Serie: Frischer Wind, Teil 18

Pfarrer Erik Herrmanns
Pfarrer Erik Herrmanns mit seinen Kindern beim ersten Versuch 2008. Foto: privat

"Gott hat etwas übrig für dich!" - Projekt am Reformationstag zum Nachmachen

Stellen Sie sich vor, es ist der 31. Oktober. Sie genießen den Feierabend, da läutet es an der Haustür. Was erwartet Sie, wenn Sie öffnen? Falls Sie überhaupt öffnen wollen. Aus verständlichen Gründen bleiben an diesem Abend die Türen oft verschlossen. Wer das riskiert, muss am nächsten Morgen damit rechnen, Briefkasten und Türklinke ketchupverschmiert vorzufinden. Protestieren = Zeugnis ablegen

Es lässt sich nicht leugnen: In den vergangenen Jahren hat uns die Halloween-Welle voll erwischt. Sie bringt Kindern und Jugendlichen ein gruseliges Vergnügen und kiloweise Süßes, andere finden sich eher auf der sauren Seite wieder, weil sie sich nicht zum Mitspielen zwingen lassen wollen. In jedem Fall macht nicht nur die Verkleidungsbranche gute Umsätze, und darum geht es ja wohl letztlich.

"Da müsste man eigentlich protestieren!", denken viele. Nur wie, und ohne als griesgrämige Spaßbremse dazustehen? "Protestieren", das heißt doch wörtlich: "für etwas Zeugnis ablegen". Das steht uns Protestanten an sich gut zu Gesicht. Pro, nicht Contra. Statt wütender Kritik das fröhliche Bekenntnis für etwas. Denn, war da nicht noch etwas am 31. Oktober?

Zweiter Versuch: Stellen Sie sich noch einmal vor, es ist der letzte Abend im Oktober, und es klingelt. Nehmen wir an, Sie haben freundlicherweise etwas vorbereitet und wollen gerade großzügig austeilen, da kommen Ihnen die Kinder an der Tür zuvor. Schon beim Öffnen hatten Sie den Eindruck, etwas stimmt nicht mit ihnen. Sie sind zwar verkleidet, aber weder als Hexen noch als Skelette, sondern in altertümlichen Gewändern. Und ihr Sprüchlein klingt so anders. Sie fangen an zu erzählen: Dass an diesem Abend Christen auf der ganzen Welt an einen Mann erinnern, der ein Stück Papier an eine Kirchentür gehängt hat. Dass dieser Martin Luther, nichts anderes  im Sinn hatte, als auf Jesus hinzuweisen, auf einen Gott, der es gut meint mit seinen Menschen. "Gott hat was übrig für dich", davon reden sie nicht nur, sie singen es sogar. Und noch bevor sie selbst ihre Süßigkeiten loswerden, halten Ihnen die Kinder ihr Körbchen entgegen, gefüllt mit Lutherbonbons und Gebetskarten: Luthers Morgen- und Abendsegen.

Gott beschenkt

Nein, sie wollen partout nichts annehmen, diese abendlichen Besucher. Schon gar kein Geld - obwohl sie von der Kirche kommen! Verkehrte Welt ... "Bei Gott muss keiner etwas mitbringen. Er will uns beschenken", behaupten sie. Mit einer Einladung zum Reformationsgottesdienst ihrer Gemeinde verabschieden sie sich, lassen verblüffte Gesichter zurück und klingeln an der nächsten Haustür. In manchen Wohnzimmern wird an diesem Abend darüber diskutiert, wer jetzt hier wen beschenkt hat, und ob das wirklich sein kann: Ein Gott, der nicht fordert sondern freiwillig gibt. Selbst für Evangelische Ohren kann das überraschend klingen.

Und ein letztes Mal bitte ich um Ihre Phantasie: Es dämmert, das Kalenderblatt zeigt den 31. Oktober 2017. Überall im Land ziehen Kinder und Jugendliche durch die Straßen. Ja, ein paar gespenstische Gestalten sind auch noch darunter. Doch sie werden überhäuft mit Lutherbonbons. Die bekommen sie von den Horden an Kindergottesdiensten, Jungscharen, Konfirmanden-  und Jugendgruppen, die heute keine Wohnung auslassen. Überall verbreiten sie ihre Einladung - nicht nur zur Erinnerung an eine historische Persönlichkeit, sondern zu dem lebendigen Gott, der immer noch etwas übrig hat für uns. Ihre frohe Botschaft wird zum Stadtgespräch, selbst bei denen, die von all dem innerkirchlichen Rummel um das Reformationsjubiläums nichts mitbekommen haben.

Ob sie sich dadurch bewegen lassen, hin zu dem Gott, der sehnsüchtig auf sie wartet? Ich weiß es nicht. Aber ich weiß, dass dieser Gott alle seine Kinder zu Botschaftern seiner Liebe berufen hat. "Ruft es in jedes Haus hinein!" Steht zwar nicht in der Bibel, stimmt aber trotzdem. Und ich bin mir sicher, dass es bei ihm ein himmlisches Freudenfest geben wird, sollte auch nur ein Einziger auf die Einladung seiner Jüngsten reagieren.

Noch ist es nicht soweit. Aber von Jahr zu Jahr werden es mehr Gemeinden, die sich an dieser Idee beteiligen. Die Erfahrungen bisher sind ermutigend: Viele können sich beteiligen, werden selbst zu Zeugen der besten Nachricht der Welt, und noch viel mehr bekommen zu Hause die Chance, eben diese zu hören. Martin Luther hätte das bestimmt gefallen. Vor allem, weil er nicht selbst im Mittelpunkt steht, sondern der Gott, zu dem Luther die Menschen seiner Zeit führen wollte.

'Solus Christus', nannte er das. Jesus brauchen wir im Leben und im Sterben, ihn allein. Auch wenn heute wohl andere Hindernisse unsere Zeitgenossen von ihrem Schöpfer trennen - Selbstsicherheit und Wohlstand statt Höllenangst und die autoritäre Macht der Kirche wie in den Jahren der Reformation - gilt uns die gleiche Herausforderung. Die Ernte ist groß, der Arbeiter aber sind wenige. Lasst uns den Herrn der Ernte bitten, dass er Arbeiter aussende in seine Ernte!

Neugierig geworden? Hintergründe, Erklärungen und alles Material zu dem beschriebenen Projekt finden Sie in zwei Heften, einem ausführlicheren für erwachsene Mitarbeiter und einem Teilnehmerheft für Kinder und Jugendliche. Zu beziehen sind sie in jeder Buchhandlung oder im Internetshop des Religionspädago­gischen Zentrums in Heilsbronn (www.rpz-heilsbronn.de).   

                              Erik Herrmanns, Gemeindepfarrer in Mindelheim