Timo vor der Klasse
Pfarrer Wagner staunte nicht schlecht, als Timo Luther zitierte.

Hast du noch lange mit Luther geplaudert?

"Ja. War ganz interessant. Ich glaube, ich muss mal auf die Wartburg. Wenn meine Eltern das nächste Mal wieder Einen auf Bildung machen, schlage ich das mal vor. Es wird komisch sein, durch die Burg zu laufen und zu wissen, dass hier Luther herumgelaufen ist, oder wenn ich diesen Tintenfleck in echt sehen kann, oder seinen Schreibtisch, oder die Aussicht. Crazy. Stell dir das mal vor. Du schaust aus dem Fenster und siehst, was Luther früher gesehen hat."

"Wahrscheinlich mit jeder Menge Windkrafträder, die die da vielleicht hingestellt haben. Da soll`'s doch immer leicht windig sein. Die wird Luther nicht gesehen haben."

"Ja. Aber du weißt was ich meine!"

"Jaja. Fahr du nur zur Wartburg. Deine Eltern werden begeistert sein. Und dann sagen sie wieder so Sachen wie ,Erziehung lohnt sich doch’ und du hast sie wieder einmal sehr glücklich gemacht."

Sie bogen in den Schulhof ein. Von Ferne sahen sie schon die roten Haare von Thomas, der bei den Fahrrädern seines gerade abschloss. Seine Hose war über die Ferien zu kurz geworden. Er sah ein bisschen schräg damit aus. Allerdings wussten die beiden Freunde, dass es noch nicht Monatsende war. Somit würde Thomas noch zwei Wochen mit diesen Hosen herum laufen müssen, bis die spärlichen Finanzen im Hause Thomas wieder aufgestockt ­waren.

Sie winkten ihm, aber Thomas schwitzte über seinem Zahlenschloss. Das klemmte immer ein bisschen bei der Drei.

Am Schultor sahen sie Sebastian Thiele und seine Kumpels. "Wie Lucius Malfoy und seine Kumpels", grinste Christian. Genauso blöd und hörig.

"Ach lass doch!", entgegnete Timo.

Er hatte Luise entdeckt. Dass Haare so glänzen können, dachte er bei sich. Schmetterlinge wirbelten durch seinen Magen. Aber vielleicht hatte er auch Hunger. Schmetterlinge im Magen - so was gab es doch gar nicht. Auch wenn es sich so anfühlte.

Sie stiegen die Stufen in den zweiten Stock in ihr Klassenzimmer hoch, suchten sich ihre Plätze und der Schulalltag begann.

In der dritten Stunde hatten sie Herrn Pfarrer Wagner. Er kam wie immer in den Raum geschlurft, ohne nach rechts oder links zu schauen. Er schmiss seine alte Schultasche auf den Lehrertisch und setzte sich schwerfällig auf den Stuhl. Dann schaute er auf. Ein bisschen griesgrämig wie immer. Aus der Tasche zog er sein Notizbuch. Manche plauderten leise kichernd miteinander.

"Ruhe bitte!", grummelte er, während er las.

 

"Timo. Was macht dein Referat?" => weiter