Serie: Frischer Wind, Teil 19

Farben des Glaubens
Kunst kann in Kirchen Akzente setzen und zu neuen Perspektiven auf den Glauben inspirieren. Foto: Blauth

Wenn aus Fragen Kunst wächst

Kunst kann so dermaßen laut sein, dass man sich die Ohren (oder die Augen) zuhalten möchte. Oder so winzig und zart, dass man sie erst entdecken muss. Und natürlich alles dazwischen. Kunst spielt immer auch. Mit den Räumen, in denen sie atmet, mit den Materialien, die sie transformiert, mit dem Betrachter, indem sie ihm alle möglichen Fragen mitgibt.

Und das ist es ja gerade: Kunst verändert. Ein Raum wirkt anders als vorher. Materialien, Formen und Farben werden neuen Zusammenhängen zugeführt. Farben verändern sogar das menschliche Temperaturempfinden.

Und Kunst selbst ist veränderlich: Wir kennen verschiedene Epochen, allerlei -ismen, verschiedene Phasen einer Künstlerbiografie. Kunst greift immer - irgendwie - auf ihre Traditionen zurück, die sie vielleicht dreht und wendet; aber sie greift darauf zurück. Was sie schafft, ist neu, aber doch verwurzelt; individuell und allgemein, fraglich und verständlich - immer beides.

Das klingt doch alles nach "frischem Wind"?

Genau der hat mir gefehlt, als ich, im Grundschulalter, in der Kirche unseres Ortes saß und sie immer wieder in meiner Vorstellung, nach meiner Vorstellung "umgestaltet" habe. Eher Rottöne? Blaunuancen? Mir fehlte die Kunst - die einen Raum lebendig und einladend gestalten kann. Beigefarbene Wände, düstere Bänke und Glasfenster in Ockertönen (alles von 1929 oder später) wirkten auf mich ziemlich unwirtlich. Mein Blick wanderte stets zu den einzigen, ganz kleinen Farbflecken in einem der Fenster: An einer Stelle war Jakobus 1,22 - "Seid Täter des Worts und nicht Hörer allein" - zu lesen und von je einem wunderschönen Glasstück eingerahmt. Eins war merkwürdigerweise königsblau, das andere dunkelkarminrot. Diese beiden "Scherben" waren für mich wie ein Trost, wie ein Anfang, wie ein Stück vom Regenbogen. Und es war mir klar: irgendwann würde ich einen Kirchenraum mitgestalten, freundlicher gestalten.

Diese Möglichkeit bot sich dann wirklich, und zwar 40 Jahre später. In einer kleinen evangelischen Kirche im Rheinland (in Meerbusch-Osterath, vor den Toren Düsseldorfs) durfte ich das Projekt "Kunst in der Apsis" aus der Taufe heben und bis heute betreuen - dreizehn Jahre lang. Im Zuge einer grundlegenden Renovierung hatte diese Kirche eine Apsis aus Stahl und Glas erhalten (damit die Kirchenbesucher nicht weiterhin auf eine breite, hermetische Stirnwand schauen müssen), und deren weiße Rückwand wurde nun "bespielt", mit Kunst. Anfangs war man sich nämlich nicht sicher, ob dort ein Kreuz installiert werden soll oder etwas anderes; aus dieser Frage - ja, aus Fragen kann etwas wachsen! - ergab sich das spannende Projekt, das sich im Übrigen auf weitere Wände ausbreitete. Das alles kam, vor allem zu Beginn, nicht bei jedem und jeder gleich gut an, denn Veränderung kann auch schmerzhaft sein. Aber nichts bleibt gleich, ob wir wollen oder nicht.

Andererseits können die alten Gebete eine Geborgenheit vermitteln, die ihresgleichen sucht. Deswegen werden sie ja in den Gottesdiensten gebetet und damit lebendig und aktuell gehalten. In diesen Bereich will Kunst auch gar nicht hineintasten. Vielleicht mag sie aber manchmal, mit ihren Mitteln, darauf hinweisen, dass wir immer wieder andere Akzente setzen, anderes fokussieren, auch kritisch sehen, was vor gar nicht langer Zeit noch durchging. Ich kenne Menschen, die sich ­weigern, bestimmte Stellen des Glaubensbekenntnisses mitzubeten. Auch Sprache ändert sich bekanntlich.

Das Kirchenjahr, die Grundlage unserer Ausstellungsthemen, ist ja auch alles andere als statisch - in seinem ganz eigenen Rhythmus äußert es das, was uns betrifft: lebhafte, hoffnungsvolle, todtraurige, wunderbare und gelassene Phasen. Diese Dynamik mit Kunst sichtbar zu machen, ist meine kuratorische Aufgabe. Wobei mir die kurze, aber "heftige" Pfingstzeit oft am meisten Spaß macht. Große, leuchtendrote Bilder haben den Kirchraum schon für sich eingenommen, und kürzlich durften wir einen Riesenholzschnitt des Künstlers Felix Droese ausleihen: Auf fast fünf Metern Länge steht "kein Zutritt" geschrieben (oder korrekter: gedruckt), ein gewaltiges Werk, das vielleicht die Wucht und die Kraft des Heiligen Geistes ansatzweise zu zeigen vermag - und ein befremdliches Gefühl ahnen lässt: Würden wir ihm überhaupt "Zutritt" gewähren? Wollen wir uns inspirieren, begeistern lassen oder verlassen wir uns immer nur auf das Bewährte - auch wenn es kaum noch Puste hat? Was machen wir mit Eingebungen? Schöpfen wir sie aus - oder wehren wir sie ab?

Aber natürlich gibt es auch Tage, die arm an Farbe sind und Stille brauchen. Die Passionszeit geht nach innen, berührt, spricht über das Leiden, um das wir alle nicht ­herumkommen. "Mein Leben ... das war bisher Vergnügensopti­mierung", sagte mir mal jemand. Aber zweifellos gibt es auch weni-ger vergnügliche Zeiten, an denen man einfach nichts mehr optimie-ren kann. Man will auferstehen ­können, Hoffnung haben, Licht sehen. Nicht von ungefähr wird von „Perspektiven“ gesprochen, nach denen man sucht. Das ist eindeutig eine Anleihe aus dem künstlerischen Bereich.

Ein beigefarbener Raum mit düsterem Gestühl eröffnet kaum Perspektiven, inspiriert zu wenig. Das fand wohl auch die Gemeinde, in der ich einst konfirmiert wurde: Diese Kirche, in der ich als Kind Rot oder Blau sehen wollte, wurde in der Zwischenzeit deutlich verändert. Man hat sich für blaue Akzente entschieden. Und für ganz helle Holzbänke.     

                              Marlies Blauth
    
Marlies Blauth, geboren 1957 in Dortmund, ist Künstlerin und ­Autorin. Sie lebt und arbeitet in Meerbusch bei Düsseldorf.

Im ­Internet ist sie auf ihrem Blog zu finden: kunst-marlies-blauth.blogspot.com

                              Erik Herrmanns, Gemeindepfarrer in Mindelheim