Serie: Frischer Wind, Teil 22

Logo "Frischer Wind"

Warum wir Feministische Theologie auch heute brauchen

Im April dieses Jahres hat die 23-jährige Journalistin und Bloggerin Ronja von Rönne in der auflagenstarken WELT einen viel beachteten Artikel geschrieben. Darin sagt sie, Feminismus sei etwas für Unterprivilegierte, für Alleinerziehende, Putzfrauen und für Akademikerinnen, die zu dumm seien, einfach durch die weit offenen Türen der Karrierewelt zu gehen. Deshalb ekle der Feminismus sie an. Sie sei nicht Feministin, sondern Egoistin.

Es entstand das übliche Rauschen im Netz. Von Rönne wurde kurz berühmt und zum Bachmannpreis nach Klagenfurt eingeladen. Demnächst erscheint ihr erster Roman. Man muss Derartiges nicht weiter ernst nehmen. In meiner Welt, der Kirche, werde ich auch Frau von Rönne sicher nie begegnen. Die, mit denen ich täglich zu tun habe, haben ihren Namen vermutlich noch nie gehört. Allerdings scheinen sich auch in der Kirche manche vor dem Feminismus-Wort zu ekeln.

Erfahrungen sind irrelevant

Feminismus und erst recht Feministische Theologie ist für viele nur etwas mit bunten Tüchern, gestalteten Mitten und etwas peinlichen meditativen Tänzen. Mittlerweile mühsam tolerierte Nischenveranstaltungen, ohne Auswirkungen auf die Kirche als ganze. In der geht es nämlich überwiegend weiter wie bisher.

In einer Predigtreihe zu "Mein Held der Kirchengeschichte" sind alle Helden männlich, weiß und Europäer. Niemand findet das bemerkenswert. Die Geschichte kenne halt keine Quote, sagt mir einer der Prediger.

Wenn ich in einer theologischen Fortbildung darauf aufmerksam mache, dass viele religiös sozialisierte Frauen mit dem Wort "Sünde" andere Assoziationen verbinden als die männliche Theologie - dann antwortet mir ein Privatdozent von der Universität Tübingen: "Ihre Erfahrungen sind doch für die Frage nach der Wahrheit völlig irrelevant."

Dass er zuvor 45 Minuten lang nur Literatur von Männern referiert hat, hat er nicht gemerkt. Dass Jesus auch Jüngerinnen hatte, dass es eine Apostelin mit Namen Junia gab, dass sich die Geschichte mit der Rippe und der Gehilfin mit guten Gründen auch ganz anders lesen lässt, dass es mindestens so viele Sarah - wie Abrahamgeschichten in der Bibel gibt, außerdem Prophetinnen, weise Frauen, Königinnen, eine ganze große Geschichte von Befreiung - all das hat die Feministische Theologie in den letzten 40 Jahren herausgearbeitet. Aber leider scheint es sich noch nicht besonders herumgesprochen zu haben in den Gemeinden.

Ich jedenfalls stoße auf viel Erstaunen, wenn ich etwas dazu sage. "Hermeneutik (also die Auslegung) des Verdachts" heißt die feministisch-theologische Methode, mit den biblischen Texten umzugehen. Das bedeutet: Ich weiß, dass das Judentum, das Christentum und ihre Heiligen Schriften in einer von Männern dominierten Welt entstanden sind - und dennoch habe ich den Verdacht, dass in der Bibel auch Stimmen von Frauen, Minderheiten, Nicht-Privilegierten aufzufinden sind.

Wenn Paulus nun also davon schreibt, dass Frauen im Gottesdienst zu schweigen hätten - dann denkt die Hermeneutikerin des Verdachts: Aha! Welche haben offensichtlich nicht geschwiegen. Da schau ich mal genauer hin.

Ich suche nach denen, die bisher keine Stimme hatten. Ich tue es bewusst. Ich weiß, dass ich mit einer bestimmten Perspektive auf die Texte schaue.

Jahrhunderte, Jahrtausende lang haben Männer wie der Privatdozent aus Tübingen auch mit ihrer eigenen Brille, mit ihrer Erfahrung, die Texte betrachtet. Nur hielten sie ihre Perspektive für die einzig mögliche.

In Zukunft

Im 21. Jahrhundert - so hoffe und glaube ich - werden sie damit nicht mehr durchkommen. Unsere Zeit verlangt neue Perspektiven. Unsere Gesellschaft und damit hoffentlich auch unsere Kirche wird bunter, diverser, multikultureller. In meinem Hochhaus in einer schwäbischen Kleinstadt wohnen Menschen aus 21 Nationen. Fast alle meine Konfirmandinnen und Konfirmanden sprechen fließend mehrere Sprachen, haben Migrationshintergrund.

Ohne die Art zu denken, die ich in der Feministischen Theologie gelernt habe, könnte ich keinen Tag meine Arbeit tun. Ich muss mich dauernd einlassen auf andere Sichtweisen, Erfahrungen. Ich muss die im Blick haben, die nicht geübt sind, ihre Stimmen zu erheben. Ich bin auch dazu da, ihre Geschichten zu erzählen - auf der Kanzel, auf dem Friedhof, im Gemeindebrief und bei denen, die mir zuhören, weil ich Pfarrerin und damit irgendwie noch ein bisschen Honoratiorin bin.

Begegnung

Und es begegnen mir erstaunliche Dinge: Ein frommes altes Paar kauft sich die "Bibel in gerechter Sprache" und liest begeistert darin. "Wissen Sie, wir suchen schon lange nach einem anderen Gottesbild - nicht mehr der allmächtige Richter", sagen sie zu mir. Eine Konfirmandin fragt mich, ob ich denn auch Schwule und Lesben trauen dürfe. Als ich ihr sage, dass meine Kirchenleitung das offiziell verbietet, ich aber die Bibel anders verstehe, da ist die ganze Gruppe empört. Einer sagt: "Wie kann das sein? Ausgerechnet in der Kirche! Wo die doch genau der Ort ist, wo alle sein dürfen, wie sie sind. Das ist doch absurd, das zu verbieten. Da sollten Sie sich nicht dran halten."

Die Sache mit Jesus, mit der Liebe, dem Schmerz, dem Tod und dem Leben - sie wird nicht verloren gehen in unserer Zeit. Davon bin ich fest überzeugt. Aber die Kirche wird beginnen müssen, sie neu zu erzählen - für und mit denen, vor denen die Egoistin Ronja von Rönne sich ekelt und die Jesus liebt: die Putzfrauen, die Alleinerziehenden, Transsexuellen, die Männer mit den Oberarmtattoos, die sogenannten Unterprivilegierten - kurz: mit denen ohne Scheu vor dem Feminismus-Wort.

Birgit Mattausch (Jahrgang 1975) ist Gemeindepfarrerin und Hochschulseelsorgerin in Nürtingen bei Stuttgart. Mehr von Birgit Mattausch kann man auf ihrem Blog www.frauauge.blogspot.de lesen

                             Birgit Mattausch

    

Außerdem lesen Sie unter anderen in unserer gedruckten Ausgabe vom 23. September 2018:

- Treffen der deutschen Pfarrerinnen- und Pfarrerverein in Augsburg

- Studie der Bischofskonferenz erfasst sexuelle Übergriffe in 3.677 Fällen mit 1.670 Tätern

- Warum Merhabi fast nichts sieht: Im Berufsförderungswerk Würzburg lernen Flüchtlinge mit Sehbehinderung Deutsch

=> Interesse an diesen Artikeln der gedruckten Ausgabe?

Diese, die wöchentlichen Rätsel und vieles mehr können Sie bei unserem kostenlosen Probeabo entdecken

=> Gleich online bestellen

 

 

www.kirchenpresse.de - Evangelische Wochenzeitung im Internet