Serie: Frischer Wind, Teil 16

Jesus und Petrus
Jesus und seine Jünger in einer Kirche auf Amrum. Foto: Müller

Über den Heiligen Geist

Die flatternde Kirchenfahne im Wind. Das pralle Segel des Segelschiffes. Die Blätter der Bäume und die Haare der jungen Frau, die im Wind wirbeln. All dies zeigt uns, dass ein Wind weht. Wir spüren ihn auf unserer Haut, auch wenn wir ihn selbst nicht sehen. Was ist der Geist Gottes? Der Heilige Geist? Er ist nicht sichtbar. Die Taube, die vom Himmel auf Jesus herab kommt; die feurigen Zungen, die am Pfingstfest auf die Jünger kommen, das sind zwar Bilder für den Geist. Ihn selbst aber können wir nicht sehen. Nur seine Auswirkungen unter uns.

Das ist wie bei Radiowellen. Niemand kann sie sehen, und doch, wenn wir das Radio anschalten, dann können wir Programme hören, die weit von uns von einem Sender ausgesandt werden. Der Heilige Geist ist nichts anderes als Gott selbst, Gott, der in einem jeden und einer jeden von uns wohnt, der zwischen uns wirksam ist. Er bewegt Menschen zum Guten. Er gibt uns die Kraft und die Energie, das zu tun, was Gott von uns will. Er schafft Beziehungen zwischen uns.

Wir spüren den Geist in der Begeisterung für Jesus, die Menschen erfasst. In der Aufbruchstimmung, die eine Gemeinde oder die Kirche beflügeln kann. In unserem Logo für die Pfarrei "Feuer und Flamme für Heilig Geist", das wir auf dem Gemeindebrief finden, soll das zum Ausdruck kommen. Nicht nur in dem flammenden, vom Wind bewegten Schriftzug, in der weißen Taube, die sich zum Himmel aufschwingt.

Ich erinnere mich noch gut daran, als ich als Student bei einem Segeltörn auf der Ostsee mitmachte. Wir sollten einen Zweimastschoner von Greifswald über die Ostsee nach Fehmarn bringen. Und da kamen wir also an, eine Gruppe von Laien, und wurden von unserem Skipper erst einmal in die wesentlichen Handgriffe der Seemannskunst eingewiesen: wie man einen Seemannsknoten macht, wie man ein Segel hisst, wie man ein Schiff vertäut, Seekarten liest, das Ruder bedient. Und als es dann losging, da stachen wir alle mit Vorfreude in See, erwartungsvoll, sehnsuchtsvoll nach dem weiten Meer und fernen Häfen. Angetrieben durch den Wind. Und auf engen Raum begrenzt, wuchsen wir bald zu einer Mannschaft heran, wo sich einer auf den anderen verlassen konnte.

So eine Stimmung in der Kirche bezeichne ich als das Wirken des Heiligen Geistes. Dieser Geist lässt sich nicht innerhalb der Kirchenmauern oder der Pfarrämter festbinden. "Der Wind weht, wo er will, und du hörst sein Sausen wohl. Aber du weißt nicht, woher er kommt und wohin er geht", sagt Jesus. Oftmals geistert er auch außerhalb der verfassten Kirche herum, zum Beispiel auf den Jugendcamps in Taizé, einer Communität, die nach dem Krieg in einem dünn besiedelten Landstrich mitten in Burgund entstand. Da spüren viele Menschen aus verschiedenen Ländern etwas von Gottes Geist, der Menschen verbindet. Manchmal kann sich das Wehen des Geistes gar zum Sturm ausweiten, wie 1989, als aus zunächst unscheinbaren Montagsdemonstrationen und Gebeten in den Kirchen plötzlich ein Sturm wurde, der die innerdeutsche Mauer einriss und uns die deutsche Einheit brachte. Manchmal ist er einfach in engagierten Gruppen zu spüren, die sich für die Menschenrechte oder bei Katastrophen einsetzen, oder die der Politik und Wirtschaft ins Gewissen reden. Manchmal spricht dieser prophetische Geist außerhalb der Kirche viel hörbarer.

Es ist sogar so, dass Menschen auf den Ungeist und auf den widergöttlichen Geist der Zeit hereinfallen und "dieses" dann auch noch für den Heiligen Geist halten. Denken wir nur an die Kriegsbegeisterung 1914, als Deutsche, Österreicher und Franzosen, Briten und Russen gleichermaßen in den Krieg auszogen und meinten: "Gott mit uns". Wieviele Deutsche Christen haben zwischen 1933 und 1945 auf diesen Ungeist gesetzt und Hitler für eine Art Messias gehalten! So kann auch mancher ungute und böse Geist die Kirche erfassen. Kirche kann auch dem Zeitgeist verfallen, Modeerscheinungen hinterher eilen. Reli­gion kann für politische Zwecke missbraucht werden kann. Sei es durch Selbstmordattentate von Fanatikern oder sei es dadurch, dass eine Regierung ihre Soldaten in einen ihrer Meinung nach gerechten Krieg schickt und für sein Gelingen betet.

Gerade diejenigen, die sich als vom Geist erfasst sehen, müssen sich auch immer wieder einmal vom Standpunkt der biblischen Gebote her befragen lassen, ob es denn wirklich Geistesblitze sind, die sie treiben, oder ob sie da nicht einem Ungeist folgen. Entscheidend ist immer, ob aus Menschen der Geist Jesu, der Geist der Wahrheit und der Liebe spricht.

Doch es gibt auch den anderen Geist, den Geist der Entmutigung und der Verzagtheit. Wenn Kirche es gar nicht mehr wagt, freimütig das Evangelium von Jesus Christus zu predigen, um nur niemandem auf den Schlips zu treten. Wenn Kirche nicht wagt, ihren Mund für die Bedrängten aufzutun, weil sie sich nicht mit den Mächtigen dieser Welt anlegen will, dann zeigt sie sich geistlos oder zumindest geistesabwesend.

Wir können Gottes Geist dämpfen, indem wir ihn nicht zu Wort kommen lassen. Wir können uns dem Geist der Gemeinschaft entziehen, wenn wir den Versammlungen fernbleiben. Aber schlimmer noch: Jesus spricht auch einmal von der Sünde wider den Heiligen Geist. Jesus meint damit, wenn jemand wider besseres Wissen das offensichtliche Wirken des Geistes leugnet und behauptet, hier sei im Gegenteil das Böse am Werk. Als Jugendlicher hat mir diese Vorstellung etwas Angst eingeflößt. Aber mein damaliger Pfarrer sagte mir: Schon wenn wir uns ängstlich fragen, ob Gottes Geist in uns wirkt, dann ist das schon ein Zeichen dafür, dass wir eben nicht von allen guten Geistern verlassen sind. Denn nur der Überhebliche meint, er hätte den Geist Gottes unwiderruflich gepachtet und könne über ihn verfügen, wie er will.

"Du blöder Wind!" so hörte ich es einmal aus dem Mund meines Sohnes draußen vor meinem Fenster. Ich schrieb gerade die Pfingstpredigt. Ich wünsche mir, dass Gottes Geist auch immer wieder einmal bei uns dazwischen fährt, wie der Wind bei meinem Sohn; dass er uns stört und aufrüttelt, erregt und begeistert, damit wir nicht entgeistert, geistesabwesend und vergeistigt durch die Welt gehen, sondern andere in unserer geistreichen Begeisterung die Geistesgegenwart entdecken.    

                            Ulrich Winkler

Ulrich Winkler ist 47 Jahre, seit 2004 Pfarrer an der Heilig Geist Kirche in Rothenburg o.d.T. Er ist verheiratet und hat vier Kinder. 

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