Serie: Frischer Wind, Teil 17

Jesus und Petrus
Jesus und seine Jünger in einer Kirche auf Amrum. Foto: Müller

Alte Rollenbilder im Pfarramt - ein steter Kampf als Frau?

Vor einigen Jahren wurde ich zu einem Trauergespräch eines älteren Paares gerufen. Als ich die Wohnung im 6. Stock betrat, umgab mich geordnete Ruhe. Die Einrichtung war übersichtlich und gepflegt rustikal.

Der Witwer gab mir irritiert die Hand, während ich mich vorstellte und ihm mein Beileid aussprach. "Ich dachte, der Pfarrer kommt zum Gespräch. Naja, irgendwie passt das ja auch." Dann führte er mich in das kleine Esszimmer. Im Gespräch erfuhr ich Berührendes: über 50 Jahre waren sie verheiratet gewesen. Seine Frau hatte selbstlos zurückgestanden während er Karriere gemacht hatte. Sie war sein Fels in der Brandung gewesen, erzog ihre beiden Kinder mit Liebe und Hingabe und umsorgte ihn liebevoll, wenn er abends erschöpft von seinem Tagwerk zurückkam.

Als Lesung für die Trauerfeier wählten wir daher Auszüge aus dem Sprüchebuch, Kapitel 31 aus: "Wem eine tüchtige Frau beschert ist, die ist viel edler als die köstlichsten Perlen. Ihres Mannes Herz darf sich auf sie verlassen, und Nahrung wird ihm nicht mangeln. Sie tut ihm Liebes und kein Leid ihr Leben lang ..."
Mich berührte diese Hingabe sehr und sie machte mich mehr als nachdenklich, denn mein Weg war ein ganz anderer.

In der Mitte des Lebens

In der Mitte meines Lebens und auch in der Mitte meiner beruflichen Laufbahn, ist es Zeit, ein Resümee zu ziehen, und etwas Rückschau zu halten.

Ich hatte relativ jung geheiratet und bereits Kinder während des Studiums bekommen. Nachdem wir uns vorgenommen hatten, dass mein Mann berufstätig werden würde, ich in Teilzeit promovieren und die Rolle der Familienfrau übernehmen würde, schien dies kein Problem darzustellen. Doch bereits in der Examensvorbereitung kam der zuständige Vertreter der Landeskirche auf mich und andere Mütter zu mit dem Hinweis, dass es schwer sei, mit Kindern das Examen zu bestehen. Wir sollten uns dies gut überlegen. Damals war ich noch nicht mutig genug gewesen, aufzusprechen und darauf hinzuweisen, dass dies diskriminierend sei. Mulmig machte ich mich an die Vorbereitung und bestand kurze Zeit später alle Prüfungen ohne Probleme.

Leider nahm das Leben danach einen ganz anderen Lauf, da mein Mann keine Arbeitsstelle fand. So beschlossen wir, dass ich mein Vikariat anstatt einer Promotion beginnen würde. Auch hier stieß ich auf ungeahnte Vorbehalte und musste eine bittere Erfahrung machen, die mich lange in unterschiedlichen Facetten weiter begleitete: die Diskriminierung und Einschränkung kam oft aus den eigenen "weiblichen" Reihen. Meine Mentorin eröffnete mir beim Vorstellungsgespräch, dass ich abstillen müsse, um meinen Dienst beginnen zu können und ab sofort auf einen freien Tag verzichten müsse. Dieser könne, wenn überhaupt, nur jeweils in Teilen während der Woche genommen werden. Wie sollte nur unser Leben als Familie noch stattfinden?

Alte Rollenbilder

Ein steiler Einstieg in die Welt des Pfarramtes, denn obwohl inzwischen viele Frauen im Pfarramt arbeiten, ist das Rollenbild noch nicht durchbrochen. Stehe ich neben Amtskollegen, so werde ich oftmals als Sekretärin oder Vikarin von vielen identifiziert. Manche fragen sogar bei Gesprächen, ob sie an meiner Statt den "Hauptpfarrer" sprechen dürften. Der sei ja so erfahren. Welche Ironie, dass ich die erste Pfarrerin in einem sogenannten Teampfarramt bin.

Besonders verletzend ist jedoch der Gegenwind aus den eigenen weiblichen Reihen: Kirchenvorsteherinnen, die im Bewerbungsgespräch danach fragen, ob ich als Frau überhaupt fähig sei, dieses Amt und die Geschäftsführung auszuführen - die, wenn ein Kind erkrankt und ich kurz ausfalle - mich sofort mündlich und sogar schriftlich auffordern, von meinem Dienst zurückzutreten und die angestammte Rolle am Herd einzunehmen.

Eine Prädikantin, die regelmäßig den Verkündigungsdienst in meiner Dienstgemeinde übernimmt, und gleichzeitig öffentlich unterstreicht, dass sie Frauen im Pfarrdienst nie dulden würde, wenn es nicht das Kirchengesetz gäbe.

Starke Frauen

Ein steter Kampf umgibt mich als Pfarrerin. In vielem nur, weil ich in den Augen mancher das falsche Geschlecht habe und gegen überkommene gesellschaftliche Konventionen hinweg eine andere Familienstruktur lebe bzw. leben muss, um eine Familie zu ernähren.

Wenn es nicht um einige wenige starke Frauen in der Kirchenleitung wäre, die mich unterstützt haben, mir zuhören und oftmals über das normale Maß hinaus für mich da sind, hätte ich die Arbeit in diesem immer noch Männer dominierten Beruf längst aufgegeben. Die Opfer, die diese Frauen bringen und brachten, sind wahrscheinlich um einiges größer als meine eigenen. Sie engagieren sich, damit Frauen wie ich in diesem bunten und sehr interessanten Beruf endlich einen Stand erhalten.

Ist es das wert?

In der Mitte meines Lebens frage ich mich kritisch: War es all dies wert? Meine Hand bewegte nie eine Wiege, vielmehr war ich abwesend. Mein Mann erlebte die ersten Schritte meiner Kinder, besuchte Kindergartenfeste und Schulvorstellungen. Ich jedoch war in langen Kirchenvorstandssitzungen, musste oft ins Leere führende Gespräche mit Angestellten oder Kollegen führen.

Die wahren Inhalte des Pfarramtes, wie seelsorgerliche Begleitung, Gottesdienst und Kasualien, die mich mit Freude erfüllen und ein Segen sind, nehmen nie dieselbe Gewichtung ein.

Ich glaube kaum, dass ich die Welt durch meine Familienstruktur und Berufung verändere. Es ist noch ein langer Weg, bevor wir wirklich faktisch von Gleichberechtigung im Pfarramt sprechen können, die mehr ist, als nur ein "erfochtener" Rechtsanspruch.
    
Die Verfasserin ist dem Sonntagsblatt bekannt. Sie arbeitet seit vielen Jahren als Pfarrerin in der Evangelischen Kirche.

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