Jan Hus
Jan Hus wurde auf dem Scheiterhaufen als Ketzer verbrannt

Kann Timo seinem Freund vertrauen?

"Ja. Das versteh ich. Da musst du deinem Freund vertrauen. Dass sie es gut mit dir meinen. Und dich nicht verraten. Das kenn ich. Von früher!"

Timo warf den Inhalt des Spitzers in den Papierkorb und steckte ihn ganz vorne in die Büchertasche. Vorne rechts war der Platz dafür. "Wie jetzt?"

"Naja, damals. Ich hatte dir doch erzählt, dass ich aus Worms abgereist bin. Erinnerst du dich?"

"Richtig. Das war das Ding mit der Reichsacht. Ich hätte mir ja vor Angst in die Hose gemacht."

"Ja. Ich fast auch. Aber ich hatte einen großen Verbündeten an meiner Seite."

"Gott?"

"Den sowieso. Aber das ist die Sache mit dem Vertrauen. Ich hatte den Kurfürsten von Sachsen, Friedrich den Weisen an meiner Seite. Zumindest war ich fest davon überzeugt, dass ich unter seinem Schutz stehe. Aber so ein Schutz hatte Jan Hus zum Schluss wenig genützt."

"Was hat jetzt Jan Hus damit zu tun? Und wer war gleich noch mal Jan Hus?"

"Jan Hus war ein Reformator aus Böhmen. Der hatte ähnliche Ansichten, wie das mit dem Glauben und der Kirche sein könnte. Aber seine Zeit war scheinbar noch nicht gekommen. Beim Konzil in Konstanz vor - warte mal-  600 Jahren - meine Güte ist das alles lang her, es kommt mir so kurz alles vor - sei's drum. Also damals hatte Jan Hus auf König Sigismund gesetzt. Der hat ihn aber im Stich gelassen und ihm kein freies Geleit zugesichert. Und schon fand er sich auf dem Scheiterhaufen wieder. Tot. Ach. Ein schlimmes Ende für so einen schlauen Kopf. Ich hatte seine Schriften gelesen und fand sie den meinen nicht unähnlich. Und irgendwie hatte Hus ja auch schon über mich gesprochen. Obwohl wir uns gar nicht kannten. Hus schrieb damals aus dem Gefängnis in Böhmen: 'Sie werden eine Gans braten.' - Du musst wissen: Hus heißt übersetzt Gans. 'Aber nach hundert Jahren werden sie einen Schwan singen hören, den sie mögen werden.' "

"Das hat der Jan Hus gesagt? Echt? Ist ja krass. Wie das Orakel aus dem Film 'Matrix'. Das hat auch immer Vorhersagen gemacht. Das war ja dann dein Vorgänger quasi."

"Ja. Aber bei mir war es eben doch ein bisschen anders. Es gab nun Bücher, um Wissen in die Welt zu bringen. Viele konnten sich Bücher leisten und sie wurden gedruckt - ohne Ende - wie man heute sagen würde. Das war wie eine mediale Revolution - du und dein Handy. Und viele haben einen Computer. Das kann man schon fast miteinander vergleichen. Damals und heute. Sowas macht ja auch was mit den Menschen, wenn sie sich immer besser informieren können. Keiner dürfte eigentlich dumm bleiben. Man wundert sich, warum es dennoch so viele sind und immer den gleichen Mist verbreiten."

Timo konnte schier fühlen, wie Luther fast schon einen roten Kopf bekam. So hörte es sich zumindest an, wie er sich da so in Rage redete.

"Äh - und was war jetzt mit Friedrich dem Weisen?", versuchte er abzulenken. Nicht auszudenken, dass Luther möglicherweise wissen konnte, was er manchmal für schwachsinnige Videos auf seinem Handy anschaute. Schlauer machten sie auf keinen Fall. Aber dümmer?

Oder meinte er all die blöden und schwachsinnigen Nachrichten, die alle anfingen mit den Worten "Ich bin ja kein Nazi, aber..."

"Ach so. Ja." Luther räusperte sich. "Friedrich der Weise. Er hat mich gewähren lassen und ich hab ihm keinen Ärger gemacht Ich glaube, er schätzte mich. Vielleicht brachte ich ihm auch nur Geld. Der Buchdruck und so. Wie auch immer. Er schützte mich und war mein stiller Gönner. Mit diesem Wissen im Hinterkopf reiste ich damals aus Worms ab. Doppelt gesichert durch Gott und den Kurfürsten. Ich hatte Vertrauen, dass mir nichts Schlimmes geschieht. Vielleicht kannst du deinem Freund ähnlich vertrauen. Ihr kennt euch ja auch schon ein paar Tage."

Timo erinnerte sich, wie er damals in der ersten Klasse ­Christian kennengelernt hatte. Eigentlich saß er damals neben Marie, seiner Nachbarin aus dem Haus. Christian fiel ihm erst auf, als er mit Paul seine ersten Star Wars-Karten tauschte und Christian mittauschte. Nach 40 getauschten Karten wurden sie Freunde. Und waren es bis heute. Das fühlte sich gut an. So lange Zeit waren sie nun schon miteinander befreundet. So viel hatten sie miteinander erlebt. Kein Wunder, dass Luther zwischendurch auch immer ein bisschen sentimental wurde. 

Was erlebte Herr Luther denn nun? => weiter

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