Serie: Frischer Wind, Teil 20

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Alles setzt auf den Pfarrer - oder: Muss ein Pfarrer alles können?

Glitzerndes Licht, murmelnde Stimmen, klirrende Gläser, gedrängte Menschen am Roulettetisch. Die deutliche Stimme des Croupiers: "Bitte Ihr Spiel zu machen …" Es sind nicht viele Jetons, die da sind. Auf welches von den vielen Feldern setzen? Das Wenige, was da ist, auf ein einziges Feld oder doch besser verteilen? Der Entschluss fällt: Alles auf eine Zahl. "Nichts geht mehr!" Die Kugel rollt und für eine Weile bleibt Warten, Bangen, Hoffen, dass es gut ausgeht und die Glücksgöttin hold ist.Viele Gaben, ein Geistlicher?

In nicht wenigen Gemeinden geht es genauso zu wie im Casino: Alles setzt auf den Pfarrer. "Viele Gaben, ein Geist…" wird umgedichtet zu "Viele Gaben, ein Geistlicher…" - und die "Geistlichen" entscheiden letzten Endes. Weil sie für fähiger gehalten werden, als sie sind.

Am Ende haben oft beide Seiten verloren: Die Gemeinde, weil sie sich in ihrem Engagement und ihrer Kompetenz nicht wahrgenommen fühlt, da am Ende doch der Pfarrer entscheidet. Und die Pfarrer, weil sie beständig an der Grenze der Überlastung arbeiten. Wen wundert's: Nach dem Examen sind sie plötzlich auch Betriebswirte, Eventmanager, Bauingenieure, Aktenverwalter und Mediatoren in einer Person. Und sollen gerade im ländlichen Bereich noch Mitglied in zahlreichen Vereinen sein.

Ausgebildet aber wurden sie als geistliche Begleiter und Berater einer Kirchengemeinde. Sie sollen die Bibel in den Alltag übersetzen. Kinder taufen, das Abendmahl feiern und Menschen an den Wendepunkten ihres Lebens begleiten und segnen. In Beichte und Seelsorge sind sie zur absoluten Verschwiegenheit auch durch das Gesetz verpflichtet. Das ist reichlich! Das schneidet oft schon große Lücken in Zeit fürs Privatleben und damit in die Selbstsorge, die für einen solchen Beruf unerlässlich ist.

Die eigentliche Leitung der Gemeinde liegt ja nicht umsonst in den Händen von Ehrenamtlichen.

Nicht hoch genug kann man es Menschen anrechnen, wenn sie sich in ihrer Freizeit in Leitungsfunktionen der Kirche engagieren. In den seltensten Fällen jedoch wird durch Wahl ein Gemeindekirchenrat so besetzt, dass Bauingenieure, Betriebswirte und Eventmanager an einem Tisch sitzen. Muss auch gar nicht so sein, denn Menschen eignen sich schnell Kompetenzen an, wenn sie für etwas brennen und die Heilige Geistkraft tut ihr Übriges. Sie verweht nur recht schnell, wenn eine "Die Pfarrerin kann alles und macht alles" Haltung an den Tag gelegt wird.

Es gibt natürlich wie in jedem Berufszweig die Amtsträger, die zwar gerne dienen, aber am liebsten in leitender Position. Oft wird aber auch so ein Sonnenkönig durch oben beschriebene Haltung eines Gemeindekirchenrates über die Jahre geboren und gepflegt, weil's für den Rest bequem ist. Ganz fatal oft die Konzentration der Macht in einer Pfarrerin als Vorsitzende!

Ein Gemeindekirchenrat, der alles durchwinkt, lächelt und danach niedlich guckt, bewegt auf die Dauer aber nicht die Gemeinschaft der Heiligen, die unsere Kirche nun mal sein soll.

Ein Ausweg

Ein möglicher Ausweg ist die Einstellung eines hauptamtlichen Geschäftsführers. Wohlgemerkt: ein Geschäftsführer entscheidet nicht anstelle eines ehrenamtlichen Leitungsgremiums. Er  informiert das Leitungsgremium und überlässt die Entscheidung denjenigen, die dafür gewählt wurden. Er vertritt die Gemeinde bei den zuständigen Stellen und teilt dort eine Entscheidung und ihre Begründung mit. Er vermittelt zwischen Instanzen, ist mit Institutionen vernetzt und kennt Dienstwege.

Zeit haben

Wie gut Predigten werden können, wenn immer mal wieder unter der Woche Zeit ist zum Schreiben und Feilen. Plötzlich machen Pfarrerinnen tiefenentspannte Besuche, führen ausführliche Gespräche im Vorfeld von Trauung oder Bestattung.
Sogar Zeit für eine weitere Begleitung von Menschen an einer Lebenswende ist da. Effektiv für den Gemeindekirchenrat, nicht mehr um Details einer Bauskizze zu ringen zu müssen, sondern verschiedene Möglichkeiten vorgestellt bekommen. Den Haushaltsplan so aufgeschlüsselt bekommen, dass alle ihn verstehen. Die Checklisten fürs Gemeindefest sind fertig samt der VIP-Liste, wer alles einzuladen ist.

Es bliebe mal Zeit für anderes als nur die Leitung der Gemeinde. Für Teambuilding und geschwisterlichen Austausch. Für eine gemeinsame Freizeit, wo es einfach mal um das persönliche Miteinander geht.

Es bliebe Zeit, auch inhaltlich und theologisch zu arbeiten mit dem, der in ihrer Mitte sitzt und der dazu berufen wurde: dem Pfarrer.

Die Gemeinde sitzt dann nicht mehr im Spielcasino, sondern ist wieder zusammen unterwegs. Als wanderndes Gottesvolk, so wie es ihr verheißen ist!  

Tim Schmidt, Jahrgang 1969, studierte nach einem erfolgreich abgebrochenen Medizinstudium Evangelische Theologie in Göttingen und Gemeindepädagogik in Brandenburg/Havel. Mit dem Schwerpunkt Kinder und Familien arbeitet er in der Kirchengemeinde zu Französisch Buchholz in Berlin, predigt dort auch und fährt nebenbei noch für die Notfallseelsorge durch Berlin. E-Mail: tim.schmidt(at)evangelisch-buchholz.de

                              Tim Schmidt