Serie: Frischer Wind, Teil 23

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Kommt Kirche vor?

Sommerferien: Diese Zeit nutzen mein Sohn Nikolas und seine Freunde Leon und Kurt um ausgiebig Computerspiele durchzuspielen. Endlich spielen - "zocken" wie sie sagen, endlich sich in virtuelle Welten begeben, ohne mahnende Eltern oder Hausaufgaben, die noch erledigt werden müssen.

Netterweise haben sie sich auch bereit erklärt, die virtuelle Welt zu ­verlassen, um mit mir über "die Kirche und den Glauben" zu sprechen. Im kommenden Jahr werden Nikolas und Kurt konfirmiert. "Freut ihr euch drauf?", will ich wissen. "Ja. Vor allem, wenn es dann reichhaltige Geschenke gibt!" Leon - als katholischer Freund - feierte in der dritten Klasse die Heilige Kommunion. Sie alle gehen - mehr oder weniger - regelmäßig in den Gottesdienst, Nikolas und Kurt besuchen seit einem Jahr den Konfirmationsunterricht. "Das macht schon Spaß", geben beide zu. Dennoch: Kirche spielt bei dem Zwölf-und Dreizehnjährigen ansonsten kaum eine Rolle.

Aber warum ist das so? Was bedeutet den Kindern auf dem Weg ins Jugendleben die Kirche oder der Glaube? "Vor allem Langeweile!" "Wie das?" "Eigentlich gehen wir nur in die Kirche, weil es die Verwandten so wollen." Da sind sich die Freunde einig. "Mutter und Vater, Oma und Opas - alle wollen, dass wir gehen. Wir müssen sie quasi zufriedenstellen und gehen - sonst gibt es Stress daheim! Noch dazu muss man immer so früh aufstehen. Dabei ist das einer der wenigen Tag in der Woche, wo man endlich mal ausschlafen könnte."

Wenn ich also gedachte hatte, dass es auch ein schönes Ritual sein könne, zum Gottesdienst zu gehen, habe ich mich geirrt. Gut - ich könnte mich nun auch wirklich nicht erinnern, dass das Kind jemals zu mir gekommen wäre, um freudig in die Kirche zu gehen. Es stimmt: Wenn die Verwandten nicht wären, würde von diesen Kindern keines in die Kirche gehen. "Und dann immer diese langen Predigten. Und die ganzen Fremdwörter. Die Botschaft der Bibel wird da oft sehr umständlich wiedergegeben."

Kirchenfern und ohne Glauben ist zumindest Nikolas nicht aufgewachsen. Der Opa war Pfarrer, die Mutter schreibt im Sonntagsblatt. Es gibt regelmäßige Gebete daheim und die Geschichten der Bibel wurden den Kindern als "Gute-Nacht-Geschichte" vorgelesen oder erzählt. Das alles ist aber natürlich etwas anderes, als "die Kirche". Das ist Glaube. "Der ist okay", sagen die Kinder, die auf der Couch sitzen und nachdenken. "Jeder braucht etwas, woran er glauben kann", sagte Nikolas, und Leon ergänzt: "Glaube ist wie eine Richtlinie, an die ich mich halten kann. Jesus ist für mich ein sehr weiser Mann. Es berührt mich, was über ihn geschrieben wurde. Ich denke noch darüber nach."

Sonntags in die Kirche, oder gar sich dort engagieren? "Wann denn? Wir haben Schule, Freunde, Hausaufgaben, Sport, Computerspiele." "Jungs - ihr habt für alles Zeit, was ihr gerne macht." "Kirche gehört nicht dazu!"

Das sagen sie. Und man könnte sich als Mutter und Christin die Haare raufen. Scheinbar ist es nicht wirklich gelungen, die Kinder für "die Kirche" zu begeistern.
„Wie denn auch. Wenn man in die meisten Kirchen kommt, ist es vor allem grau und beige. Wenig buntes, was dem Auge schmeichelt. Es ist oft kalt und die Bänke sind hart", erzählt Nikolas. Das kann wiederum der katholische Freund Leon nicht bestätigen. Die Kirchen, die er besucht sind bunt geschmückt und mit vielen Kunstwerken bemalt. "Ich weiß gar nicht, was du hast", grinst Freund Kurt. "Ich hatte es noch nie hart in der Kirchenbank. Ich nehme immer sieben Kissen übereinander, dann ist es gemütlich." "Und die anderen Gäste? Die dürfen dann hart sitzen, wenn du alle Kissen hast?" "Ach was - das ist nicht schlimm. Ich war mal in einem Gottesdienst mit acht anderen Besuchern. Ich hab immer genug Kissen!"

Natürlich liegt ein gelungener Gottesdienst nicht an der Härte der Kirchenbänke. Im Fußballstadion, in das Nikolas manchmal mitgeht, gibt es noch nicht einmal Sitze. Da ist selbst stundenlanges Stehen kein Problem. "Naja, da kann man mal ein Pläuschchen mit dem Nachbarn halten, ohne das sich gleich einer umdreht und böse schaut. Da ist es nicht so streng. Man kann auch einmal woanders hinlaufen, in der Jogginghose kommen oder was essen. In der Kirche gibt es immer eine stille Vorgabe, was man zu tun und zu lassen hat. Da darf man am besten noch nicht mal husten."

Dabei schätzen sie das Gemeinschaftserlebnis, dass solchen Ereignissen gemein ist: Gemeinschaft zu halten, im besten Falle "Spaß haben", gemeinsames Singen und als Team zusammen sein. Und es kommt immer auf den darauf an, der "vorne" steht. Viel hängt von der Sympathie zum Pfarrer ab. Ob man ihm vertrauen kann. Ob er "ihre Sprache" spricht. Bisher haben sie da ganz unterschiedliche Erfahrungen gemacht. Von "voll Cool", bis "ganz schlimm und spießig".

Vielleicht ist es auch ein bisschen das, was sie Sonntag für Sonntag sehen: Vor allem viele ältere Menschen, die scheinbar "Zeit haben", einen Gottesdienst zu besuchen. Aber Jugendliche? Klar, für die gibt es auch Angebote. Oft sind sie von Erwachsenen gemacht, die "auf jugendlich" machen. Das klappt aber meisten nicht. Da sind sie sehr empfindlich und haben ein gutes Gespür für Authentizität.

Jugendarbeit ist eine Sache, die in vielen Gemeinden gut läuft, in machen aber mehr so nebenbei. Klar, alle Besucher kann man nicht bedienen.
Wie würden die drei Freunde denn "Kirche" gut finden? Es fehlt oft an "niederschwelligen" Angeboten: Jugendgruppen, die gewachsen sind und die die nächsten Jugendlichen - die nächste Generation quasi "mitnehmen können".

Gottesdienste sollten für sie familiär werden. Kein Gottesdienst, bei dem man als schweigsamer Zuschauer "bedient" wird. Mitmachaktionen fänden sie gut - wenn sie nicht peinlich sind. "Einmal mussten wir im Gottesdienst bänkeweise Sprüche aufsagen: Nie wieder!" Die Bibel sollte besser erklärt werden - "so wie wir heute sind und Leben und was es mit meinem Leben zu tun hat und nicht vor 2000 Jahren". Und: "einmal sagen in der Predigt reicht. Oft sagen Pfarrer fünfmal dasselbe - nur immer ein bisschen anderes."

Es ist die kommende Generation, die diese Kirche weitertragen wird - oder nicht. Es wird Gemeinden geben, die diese Kinder und beginnenden Jugendlichen einbinden können. Ihnen ist "Kirche" derzeit nur bedingt wichtig. Die einsetzende Pubertät und überhaupt das ganze Leben verlangt ihnen viel ab.

Aber vieles ändert sich im Leben. Der Glaube hingegen ist ihnen wichtig. In ihm können sie Halt und Zuflucht finden. Das gilt es zu bewahren. Und vielleicht lernen sie tatsächlich an unserem Vorbild, was einem Kirche im Leben durchaus auch bedeuten kann. Es gilt für uns Erwachsene, diese Kinder freundlich aufzunehmen, ihnen zuzuhören und im Gespräch zu bleiben.          

                              Inge Wollschläger