausgabe vom 24. Juni 2018:

- Der Ökumenische Rat der Kirchen wird 70 - ''Er ist genau das, was die Welt braucht!''

- Kein Frieden für alle in Sicht: Das ''Friedensgutachten 2018'' wurde in Berlin vorgestellt und kommentiert

- Versteinerte Psalmen: 25 Jahre Straße der Romanik in Sachsen-Anhalt

=> Interesse an diesen Artikeln der gedruckten Ausgabe?

Diese, die wöchentlichen Rätsel und vieles mehr können Sie bei unserem kostenlosen Probeabo entdecken

=> Gleich online bestellen

 

 

www.kirchenpresse.de - Evangelische Wochenzeitung im Internet

 

 

Das Evangelische Sonntagsblatt finden Sie jetzt auch auf der

=> "wertvollen" Facebook-Seite

 

Wertvoll-Logo